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Der Norden Der „Henker vom Emsland“ entsetzt bis heute
Nachrichten Der Norden Der „Henker vom Emsland“ entsetzt bis heute
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10:31 24.04.2015
Die Stadtarchivarin Menna Hensmann betrachtet am Stadtrand von Leer eine Gedenktafel, die an den Mord an fünf niederländischen Häftlingen durch einen deutschen Kriegsverbrecher am 25. April 1945 erinnert. Quelle: dpa
Leer

Ein schrecklicher Zufall löst in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges eine Kette von Terror und Tod im Nordwesten Niedersachsens aus. Auf dem Rückzug vor den anrückenden Alliierten verliert ein einfacher deutscher Gefreiter seine Einheit. Dafür findet er eine mit Orden und Abzeichen dekorierte Offiziersuniform. Als falscher Hauptmann schart der erst 19-jährige Willy Herold nunmehr weitere versprengte Soldaten um sich und beginnt als „Standgericht Herold“ eine beispiellose Serie von Morden. Der „Henker vom Emsland“ zieht eine blutige Spur bis in die benachbarten Niederlande.

Während ringsum die Nazi-Diktatur immer weiter zerfällt und das Kriegsende näher rückt, tritt Herold zackig und schneidig auf. Der als Hauptmann verkleidete Schornsteinfegerlehrling verschafft sich mit der Uniform Achtung und Gehorsam. „Alle Zeugen waren von ihm beeindruckt: Er sah gut aus und machte keinen halbkriminellen Eindruck“, erinnert sich Paul Meyer aus Freiburg an seine Recherchen. Der Filmemacher sichtete akribisch Polizei- und Gerichtsakten für seinen 1998 mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Film „Der Hauptmann von Muffrika“.

Meyer befragt Häftlinge, Wachleute und Zeitzeugen sowie niederländische und britische Stellen. Die Aussagen sind erschütternd: Herold organisiert in einem der berüchtigten Emslandlager in Aschendorfermoor bei Papenburg eine Massenhinrichtung. Mindestens 150 Häftlinge werden mit Pistolen, Gewehren, Handgranaten und sogar mit einem Flakgeschütz getötet. Niemand hält ihn auf. Im Gegenteil: Herold findet immer wieder Mittäter, die ihn unterstützen.

Die marodierende Truppe zieht weiter, mordet weiter. Im ostfriesischen Leer lässt Herold am 25. April 1945 fünf niederländische Gefangene erschießen. Diese Männer waren aus dem benachbarten und schon befreiten Groningen gekommen, um niederländische Zwangsarbeiter zu befreien. Als angebliche Spione wurden sie am Stadtrand von Leer hingerichtet.

Eine Bronzetafel erinnert seit 2014 an dieses Verbrechen, nachdem Stadtarchivarin Menna Hensmann Einzelheiten der Geschichte zusammen getragen hat. „Das ist lange ein Trauma für die Angehörigen der betroffenen Familien geblieben“, sagt Hensmann. 70 Jahre nach den fünf Morden in Leer wollen an diesem Samstag Deutsche und 20 Niederländer erneut der Toten gedenken.

Unter ihnen ist auch Kees Fielstra, Angehöriger eines damals Ermordeten. „Die Taten von Herold sind bei uns in den Niederlanden nicht oder nur kaum bekannt“, sagt er. Weil es dort kein spezielles Gedenken gibt, fährt er nach Leer - um andere Angehörige zu treffen und um sich bei Archivarin Hensmann zu bedanken.

Die Geschichte von Herold endet mit einem erneuten Zufall: Der falsche Hauptmann taucht unter und fällt erst durch einen Brotdiebstahl in Wilhelmshaven wieder auf. Nach seiner Verhaftung und einem Prozess vor dem britischen Militärgericht werden Herold und fünf Mittäter am 14. November 1946 in Wolfenbüttel mit dem Fallbeil hingerichtet. Weitere Komplizen entgehen ihrer Strafe, einer der Haupttäter verschwindet bis heute spurlos.

dpa

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