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Conti und Wabco wollen Testgelände erweitern

Expansionskurs Conti und Wabco wollen Testgelände erweitern

Continental und Wabco wollen ihre Testgelände in der Heide erweitern, bei Anwohnern regt sich der Widerstand. Besonders der Lärm macht den Anwohnern zu schaffen. Der Bürgermeister von Jeversen hofft nun auf die Zugeständnisse der Unternehmen. 

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Mit bis zu Tempo 250 unterwegs: Auf dem Contidrom werden Reifen auf unterschiedlichen Straßenbelägen getestet. 

Quelle: Simon Eymann

Jeversen. Im Kiefernwald neben dem Testgelände hat Jörn Anders früher gern Maronen gesucht. Die Lust am Pilzesammeln ist ihm vergangen. Denn hinter dem Zaun bei Jeversen (Kreis Celle) quietschen Autoreifen und heulen Motoren.

Der Lärm vom Contidrom habe ihm zunehmend zu schaffen gemacht, sagt der 54-Jährige, immer mehr sei es im Lauf der Jahre geworden. Und nun haben erst der Reifenhersteller Continental und dann der Lkw-Zulieferer Wabco jeweils eine Erweiterung ihrer benachbarten Testgelände beantragt. Anders zeigt auf Bäume, Büsche und Blaubeersträucher: „Als Nächstes wird das hier gerodet.“

Zufahrt führt durch Wohngebiet

Der Mediengestalter, vor vier Jahren aus der Großstadt in sein Heimatdorf zurückgekehrt, blickt von seinem Arbeitszimmer von früh bis spät auf Transporter, Autos und Lastwagen, die im Wohngebiet zwischen Bundesstraße 214 und dem weniger als einen Kilometer entfernten Testgebiet unterwegs sind. Dass Jeversen noch mehr zum „Testdorf“ werden könnte, behagt vielen im Ort nicht. Anders spricht die Befürchtung am deutlichsten aus: „Die Konzerne fressen sich immer weiter in die Landschaft.“ Mit seinem einzigen Programmpunkt „Rote Karte für Conti und Wabco“ hat er es bei der Kommunalwahl im September als Einzelbewerber auf immerhin 10,5 Prozent der Stimmen gebracht.

Dabei können der Ortsrat und die Gemeinde Wietze, zu der Jeversen gehört, in Sachen Conti-Erweiterung gar nicht viel ausrichten. Die geplante zweite Strecke für Nassfahrten liegt auf Marklendorfer Gebiet im angrenzenden Heidekreis. Von Marklendorf ist die Anlage allerdings mit 1,7 Kilometern mehr als doppelt so weit entfernt wie von Jeversen mit 750 Metern. Der Gemeinderat im Heidekreis hat den Plänen des Reifenherstellers mit Blick auf Arbeitsplätze, Gewerbesteuer und die Notwendigkeit von Reifentests kürzlich zugestimmt. „Wir haben uns das vor Ort angeguckt“, sagt Samtgemeindebürgermeister Björn Gehrs in Schwarmstedt. „Man hat die schonendste Trassenvariante gewählt.“ Eine zweite Contidrom-Zufahrt von Marklendorf aus, wie von den Anwohnern im Kreis Celle gewünscht, sei nicht vorgesehen.

Einige Kilometer östlich in Jeversen zeigt sich Dietrich Ziemke, schon 35 Jahre Ortsbürgermeister, enttäuscht von der Nachbarkommune. „Solidarisch ist das nicht“, meint der Vertreter der Wählergemeinschaft. Anders als beim Conti-Gelände ist seine Kommune für das deutlich kleinere Wabco-Gelände zuständig, weil das betroffene Waldgebiet im Kreis Celle liegt. Der Nutzfahrzeug-Zulieferer hatte direkt neben dem Contidrom 1995 ein eigenes Testgelände errichtet. Nachdem Continental 2015 seine Erweiterungspläne präsentiert hatte, stellte Wabco im Februar dieses Jahres ebenfalls Ausbaupläne in Jeversen vor. Beide Unternehmen begründen dies damit, dass neue Technologien mehr Versuchsfläche erfordern. „Wir wollen das Fahren sicherer machen“, sagt Wabco-Geschäftsführer Jürgen Heller. Von den Anwohnern aber gab es bei einer Diskussion in der Gaststätte Unter den Linden Gegenwind.

