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Hamburgs bedrohter Traum

Olympia-Bewerbung Hamburgs bedrohter Traum

In Hamburg geht die Bürgerbefragung für die Olympische Spiele 2024 in die heiße Phase: Lange lagen die Befürworter der Bewerbung in der Hansestadt in den Umfragen vorn – doch in Zeiten des Terrors bröckeln die Zustimmungswerte.

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Olympia 2024 in Hamburg - so soll es mal ­aussehen: Die Elbinsel Kleiner Grasbrook mit Olympiastadion und Athletendorf.

Quelle: Kcap | Arup | Vogt | Kunst+herbe

Hamburg. Der Mittvierziger druckst herum. Er sitzt mit Bier in der Hand an der Theke einer Kneipe in St. Pauli, Heimat der Globalisierungsgegner, der Gentrifizierungsgegner, der Olympiagegner. Da wird das, was er eigentlich sagen will, normalerweise nicht so gern gehört. Er rafft sich dann doch auf, flüstert vorsichtig: „Ja, ich habe dafür gestimmt.“ Als sein Kumpel, Markenzeichen geflochtener Bart, zustimmend nickt, legt er etwas selbstbewusster nach: „Ich bin Sportfan. Und wann hat man schon mal die Chance auf Olympische Spiele in der Heimatstadt? Vielleicht wird dadurch die Stadt auch ein bisschen sicherer.“

Eine Woche vor Ende des Referendums am 29. November diskutiert Hamburg über die Frage, ob sich die Hansestadt für die Olympischen Spiele 2024 bewerben soll oder nicht. 1,3 Millionen Bürger dürfen abstimmen. Und das tun sie fleißig: Täglich sollen derzeit 60 000 Briefwahlzettel abgeschickt werden. 455 826 waren am vergangenen Donnerstag bereits beim Landesabstimmungsleiter eingegangen. „Es sieht so aus, als könnten wir 50 Prozent Wahlbeteiligung erreichen“, sagt Nikolas Hill, Geschäftsführer der Bewerbungsgesellschaft Hamburg 2024. „Das wäre ein wirklich starkes Ergebnis.“ Ihm reicht eine einfache Mehrheit, wenn mindestens 20 Prozent der Wahlberechtigten mit Ja stimmen.

Die Olympischen Spiele, dieser gigantische Sportmythos mit antiker Vorgeschichte, soll nicht weniger schaffen, als Hamburg im Weltbewusstsein zu verankern und die Stadtentwicklung voranzutreiben.

Die Zustimmungswerte für Olympia bröckeln

Aber auf der Zielgeraden bröckeln die Zustimmungswerte. Laut Forsa-Institut waren im September 63 Prozent der Hamburger für die Bewerbung. Als die Meinungsforscher jüngst wieder fragten - vor den Anschlägen von Paris -, waren es nur noch 56 Prozent. Hill spricht von der aktuell „intensiven Debattenlage“, von der Flüchtlingsproblematik, von den Wirren beim Deutschen Fußball-Bund rund um das Sommermärchen 2006.

Und jetzt auch noch der Terror.

Die Pralinenverkäuferin in der schicken Europa-Passage, einem Einkaufszentrum in Hamburgs Innenstadt, hat dazu eine klare Meinung: „Terrorangst? Die sind doch alle durchgeknallt. Das hat doch mit Olympia nichts zu tun“, schimpft sie. Terror kenne sie noch aus den Zeiten der RAF. „Da war ich in der Pubertät.“ Und heute? „In Paris sind die Anschläge, und wir Deutschen leiden.“ Nach den Vorkommnissen in Frankreich habe es eine Sicherheitsübung für das Einkaufszentrum gegeben. „Hat funktioniert“, sagt sie. Ihre Hauptsorge: Weil ihre Wohnung zu klein ist, könne sie 2024 keine internationalen Gäste aufnehmen. Natürlich habe sie mit Ja gestimmt. „Mein Sohn und meine Eltern auch.“ Dass Hamburg nicht nur am Referendum, sondern später auch an den Konkurrenten Los Angeles, Rom, Budapest und Paris scheitern könnte: kein Gedanke.

Steigen die Mieten wegen Olympia?

Hamburger Olympia-Euphorie - die Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) unterstreicht: „Hamburg hat eine Topbewerbung vorgelegt. Die Bewerbung steht für den vom IOC und der internationalen Sportpolitik geforderten Neustart bei der Vergabe von Olympischen und Paralympischen Spielen. Ich drücke die Daumen für eine möglichst große Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an dem Referendum.“

Vor dem Eingang des Shoppingparadieses in der City friert der Wandsbeker Bezirksabgeordnete Sören Niehaus mit einigen CDU-Parteikollegen am Pro-Olympia-Infostand. Klar, sagt er, manchmal werde er auf Terror und Olympia angesprochen. „Holen wir uns die Terroristen nicht hierher?“, habe jemand gefragt. Der 28-Jährige versteht die Ängste, sagt aber auch: „Olympia ist doch ein friedliches Symbol. Wir dürfen nicht einknicken.“

Den Gegnern gefällt diese „Jetzt erst recht“-Rhetorik überhaupt nicht. Das sei der perfide Versuch, den Terror zu instrumentalisieren, finden sie. Das Dachnetzwerk NOlympia argumentiert stattdessen mit der befürchteten Steigerung der Mieten, zweifelt den Nachhaltigkeitsgedanken der Bewerbung an, wonach im olympischen Dorf nach den Spielen zu einem Drittel Sozialwohnungen entstehen sollen, und kritisiert den Finanzplan der Organisatoren. Bei früheren Spielen seien die Kosten durchschnittlich um 130 Prozent gestiegen.

