Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 7 ° Regen

Navigation:
Vorsicht, Nichtschwimmer!

Gefahr am Wasser Vorsicht, Nichtschwimmer!

Geschlossene Bäder, zu wenig Lehrer: Die Deutschen verlernen immer mehr das Schwimmen – und unterschätzen die Gefahr am Wasser. Für Rettungsschwimmer wie Désirée Elkehdi bedeutet das erhöhte Wachsamkeit. Vergangenes Jahr ertranken in Niedersachsen 47 Menschen bei Badeunfällen.

Voriger Artikel
A2: Fernfahrer stehen häufig unter Drogen
Nächster Artikel
Hildesheim, Hauptstadt der Sinti

„Wir entwickeln uns zu einem Nichtschwimmer-Land“: Nur noch die Hälfte der Kinder lernt heute, sich sicher über Wasser zu halten.

Quelle: Hagemann

Heiligendamm. „Die Menschen haben den Respekt vor dem Wasser verloren“, sagt Benjamin Wehner. Und dieser Sommernachmittag am Strand von Heiligendamm, Deutschlands ältestem Seebad an der Mecklenburger Ostseeküste, ist der beste Beweis für seine These: Der Westwind hat die See aufgepeitscht. Tosende Wellen rauschen an den Strand.

Wehner, 30 Jahre alt, seit 16 Jahren Rettungsschwimmer und Chef der Wasserwacht des Deutschen Roten Kreuzes in Bad Doberan, hat die gelbe Warnflagge gehisst. „Baden für Nichtschwimmer verboten“, bedeutet das – aber dies scheint kaum einen der Strandgäste zu interessieren. Kinder mit Schwimmflügeln planschen im Wasser, Eltern, Rentner. „Sie unterschätzen die Gefahr – und sie überschätzen ihre Fähigkeiten“, sagt Wehner. „Denn richtig gut schwimmen – das können heute leider nur die Allerwenigsten.“

Deutschland, ein Nichtschwimmer-Land

Was Benjamin Wehner an seinem Strand in Heiligendamm beobachtet, ist ein Verlust. Der Verlust einer wichtigen, weil lebensrettenden Fähigkeit. Die Deutschen verlernen das Schwimmen. Oder, genauer: Sie lernen es erst gar nicht mehr. Gerade mal jedes zweite Kind unter zehn, so belegen es Zahlen der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), kann sich heute noch über Wasser halten. In den schwierigen Vierteln mancher Großstädte sind es sogar nur noch 30 Prozent. Damit haben sich die Verhältnisse innerhalb kurzer Zeit ins Gegenteil verkehrt. Noch vor zehn Jahren war schwimmen können praktisch die Regel. Da war es die Nichtschwimmerquote, die bei 30 Prozent lag.

Man könnte sagen: Na ja, gehen sie halt nicht schwimmen. Das Problem ist: Sie gehen trotzdem schwimmen. Im vergangenen Jahr ertranken 392 Menschen an deutschen Stränden, Seen und Flüssen.

„Wir entwickeln uns zu einem Nichtschwimmer-Land“, beklagt Achim Wiese, der Sprecher des DLRG-Bundesverbandes mit Sitz in Bad Nenndorf. Ein Grund für die gefährliche Entwicklung: In vielen Städten und Gemeinden muss der Schwimmunterricht in der Schule ausfallen – weil die klammen Kommunen sich die teuren Schwimm- und Freibäder sparen. Bundesweit schlossen nach Erhebungen der DLRG in den vergangenen fünf Jahren 285 Bäder. Und für die einmal geschlossenen Bäder gebe es entweder gar keinen Ersatz oder nur sogenannte Spaßbäder als Alternative. Dort allerdings gibt es nur wenige Schwimmkurse im Angebot – und das Schwimmen wird zum Planschen.