„Im Interesse der Bürger kann ich die geplante Erweiterung so nicht unterstützen“, bekräftigt Bürgermeister Ziemke in seinem Wohnzimmer an der Zufahrtstraße zum Testgelände. Er selbst sei ein „robuster Typ“, sagt der 80-Jährige. „Aber es gibt viele im Dorf, die unter dem Lärm leiden.“ Vom Contidrom dringe das Quietschen oft durch den ganzen Ort - auch abends und an Wochenenden.

Der Bürgermeister hofft auf Zugeständnisse der Unternehmen - wenigstens eine zweite Zufahrt, die nicht durch Jeversen führt. „Aus unserer Sicht sollte Wabco außerdem das Gelände nach Süden erweitern, wo keiner wohnt.“ Dort allerdings wären wegen eines Trinkwasserschutzgebiets höhere Auflagen zu erfüllen, was den Betreiber wohl teurer zu stehen käme. Wabco habe ihm vor der Ansiedlung 1995 versprochen, sich nicht weiter in Richtung Ort ausdehnen zu wollen, erzählt Ziemke. Das aber sei in dem Plan vorgesehen.

Das Unternehmen zeigt sich indes kompromissbereit. „Eine eventuelle Verlegung des neuen Ovals Richtung Südwesten und die Frage der Zuwegung sind in der Prüfung“, sagte Geschäftsführer Heller am Freitag der HAZ. Man werde auch den gewünschten Lärmschutzwall bauen. Continental hält einen solchen Wall nicht für nötig.

Testgelände seit 50 Jahren

Das Contidrom wurde vom Reifenhersteller Continental 1967 am Ortsrand von Jeversen (Kreis Celle) gebaut. Nach einem Waldbrand stand dort freie Fläche zur Verfügung; vom Stammwerk Hannover aus ist das inzwischen 180 Hektar große Gelände in rund einer halben Stunde zu erreichen. Auf Trocken- und Nassstrecken mit unterschiedlichen Straßenbelägen wird die Griffigkeit und damit Verkehrssicherheit verschiedener Gummimischungen und Profile geprüft.

Auf einem 2,8 Kilometer langen Hochgeschwindigkeitsoval können die Testfahrer bis zu 250 km/h fahren. 2012 wurde auch eine Halle für automatische Bremstests errichtet. Das Contidrom wird auch an Autohersteller und Autozeitschriften für Tests vermietet, an Wochenenden finden Veranstaltungen wie Tuning-Tage statt.

Bei der Erweiterung soll in einer Schneise durch 20 Hektar Wald ein zweiter „Nasshandlingkurs“ entstehen, um Engpässen entgegenzuwirken. Auf der bewässerten Strecke ist, wie auf dem identischen Vorgängerkurs, höchstens Tempo 90 erlaubt, die Geräuschentwicklung ist dort vergleichsweise gering.

Das Wabco-Testgelände wurde 1995 direkt neben dem Contidrom eröffnet. Anfang 2017 kündigte Wabco an, 15 Millionen Euro in eine Erweiterung investieren zu wollen. Eine 3,5 Kilometer lange Fahrbahn mit Steilkurven soll um das bestehende Zwei-Kilometer-Oval herum gebaut werden, außerdem eine Fläche für Bremsentests bei landwirtschaftlichen Maschinen, ein weiterer überfahrbahrer Hügel und eine stadttypische Straßenführung mit Kreuzung und Kreisverkehr. Für den Ausbau will das Unternehmen 30 Hektar Kiefernwald neben dem bisherigen Gelände dazukaufen. gs     

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