Das Finanzkonzept ist noch nicht klar

Und genau da liegt derzeit das wohl größte Problem der anvisierten Bewerbung für Hamburg 2024. 11,2 Milliarden Euro soll Olympia in der Hansestadt kosten - bei geschätzten Einnahmen von 3,8 Milliarden. Blieben 7,4 Milliarden, von denen der Bund nach Rechnung des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz (SPD) 6,2 Milliarden übernehmen soll. Nur will der Bund - offenbar überrumpelt von den Ansagen aus Hamburg - noch nicht so richtig. Eine Einigung soll es bis Februar geben. Die Bürger müssen also über ein unklares Finanzkonzept abstimmen, kritisieren die Gegner.

Aber sie beklagen einen Kampf mit ungleichen Waffen. Die Bewerbungsgesellschaft, so rechnen sie vor, verfüge über einen Werbeetat von 2 Millionen Euro. Ergebnis: eine Hochglanzkampagne unter anderem mit Plakaten in der ganzen Stadt. Sie, die Olympia-Gegner, haben für ihre mitunter eher improvisiert wirkende Kampagne dagegen nur 6000 Euro zur Verfügung. Das NOlympia-Büro ist in einer Baracke in St. Pauli untergebracht, drinnen nicht viel mehr als ein karger Tisch, ein paar Stühle und einige Kisten.

Dort, wo in neun Jahren der Großteil des olympischen Geschehens ablaufen soll, auf der Elbinsel Kleiner Grasbrook, ist es auch nicht viel gemütlicher. Ölgeruch, Container, Lastwagenfuhrparks, Schranken, Lagerhäuser, Eisenbahnschienen, eine Würstchenbude. Echte Hafenatmosphäre halt - und noch keine Spur von olympischem Glanz. Bewerbungschef Hill: „Mit dem Referendum haben wir den Sprint geschafft. Aber der Marathon steht uns noch bevor.“

Pro: Wir haben eine Verantwortung

Olympische Spiele sind magisch. Wie zig Weltmeisterschaften in kürzester Zeit. Diese Faszination ist mit nichts zu vergleichen – für Athleten und für Zuschauer. Deswegen: Wenn Deutschland die Chance bekommt, müssen wir es machen. Wir haben eine Verantwortung, dürfen nicht sagen, die in Russland, in Katar, die dürfen nicht – wir wollen aber auch nicht.
Außerdem sind wir eines der sichersten Länder der Welt. Die Anschläge von Paris und das abgesagte Fußball-Länderspiel in Hannover waren schlimm. Aber wir reden hier von 2024. Sollen wir uns ein großartiges Ereignis von Terroristen kaputtmachen lassen?

Deutschlands Plus: Wir können vernünftige, nachhaltige Spiele ausrichten. Und das Hamburger Konzept passt perfekt zur IOC-Agenda 2020. Ich freue mich auf ein Olympia der kurzen Wege. Dazu das Beispiel Stadtplanung: Die Gebäude müssten eh gebaut werden. Und schon heute steht fest, wofür sie nach den Spielen genutzt werden.
Ich gönne es jedem Hamburger, jedem Deutschen, einmal Olympische Spiele hautnah zu erleben.

Von Moritz Fürste

Der 31-Jährige ist zweifacher Hockey-Olympiasieger, spielt beim Uhlenhorster HC und engagiert sich für die Bewerbung.

 

Contra: Für Hamburg – gegen Olympia!

Das Referendum über die Hamburger Olympiabewerbung läuft noch bis zum 29. November. Der Senat verspricht uns das Blaue vom Himmel – unter der Bedingung, dass die Hamburger der Regierung einen Blankoscheck für die Durchführung Olympischer Spiele erteilen. Ein Blick in die Realität zeigt, wie wenig hinter all diesen Versprechen steht: Kostenexplosionen sind zu erwarten – denn das Finanzkonzept basiert derzeit auf groben Schätzungen und teilweise eindeutig unrealistischen Zahlen.

Hamburg müsste für Olympia einen Knebelvertrag mit dem IOC unterschreiben, der unter anderem vorsieht, dass die gesamtschuldnerische Haftung und damit das finanzielle Risiko einseitig bei der Stadt liegen. Ein beschleunigter Anstieg der Mieten ist ebenfalls immer die Kehrseite jeder olympischen Medaille – auch in Hamburg, denn die Wohnungen, die entstehen, werden überwiegend hochpreisig.

Wir brauchen etwas Besseres als Olympia: eine ausreichend finanzierte öffentliche Daseinsvorsorge, wirklichen sozialen Wohnungsbau und Breitensport statt Mega-Events!

Von Florian Kasiske

Der 34-Jährige ist Soziologe und Sprecher von NOlympia, dem Dachnetzwerk der Hamburger Olympiagegner.

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