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Im Urlaub geht’s zur Maisernte

Teure Maschinenparks Im Urlaub geht’s zur Maisernte

Die Maisernte hat nach dem feuchten September mit zwei Wochen Verspätung begonnen. Fünf Wochen dauert sie beim Hohner Lohnunternehmen Cramm - wegen des nötigen teuren Maschinenparks kümmern sich die Landwirte nicht selbst darum, sie melden ihre Flächen Monate im Voraus an.

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Exakt 6,5 Millimeter: An dem Erntegerät ist die Länge der Häckselstücke voreingestellt. Über Sensoren lenkt die Maschine automatisch. Fotos (6): Kutter

Quelle: (Foto: Katrin Kutter)

Hohne/Wesendorf. Manchmal fährt Hartmut Rodewald den ganzen Tag gegen Wände. „Wenn der Mais drei Meter hoch steht, reicht er bis über meine Kabine“, sagt der Häckslerfahrer. „Das ist dann öde.“ Diesmal aber, an einem der ersten Erntetage bei Hohne (Kreis Celle), genießt Rodewald von seinem gut gefederten Sitz den Überblick über die Felder. Nötig wäre das nicht, denn das 850 PS starke, 3,40 Meter breite Gefährt steuert sich selbst über Sensoren am Boden. Auf den Mais freue er sich jedes Jahr, sagt Rodewald: „Die große Maschine bewegen, die Wagen dirigieren, auf die ganze Kolonne aufpassen, das macht Spaß.“ Seinen Kollegen geht es genauso: Viele Saisonkräfte, im Alltag bei VW oder der Bundeswehr, haben sich dafür wieder extra Urlaub genommen.

Die Häcksler und Trecker rumpeln und dröhnen, von sechs bis 21 Uhr. Den Fahrern klingeln am Abend die Ohren. In der Mittagspause aber ist Ruhe, es wird warm gegessen und viel gelacht.

Die Maisernte hat nach dem feuchten September mit zwei Wochen Verspätung begonnen. Fünf Wochen dauert sie beim Hohner Lohnunternehmen Cramm - wegen des nötigen teuren Maschinenparks kümmern sich die Landwirte nicht selbst darum, sie melden ihre Flächen Monate im Voraus an. „Für uns ist das die stressigste Zeit im Jahr“, sagt Birgitt Cramm, die den mehr als 100 Jahre alten Familienbetrieb mit ihrem Mann Christian führt. „Da muss ein Rad ins andere greifen.“

Drei Häcksler, zwölf Abfuhrtrecker mit Wagen und vier Walzschlepper sind zu koordinieren, dazu Helfer fürs Wiegen und die Laborproben. Tagespläne werden erstellt und bei jeder Reifenpanne, fast täglich, verworfen. In dieser Woche wird die gesamte Ernte zu der von 19 Landwirten betriebenen Biogasanlage im nahen Wesendorf gebracht, jeder der Bauern steuert seinen Teil bei. Nicht Kolben, wie man sie von Gemüsemais kennt, sind hier gefragt, sondern möglichst viel Pflanzenoberfläche; das fördert die Gärung, bei der Biogas für Strom und Wärme entsteht. Vier Fünftel des von Cramm geernteten Maises wird zur Energiegewinnung genutzt, der Rest wird an Rinder und Schweine verfüttert.

Gleich auf dem Feld zerteilt das elektronisch programmierte Schneidwerk des Häckslers Halme und Kolben in 6,5 Millimeter kurze Stücke. Über den schwenkbaren Turm der Maschine wird die gelbgrüne Mischung auf einen zunächst dahinter und bei der nächsten Runde daneben fahrenden Wagen gepustet. Die Fahrer verständigen sich über Funk. „Die Kunst ist, dass möglichst wenig daneben geht“, sagt Hartmut Rodewald. Nach knapp fünf Minuten ist der Anhänger voll, ein weiterer Trecker fährt sofort vor und übernimmt.

Jede Minute Stillstand, haben sie bei Cramm ausgerechnet, kostet 6 Euro, Maschinen- und Menscheneinsatz. Am Vortag ging einiges schief: Auf einem morastigen Acker fuhren Häcksler und Abfuhrtrecker sich fest, vier schwere Schlepper mussten zum Rausziehen anrücken. Seit Landwirte mit Mais für Biogasanlagen viel Geld verdienen können, wird auch eigentlich ungeeigneter Boden genutzt. „Der Acker gestern wäre sogar für Grünland zu nass gewesen“, meint Rodewald.