Mit Schwimmunterricht in der Schule ist es nicht getan

Auch für die Rettungsschwimmer auf den Wachtürmen an der Ostsee wird diese Entwicklung mehr und mehr zum Problem: „Mit ein paar Stunden Schwimmunterricht in der Grundschule ist es nicht getan“, sagt Wasserwacht-Mann Wehner. „Selbst wenn ein Kind das ,Seepferdchen’ geschafft hat, heißt das noch lange nicht, dass es auch in einem See oder gar im Meer sicher schwimmen kann.“ Kindern, aber auch immer mehr Erwachsenen fehle die Praxis. Was dann passieren kann, erlebt er jedes Jahr: „Im benachbarten Ostseebad Nienhagen mussten wir allein 2014 gleich vier Kinder retten – aus vergleichsweise flachem Wasser.“ Die Kleinen und auch ihre Eltern hatten die Strömung unterschätzt, die Kinder wurden abgetrieben und gegen die Buhnen – die für Mecklenburg typischen, hölzernen Küstenschutz-Bollwerke – gedrückt. Selbst die Eltern waren nicht in der Lage, sie zu erreichen. Obwohl es bis zum Strand nur wenige Meter waren. Sie konnten ebenfalls nicht gut genug schwimmen. Wehner sagt: „Die Ostsee ist keine Badewanne.“

Wehner – braun gebrannt, blond und durchtrainiert wie ein Rettungsschwimmer aus amerikanischen Fernsehserien – steht auf seinem Wachturm und blickt über den Strand. Rettungsboje und -brett liegen stets bereit. Vor allem die Kleinen haben er und seine ehrenamtlichen Kollegen genau im Blick. Nein, es reiche nicht aus, seinem Kind Schwimmflügel anzulegen, sagt er. Und auch ein Schwimmreifen sei kein Ersatz für eine gute Schwimmausbildung. Schon gar nicht bei hohen Wellen.

Wehners Blick folgt einem älteren Mann, der weit hinausschwimmt, mehr als hundert Meter, bis sein Kopf nur noch ein kleiner Punkt ist. „Der Mann kann offenbar gut schwimmen. Aber kann er auch seine Kräfte einschätzen?“ Er kann – und steigt einige Minuten später wieder wohlbehalten aus dem Wasser. An diesem Tag geht alles gut am Strand von Heiligendamm. Aber das ist längst nicht mehr selbstverständlich.

Viele Flüchtlinge unter Ertrunkenen

Immer öfter sind in diesem Sommer auch Flüchtlinge unter den Ertrunkenen. Manche Bundesländer, wie etwa Bayern, legen bereits Sonderprogramme auf, um Menschen, die aus dem Nahen Osten und aus Afrika vor Bürgerkriegen nach Deutschland geflüchtet sind, das Schwimmen beizubringen – oder zumindest auf die Gefahren in Badeseen und am Meer aufmerksam zu machen. „Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind, haben zumeist keine Erfahrung mit Gewässern. Schon aufgrund der Bedingungen in ihren Herkunftsländern können die wenigsten von ihnen schwimmen“, erklärt Markus Ostermeier, Vize-Vorsitzender der DRK-Wasserwacht.

Hilfe brauchen beim Thema Schwimmen aber auch viele türkisch- und arabischstämmige Einwandererfamilien. Manche Politiker und Migrationsexperten erheben das Schwimmen schon zu einer Art „Leitkultur“ – und fordern, die deutsche Gesellschaft müsse vermitteln, dass Schwimmen zum Alltag gehört. Ganz gleich, ob in Bikini oder Burkini. „Der Grund für die enorme Nichtschwimmerquote liegt darin, dass viele Kinder vor dem Schulschwimmen keinerlei Wassererfahrung außerhalb der Badewanne und Dusche gemacht haben“, sagt etwa Franziska Giffey, Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Neukölln. Ihr Ziel: Künftig sollen alle Neuköllner Kinder in der vierten Klasse die „Überlebenstechnik Schwimmen“ beherrschen.

Fehlende Kapazitäten für Schwimmausbildung

Doch das ist schwierig zu realisieren – denn Schwimmlehrer sind überall in der Republik rar. Selbst an der Küste, wo der Bedarf vor allem in der Saison hoch ist, gibt es mittlerweile Probleme. „Weil wir einfach nicht genügend Kapazitäten für die Schwimmausbildung haben“, sagt Rettungsschwimmer Wehner. Die Rettungsschwimmer aus Bad Doberan müssen zum Üben in eine Schwimmhalle ins knapp 20 Kilometer entfernte Rostock fahren. „Und dort stehen uns auch nur ein paar Stunden pro Woche zur Verfügung – am frühen Sonnabendmorgen. In der kurzen Zeit müssen wir Nichtschwimmer aus- und auch unsere Retter weiterbilden. Das ist viel zu wenig Zeit“, klagt er. Im Winter mache das Bad nun auch noch wegen Umbauarbeiten zu. „Niemand darf sich wundern, wenn unter diesen Umständen immer weniger Kinder das Schwimmen lernen.“ Ja, Bäder seien für Städte und Gemeinden eine teure Angelegenheit, ein Minusgeschäft, sagt Wehner: „Aber der Staat muss endlich wieder dafür Sorge tragen, dass alle Menschen schwimmen lernen können – und das nicht nur einmal in der dritten Klasse“, sagt er – und dabei folgen seine Augen einem Jungen, der gerade ins Wasser läuft, allein, mit unsicheren Schritten.

