Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Der Norden Das lehrt der Prozess gegen die IS-Rückkehrer
Nachrichten Der Norden Das lehrt der Prozess gegen die IS-Rückkehrer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:59 06.12.2015
Die Angeklagten Ayoub B. (vorn) und Ebrahim Hadj B. (dahinter) mit Anwalt Anselm Schanz (l) im Oberlandesgericht in Celle. Quelle: dpa/Archiv
Anzeige
Celle

Wie funktioniert die Propaganda der Terrormiliz Islamischer Staat, der immer mehr junge Deutsche auf den Leim gehen?
Zwar haben Syrien-Rückkehrer in Terrorprozessen schon berichtet, was sie vor Ort tatsächlich erwartete. Einen bislang unbekannten Einblick in die Rekrutierung westlicher Kämpfer aber gaben zwei in Celle als Terrorhelfer angeklagte Männer, über die das Oberlandesgericht am Montag das Urteil spricht. Sie sagten aus, wie ein IS-Prediger in Wolfsburg dutzende junge Muslime in seinen Bann zog und zur Ausreise bewegte. Geläutert und ohne Pläne, den Terror auch hier zu verbreiten, kehrten die zwei zurück. Dank umfangreicher Aussagen soll einer von ihnen von einer Kronzeugenregelung profitieren.

Was war die Masche der Islamisten?
Für den einen Wolfsburger begann es in der Werkshalle mit einer Ermunterung zum gemeinsamen Beten durch einen muslimischen Kollegen. Es folgte die Einladung in die Moschee, wo es neben dem Beten auch ein unverfängliches Freizeitangebot gab. In der dortigen Clique fühlten die beiden Angeklagten sich gut aufgehoben - und zu diesem Moment kam der Prediger ins Spiel. In Vorträgen auf Arabisch, die der türkische Moscheevorstand nicht verstand, radikalisierte er die jungen Leute. Erst war vom Unrecht, das Muslimen geschieht, die Rede, dann von der Notwendigkeit eines Einsatzes in Syrien. Die Eltern warnten ihre Kinder zwar vor der Gehirnwäsche - der Prediger aber sagte, die Alten verständen nichts vom Islam und kapselten sie von ihrer früheren Umgebung ab. Danach konnte er zum letzten Schritt ansetzen, dem Ansporn zur Ausreise ins gelobte Land der Salafisten.

Welche Strafe droht den Angeklagten?
Für die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung drohen bis zu zehn Jahre Haft. Die Bundesanwaltschaft hat für Ayoub B. (27), weil er als Krankenwagenfahrer bei Kämpfen dabei war, zusätzlich wegen Beihilfe zum Mord siebeneinhalb Jahre Haft gefordert. Er soll von einer Kronzeugenregelung profitieren - sonst wäre die geforderte Strafe höher ausgefallen. Die Verteidigung hat auf Freispruch oder Einstellung des Verfahrens plädiert. Ebrahim H. B. (26) soll nach dem Willen der Anklage vier Jahre und drei Monate hinter Gitter. Die Verteidigung hält höchstens zwei Jahre Haft zur Bewährung für genug.

Die zwei Deutsch-Tunesier packten bei der Polizei und in einem TV-Interview über die Hintergründe der Terrormiliz aus. Müssen sie Repressalien fürchten, wo verbrachten sie die Untersuchungshaft?
Ayoub B. steht als Abtrünniger auf einer Todesliste des IS, die auch vom inzwischen gestorbenen "Chef der Deutschen" beim IS, Denis Cuspert, weiterverbreitet wurde. Nach seiner Festnahme kam er im Hochsicherheitsgefängnis Sehnde bei Hannover in Isolationshaft. Ebrahim H. B. wurde in Rosdorf bei Göttingen inhaftiert und kam in psychologische Behandlung. Nach der Verlegung ins Celler Gefängnis bedrohten ihn dort nach Verteidigerangaben Islamisten, auch aber Kurden, die ihm die Vergewaltigung ihrer Frauen und Kinder vorwarfen.

Bei einer Verurteilung zu weiterer Haft, wie ist der Strafvollzug auf IS-Rückkehrer vorbereitet, deren Zahl in Zukunft zunehmen dürfte?
Zur Gefahr einer islamistischen Radikalisierung durch Gefangene hat es für das JVA-Personal in Niedersachsen bereits Schulungen gegeben, 2016 sind weitere Sensibilisierungskurse sowie Fortbildungen zur Kompetenz der inzwischen 27 muslimischen Gefängnisseelsorger geplant. Gefangene mit radikalen Tendenzen werden verstärkt beobachtet und notfalls von anderen Häftlingen abgesondert, Briefe und Besuch können überwacht werden. Mit pädagogischen und seelsorgerischen Maßnahmen soll eine Abkehr von extremistischen Einstellungen erreicht werden.