Treckerfahrer Eike Bergmann erzählt von der Aktion wie von einem Abenteuer. Der 28-jährige Soldat lebt für drei Urlaubswochen wieder bei seinen Eltern, um den 200 PS starken Ferguson-Traktor bewegen zu können. „Das macht Spaß, und ich komme aus dem normalen Leben mal raus“, sagt er. Schade sei, dass nicht jeder Autofahrer für die großen Maschinen Verständnis habe. „Wenn ich an parkenden Autos vorbei muss und für entgegenkommende Fahrzeuge kein Platz ist, kommt schon mal ein Mittelfinger“, erzählt Bergmann. Dabei stehe Sicherheit an erster Stelle. An gefährlichen Ausfahrten schalte er stets Warnblinklicht und Rundumleuchte ein.

An der Biogasanlage schaufelt Alexander Thölke die abgekippte Ladung auf. Seit neun Jahren überlässt der 33-Jährige für drei Wochen den heimischen Hof seinen Eltern, um mit einem 300 PS starken Fendt-Trecker einen zum Schluss acht Meter hohen Maisberg hoch- und runterzudüsen. Gleichmäßig schiebt er die Häckselmischung hoch und walzt sie dann rückwärts so fest, dass keine Luftlöcher im Silo entstehen. Denn solche Stellen würden, nachdem der Haufen mit Folie abgedeckt ist, zu schimmeln beginnen. „Das hier kann nicht jeder“, sagt Thölke stolz.

Unterdessen harren an einem Feldrand drei Hobbyjäger aus, die Büchsen nach außerhalb gerichtet. Im Mais leben oft Wildschweine und stürmen bei der Ernte in letzter Minute heraus. Diesmal aber warten die Jäger vergebens.

Die Angst vor der „Vermaisung“ war oft unbegründet

Mais, Mais und noch mehr Mais: Die „Vermaisung“ der Landschaft schien vielerorts unaufhaltsam zu sein. Der Trend ist nun offenbar gestoppt: In diesem Jahr haben Landwirte im bundesweit größten Anbauland Niedersachsen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes auf 592 000 Hektar Acker Mais angebaut, das sind zwei Prozent weniger als im vergangenen Jahr. Deutschland insgesamt hat einen Rückgang von 0,6 Prozent zu verzeichnen.
Der Anteil an der Ackerfläche ist regional sehr unterschiedlich, in Niedersachsen am höchsten im Landkreis Rotenburg mit 63 Prozent, knapp gefolgt von Vechta und Cloppenburg. Gen Süden, wo die Böden besser sind, nimmt er ab und beträgt etwa im Kreis Schaumburg weniger als 10 Prozent.
Die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes von 2014 sieht ein Auslaufen der staatlich garantierten Abnahmepreise nach 20 Jahren Laufzeit vor und läuft auf eine drastische Verminderung des bisher subventionierten Maisanteils hinaus. Um sich darauf einzustellen, arbeiten Biogasanlagen bereits wieder verstärkt mit Gülle und Mist als Energieträger – aus der Idee solcher Reststoffverwertung waren sie ursprünglich entstanden. Bisher wird bundesweit rund ein Drittel der Maisernte in Biogasanlagen „verheizt“. Die Pachtpreise waren durch dieses lukrative Zusatzgeschäft für die Landwirte stark angestiegen.
Ein Rückgang des Maisanbaus würde nicht nur Spaziergänger erfreuen, die oft zu beiden Seiten des Weges auf grüne Wände schauen. Auch Naturschützer haben die „Maiswüsten“ stark kritisiert, da sie die Böden auslaugten und Bodenbrüter wie Kiebitze vertrieben; Greifvögel wie die Wiesenweihe fänden in dem dichten Bewuchs keine Beute. „Mais behindert Artenvielfalt“, sagt Uwe Baumert vom Naturschutzbund Nabu. Wo Mais auf Moorboden angebaut werde, würden pro erzeugter Kilowattstunde 700 bis 800 Milligramm Kohlendioxid freigesetzt – „für den Klimaschutz völlig absurd“. gs

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