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Die Gestrandeten von Uelzen

Flüchtlingshilfe Die Gestrandeten von Uelzen

Nacht für Nacht stranden Flüchtlinge am Hundertwasser-Bahnhof von Uelzen. Die Bahnhofshalle ist abgesperrt, einen anderen Warteraum gibt es für die Menschen nicht. Hilfe bekommen sie von Ehrenamtlichen.

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Mit Mützen, Süßigkeiten und Decken ziehen die ehrenamtlichen Helfer los, um die Reisenden zu begrüßen. Fotos: von Ditfurth

Quelle: Philipp von Ditfurth

Uelzen. „Ein Bahnhof, so schön wie ein Märchenschloss“ - so wird im Internet für den Hundertwasser-Bahnhof in Uelzen geworben. Nachts verwandelt sich das Märchenschloss allerdings in eine Festung ohne Einlass. Die Bahnhofshalle ist abgesperrt, einen Aufenthaltsraum für Reisende, die zum Teil stundenlang auf Anschlusszüge warten müssen, gibt es nicht. Als Ijos Bietzker davon hörte und Flüchtlingsfamilien sah, die sich in der Unterführung zum Schlafen zusammenkauerten, packte er selbst an. Seit drei Monaten versorgt der Arzt zusammen mit weiteren ehrenamtlichen Helfern die Gestrandeten mit Essen, Kleidung und einem Schlafplatz. „Es muss sich jemand verantwortlich fühlen“, meint er.

Kurz vor Mitternacht. Zwei junge Männer stehen am Bahnsteig und schauen sich an. Eigentlich wollten sie direkt weiter nach Hamburg, doch ihr Zug hatte Verspätung, ihren Anschluss haben sie verpasst. Nafii Muanhi, einer der zwei Übersetzer, die in dieser Nacht im Einsatz sind, bietet den 22 und 28 Jahre alten Afghanen Hilfe an und nimmt sie mit zu den eingerichteten Räumen in einem Nebengebäude des Bahnhofs.

Eine Gruppe Freiwilliger hilft in Uelzen seit drei Monaten den dort über Nacht gestrandeten Flüchtlingen mit Decken, Kleidung, Essen und vielem mehr.

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„Hallo! Wie geht’s?“, ruft einer der beiden Flüchtlinge auf Deutsch, als sie eintreten. Die Männer hatten vor, mit dem nächsten Zug weiterzufahren. Doch mit ihrem zeitlich nur begrenzt gültigen Niedersachsenticket wären sie aus Uelzen gar nicht mehr weggekommen - normalerweise. Während sie eine Linsensuppe löffeln, ruft Ijos Bietzker bei der Bahn an und besorgt zwei Plätze im letzten ICE nach Hamburg - eine Sonderregelung, die die Helfer ausgehandelt haben. Um 0:50 Uhr kündigt Bietzker der Fahrgastbegleiterin auf dem Bahnsteig die zwei zusätzlichen Fahrgäste an. Die Frau blickt mürrisch, aber sie nickt. Die Männer dürfen mitfahren.

Bietzker hat in den drei Monaten einiges aufgebaut, auch, weil viele mitgeholfen haben. Die Deutsche Bahn hat die Räume zur Verfügung gestellt, Bahn- Betreiber Metronom hat die Räume renoviert und finanziert die Reinigung, die Stadt hat eine Waschmaschine und einen Trockner beschafft. Viele weitere Spender haben Bettwäsche, Jeans oder Gummistiefel organisiert - und die Diakonie bezahlt drei geringfügig Beschäftigte, die mithelfen. Trotzdem hadert Bietzker: „Man müsste dankbar sein für diese häppchenweise Hilfe, aber das fällt schwer. Die Stadt und die Bahn haben sich sehr preiswert freigekauft.“

Die Helfer

Insgesamt haben die Helfer in den vergangenen drei Monaten laut eigenen Angaben 765 Menschen betreut.Darunter waren viele Flüchtlinge, unter anderem aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan. Doch auch andere Reisende stranden in Uelzen. Die Helfer trafen unter anderem auf eine 20-köpfige dänische Schulklasse auf dem Heimweg von Peru und einen chinesischen Geschäftsmann.

Die Stadt solle statt Waschmaschinen auch Helfer zur Verfügung stellen, meint der ehrenamtliche Helfer. Und die Bahn müsse sich kümmern, so der 49-Jährige, und die Menschen nicht einfach in Uelzen absetzen und sie dort warten lassen. Warum die Bahnhofshalle abgesperrt ist, versteht Bietzker nicht. „Die Halle im Bahnhof kann nachts nicht geöffnet werden, da die dortigen Verkaufsflächen offen sind“, heißt es auf Anfrage von der Bahn. Die kostenfrei überlassenen Räume seien „eine gute Alternative“, weiteren Handlungsbedarf sehen Bahn und Stadt derzeit nicht.

So bleibt die Arbeit den ehrenamtlichen Helfern überlassen. 15 von ihnen schieben regelmäßig die sechsstündigen Nachtschichten. Einige Helfer reisen extra aus Hamburg oder Göttingen an. Nur wenige kommen aus Uelzen, so wie Svenja Kohanke. „Wenn die Leute ihre Geschichten erzählen, bin ich oft sprachlos“, sagt sie. Auch Ijos Bietzker erinnert sich an besondere Momente. „Wir haben schon Kinder im Rollstuhl und Mütter mit wenigen Wochen alten Säuglingen aufgenommen. Viele Kinder sind so müde, dass sie im Stehen schlafen.“

Am Sonnabend feiern die Helfer dreimonatiges Jubiläum. Sie wünschen sich nur eins: Dass aus der Notlösung kein Dauerzustand wird.

Von Manuel Lauterborn

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