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Der Norden "Die Bioschiene ist bei Schweinen sehr wirtschaftlich"
Nachrichten Der Norden "Die Bioschiene ist bei Schweinen sehr wirtschaftlich"
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00:16 30.11.2015
Von Gabriele Schulte
Rund 280 Muttersauen und 500 Ferkel besitzt Landwid Cord-Christian Precht aus Frielingen bei Soltau. Quelle: Katrin Kutter
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Frielingen

Die Schweine dürfen herumschnüffeln und sich suhlen - und das beruhigt offenbar. Es geht überraschend ruhig zu auf dem 23 Hektar großen Gelände, auf dem 280 Muttersauen, 14 Eber und rund 500 Ferkel in kleinen Gruppen herumschnüffeln. Kein aufgeregtes Quieken ist hier zu hören. „Sie haben alles, was sie brauchen“, sagt Landwirt Cord-Christian Precht - was sollte es zu lamentieren geben?

Allenfalls leise grunzend stöbern Sauen in feuchter Erde nach ausgestreuten Futterpellets. Ferkel flitzen über frisches Stroh und schlüpfen unter Zäunen durch zu Spielkameraden aus Nachbarfamilien. Die Zäune sind extra hoch angebracht, damit spätere Mastgruppen sich zusammenfinden. Tiere, die von frischer Luft genug haben, ziehen sich in eine Schutzhütte zurück. Schweinestallgestank gibt es nicht.

Landwirt Precht aus Frielingen bei Soltau geht es bei all dem nicht zuerst ums Idyll - sondern vor allem ums Einkommen. Er ist im traditionellen Landvolkverband aktiv und hat den größten Teil seiner Äcker mithilfe von Kunstdünger und notfalls der Spritze bearbeitet. Erst 2011 stellte er gemeinsam mit seiner Betriebsgemeinschaftspartnerin Ingrid Eggers die Sauenhaltung auf Bio um; die Ferkel ziehen nach 40 Tagen bei der Mutter vom Freiland in einen Stall mit Auslauf ins Freie. Jetzt beginnt der 63-Jährige zusätzlich mit der Mast von je 480 Bio­schweinen in einem Stall, der für 60 000 Euro umgebaut wurde. Bis 2013 hatte er in einem Holzstall konventionell, aber schon mit viel Platz und auf Stroh, Mastschweine gehalten.

Jetzt bekommen die Tiere noch mehr Bewegungsfreiheit und außerdem ökologisch produziertes Futter. „Bei der konventionellen Haltung habe ich in den letzten zwei Jahren überhaupt nichts mehr verdient“, erzählt Precht. Die niedrigen Verkaufspreise am Schweinemarkt bewogen ihn damals dazu, die Schweinemast aufzugeben. Dass er den Stall nun wieder füllen und dort seine Bioferkel selbst mästen will, hinge nicht zuletzt mit den zugesagten Prämien zusammen: Neun Euro pro Schwein aus der vom Einzelhandel getragenen „Initiative Tierwohl“, 16,50 Euro pro Tier als Ringelschwanzprämie vom Land.

Die Bioproduktion ist deutlich aufwendiger als die herkömmliche: mehr Platz, mehr Stroh, mehr Arbeitsaufwand, teureres Futter. Zudem werfen die robusten Schweinerassen weniger Ferkel als auf Hochleistung gezüchtete Sauen. Doch die Verkaufspreise von zurzeit 380 Euro pro 120 Kilo schwerem, 200 Tage altem Schwein sind verlockend. Die Nachfrage ist so groß, dass sie sich eine Weile halten dürfte - es sei denn, zu viele Landwirte springen auf den Biozug auf. „Edeka fragt häufig nach Nachschub für die Kühlregale“, erzählt Precht. Mehrere Schlachthöfe überböten sich gegenseitig, um ihn als Biomäster zu gewinnen. Sogar der Großschlachter Tönnies wolle in den Bioschweinemarkt einsteigen.

Prechts Sohn Constantin, ist mit im Boot, obwohl auch der 25-Jährige von „Öko“ nicht in jedem Bereich überzeugt ist. „Bei dem sandigen Boden ist Biolandbau hier schwierig“, meint der Junglandwirt. Getreide und Zuckerrüben will er weiter auf herkömmliche Art anbauen. Neuerdings lässt er zusätzlich Himbeeren in Glashäusern wachsen. „Aber die Bioschiene bei Schweinen ist wirtschaftlich“, meint der Hofnachfolger.

Vater Cord-Christian hat den Hof 1981 nur zögernd vom eigenen Vater übernommen. Er hatte Volkswirtschaft studiert, lebte als Wirtschaftsredakteur in Hannover. „Aber mein Platz ist hier in Frielingen“, sagt der 63-Jährige. Mit der damals üblichen Schweinehaltung habe er sich von Anfang an nicht anfreunden können: „Fenster wurden zugemauert, um die Klimaführung zu optimieren, Spaltenböden und eine automatische Flüssigfütterung wurden eingebaut, um den Arbeitskraftbedarf zu minimieren.“ Das Tierwohl, dem heute mehr Bedeutung beigemessen wird, stand früher im Hintergrund, doch Precht war das nicht geheuer. Er besichtigte in England eine dort verbreitete alternative Form: „Als ich zum ersten Mal auf einer Sauenwiese stand, dachte ich: Entweder so oder gar nicht.“ 1997 legte Precht die Schweinewiese bei Soltau an, die er 2011 auf Bio umstellte. Weniger als zehn solcher Gelände gibt es in Niedersachsen.

Sehr viel Platz ist auch deshalb nötig, weil sich die Wiesen abwechselnd regenerieren müssen. Zum Seuchenschutz schirmt ein doppelter Maschendrahtzaun das Gebiet gegen Wildschweine ab. Aus der Luft können allerdings Kolkraben den Ferkeln gefährlich werden. Auch dass eine Sau eins ihrer Jungen tötet, lasse sich leider nicht immer verhindern, sagt Precht: „Das ist die Natur.“ Kannibalismus, das gegenseitige Abfressen der Ringelschwänze, habe er im Freiland aber niemals erlebt - die entsprechende Prämie des grünen Agrarministers Christian Meyer nimmt er dennoch gern mit. Der bevorstehende Winter mache den Schweinen nichts aus: „Die Ferkel spielen schon wenige Tage nach der Geburt im Schnee.“

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