Von Andreas Meyer und Jörg Kallmeyer

Hoch an der Küste

Steigende Gästezahlen: Dieser Sommer fühlte sich an vielen Tagen bislang eher wie ein Herbst an – die Lust der Deutschen auf ihre Küste hat dies aber offenbar nicht geschmälert. Alle drei Küstenländer sind bislang zufrieden mit ihren Gästezahlen – und sind zum Teil sogar optimistisch, ihre Rekordstände aus dem Vorjahr noch zu übertreffen.

Schleswig-Holstein zählte im vergangenen Jahr knapp 23 Millionen Übernachtungen, eine Steigerung von gut 5 Prozent. „Es sieht gut aus, dass wir mindestens das Niveau von 2014 erreichen“, sagt Vivien Rehder von der Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein, „und es gibt nach dem ersten Halbjahr Anzeichen für ein leichtes Plus.“

Generell geht der Trend zu spontanen Kurzreisen – was die Gastgeber an Nord- und Ostsee abhängiger vom Wetter macht. „Die heißen Tage zuletzt haben aber viele Kurzentschlossene angelockt“, sagt Katja Benke von „die nordsee“, der Marketinggesellschaft der niedersächsischen Nordseeküste. Gerade in der jetzt beginnenden Ferienzeit sollten Urlauber aber auf jeden Fall vorher bei den Kurverwaltungen anrufen – vieles ist schon ausgebucht.

Mecklenburg-Vorpommern, das zuletzt als Reiseziel sogar Bayern in der Gunst der Deutschen überholt hat, hatte 2014 einen Rekord von 28,7 Millionen Übernachtungen erreicht. Der Juni sei nun „etwas schwächer“ gewesen, räumt Tobias Woitendorf vom Landestourismusverband ein. „Wir hoffen, das Vorjahresergebnis wieder zu erreichen.“ Insgesamt rechnet Woitendorf für die kommenden Jahre Mecklenburg-Vorpommern aber nicht mehr mit Wachstum wie zuletzt: „Es geht jetzt darum, qualitativ noch besser zu werden.“

 tof

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Der Norden

Finden Sie, dass es momentan zu viele schlechte Nachrichten gibt? Das möchten wir gerne ändern, und zwar mit Ihrer Hilfe. Gemeinsam mit dem NDR, den Kieler Nachrichten, der Ostsee-Zeitung in Rostock und dem Hamburger Abendblatt sammeln wir die guten Nachrichten der Leser und Hörer. Teilnehmer können einen exklusiven Besuch der Elbphilharmonie in Hamburg gewinnen.  mehr

So schön ist Niedersachsen aus der Luft

Von Harz über Heide bis zur Nordsee: Die schönsten Luftaufnahmen von Niedersachsen.

Niedersachsen in Zahlen
  • Landeshauptstadt : Hannover
  • Ministerpräsident: Stephan Weil
  • Fläche : 47.634,90 km²
  • Einwohner : 7,791 Mio
  • Bevölkerungsdichte : 135 Einwohner je km²
  • Letzte Landtagswahl : 20. Januar 2013 
  • Nächste Wahl : 2018
  • Wirtschaft : Firmendatenbank
  • Geographie : Niedersachsen hat im Norden eine natürliche Begrenzung durch die Nordsee, die Unterelbe sowie den unteren Mittellauf der Elbe. Als Enklave vom Landesgebiet umgeben ist das Land Bremen.
  • Berühmte Niedersachsen : Gerhard Schröder, Diane Kruger, Lena Meyer-Landrut, Sigmar Gabriel, Christian Wulff, Otto Waalkes, Mousse T., Klaus Meine
Schlürfen, trinken, spucken - zu Besuch bei einem Teeverkoster

Wenn Stefan Feldbusch Tee trinkt, ist häufig wenig Genuss dabei. 300 Tassen trinkt der 53-Jährige am Tag - als Teeverkoster für die Ostfriesische Teegesellschaft.