Eine Bestrafung der Angeklagten kann eine abschreckende Wirkung auf künftige Dschihadisten "made in Germany" haben. Was hat der Prozess darüber hinaus für die Prävention gegen radikale Salafisten gebracht?
Angehörige warnten das Landeskriminalamt vor dem Einfluss des Predigers, in der tunesischen Moschee erhielt er Hausverbot. Beides zeigt, dass die muslimische Gemeinschaft wie oft gefordert gegen Extremismus in den eigenen Reihen aktiv wurde. Die Behörden griffen aber erst durch, als zahlreiche junge Leute bereits nach Syrien ausgereist waren und der Prediger abgetaucht war. Ob es, wie von der Verteidigung vorgebracht, Versäumnisse der Polizei gab, hat der Prozess nicht klären können. Für eine erfolgreiche Prävention muss die Polizei künftig auf jeden Fall ein wacheres Ohr bei Hinweisen haben - egal ob dies gleich zum Einzug des Reisepasses reicht. Notfalls muss sie in einer Moschee nach dem Rechten sehen, auch wenn sie davor - wie im Prozess bekundet - eher zurückschreckt.

Die Wolfsburger Zelle

Als ein Zentrum radikaler Islamisten haben die niedersächsischen Behörden seit langem Wolfsburg im Visier. Dort hat sich in den vergangenen Jahren ein besonderer Schwerpunkt der salafistischen Szene gebildet. Von den rund 65 Islamisten aus Niedersachsen, die seit 2013 in Richtung Syrien und Irak ausgereist sind, stammt nach Angaben des Verfassungsschutzes die Mehrheit aus dem Raum Wolfsburg. Aktuell sind der Behörde 30 bis 40 Anhänger des Islamischen Staates aus dem Raum Wolfsburg bekannt, die für die Terrormiliz werben, sie unterstützen oder in das IS-Kampfgebiet aufgebrochen sind. Als Anwerber für den Dschihad ist in Wolfsburg offenbar seit Jahren Yassin O. aktiv gewesen. Der Prediger unterstützte zunächst eine Al Kaida nahestehende Terrorgruppe, später dann den IS. Nach O. wird gefahndet, er befindet sich inzwischen möglicherweise in Syrien. Rund 20 Islamisten aus Niedersachsen sind inzwischen nach Deutschland zurückgekehrt, eine kleine Handvoll mit Kampferfahrung. Gut zehn sind in Syrien oder dem Irak gestorben, darunter mehrere Wolfsburger. Schon 2007 geriet Alaedinne T., ein deutsch-tunesischer Jugendlicher aus Wolfsburg, ins Visier der Fahnder, weil er für die "Sauerland-Gruppe" Zünder aus der Türkei nach Deutschland geschmuggelt haben soll. Zwischenzeitlich soll T. sich in Syrien dem IS angeschlossen und dort im September ums Leben gekommen sein.

lni

Mehr zum Thema

Der Verteidiger des IS-Rückkehrers Ayoub B. hat im Prozess vor dem Oberlandesgericht Celle die Einstellung des Verfahrens gefordert und Vorwürfe gegen die Polizei erhoben. Diese habe den Angeklagten trotz Hinweisen auf IS-Anwerber in Wolfsburg nicht an der Ausreise gehindert. Dazu soll ein Polizist im Zeugenstand gelogen haben.

01.12.2015

Im Terrorprozess gegen zwei Syrien-Rückkehrer wird am Oberlandesgericht Celle am Montag das Plädoyer der Bundesanwaltschaft erwartet. Die 26 und 27 Jahre alten Angeklagten sollen sich 2014 der Terrormiliz Islamischer Staat in Syrien und dem Irak angeschlossen haben.

30.11.2015

Sie stehen ganz im Fokus der Terrorfahnder: Syrien-Rückkehrer, die hierzulande zu Attentätern mutieren können. Über zwei dieser radikalisierten jungen Männer wird das Gericht in Celle bald urteilen. Was kann die Prävention aus ihrem Schicksal lernen?

29.11.2015

Seit Jahresanfang sind auf zwei Bahnstrecken in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen im Regionalverkehr rund 1700 Züge ausgefallen. Besonders betroffen ist der Verkehr von Rheine über Osnabrück und Hannover nach Braunschweig.

05.12.2015
Der Norden Raubüberfall auf Tankstelle - Mann bedroht Kassiererin mit Machete

Mit einer Machete hat ein bislang unbekannter Täter eine Tankstellen-Kassierin in Wallenhorst überfallen. Vermummt mit einem Schal forderte der Täter Geld und Zigaretten. Er konnte in unbekannte Richtung fliehen. Die Polizei sucht jetzt nach Zeugen. 

05.12.2015

Das Bistum Hildesheim wird im Jubiläumsjahr von alten Geschichten geplagt: Die Staatsanwaltschaft Berlin könnte in einem Missbrauchsfall aus dem Jahr 2006 erneut Ermittlungen aufnehmen, der bereits das Bistum Hildesheim beschwert.

Michael B. Berger 07.12.2015
Anzeige