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Kilic: „Wir wollen einen Islam der Mitte“

Ditib-Vorsitzender im Interview Kilic: „Wir wollen einen Islam der Mitte“

Der türkische Moscheeverband Ditib vereint als Dachverband mehr als 930 islamische Vereine. Der Landesvorsitzende Yilmaz Kilic spricht im Interview über türkische Spione, den Islam-Vertrag und das deutsch-türkische Verhältnis.

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Ditib-Landesvorsitzender Yilmaz Kilic rät seinen Gemeindemitgliedern, sich in Deutschland zu engagieren.

Quelle: Julian Stratenschulte/dpa

Das Klima zwischen Deutschland und der Türkei verschlechtert sich. Was bedeutet das für Ihren Verband?

Die Deutsch-Türken haben zwei Herzen, sie haben ein Mutterland und ein Vaterland – und deshalb bekommen sie diese Spannungen ganz unmittelbar zu spüren. Man hat seine Arbeit hier, sein Haus, die Kinder gehen zur Schule. Hoffnung macht uns, dass das Verhältnis zwischen den Völkern schon seit Jahrhunderten besteht. Es gibt viele Verbindungen, nicht nur auf politischer und wirtschaftlicher Ebene, sondern auch in den Familien. Man kann die Völker nicht mehr trennen.

Der SPD-Abgeordnete Mustafa Erkan hat den Deutsch-Türken empfohlen, sich in Deutschland politisch zu engagieren, statt Experten für türkische Politik zu werden. Stimmen Sie zu?

Ditib appelliert seit Jahren an die Gemeindemitglieder, sich in Deutschland politisch zu engagieren, denn hier leben wir und hier werden die politischen Entscheidungen getroffen. Es ist aber so, dass man den Türkischstämmigen sehr lange das Gefühl gegeben hat, dass sie hier nur Gastarbeiter sind und nicht dazugehören. Jetzt kommt jemand aus der Türkei, der genau das signalisiert: Ich bin euer Präsident, ich kümmere mich. Und dann erleben wir, dass sich die Menschen diesem Präsidenten zuwenden. Ich hätte von der Politik in Deutschland, auch von Mustafa Erkan, erwartet, dass sie den Deutsch-Türken klarmachen: Wir sind eure Politiker, wir kümmern uns um eure Probleme. Aber das passiert nicht ausreichend.

Die Verhandlungen zu den Islam-Verträgen liegen auf Eis. Waren die Beteiligten zu naiv?

Das würde ich nicht sagen. Aber wir haben zu lange diskutiert, den Vorwurf müssen wir uns machen. Die Idee zu einer solchen Vereinbarung gab es schon unter Ministerpräsident Christian Wulff. Und mit der aktuellen Landesregierung haben wir die Gespräche begonnen, und inhaltlich sind sich alle Beteiligten einig: Die Verträge liegen vor und könnten unterschrieben werden. Aber die politische Lage hat sich in der Zwischenzeit mit den Flüchtlingen und den Entwicklungen in der Türkei verändert. Ich hätte mir gewünscht, dass die Politik in Niedersachsen dennoch die Kraft gehabt hätte, auch in schwierigen Zeiten zu dieser Entscheidung zu stehen.

Der türkische Geheimdienst MIT spioniert in Niedersachsen angebliche Anhänger der Gülen-Bewegung aus. Ist Ditib davon auch betroffen?

Mir ist kein Fall bekannt. Was den Fall mit dem MIT angeht, kenne ich nicht alle Hintergründe. Aber ich sage dazu: Unter Freunden macht man so etwas nicht. Wir lehnen das ab. Und ich finde es in Ordnung, dass der Innenminister die Betroffenen in Niedersachsen informiert.

Auch Imamen der Ditib wurde Spionage vorgeworfen.

Nicht in Niedersachsen. Und wir haben als Landesverband auch klar gesagt: Wenn Imame spionieren sollten, dann müssen sie zurück in die Türkei gehen.

Wie abhängig ist Ditib von der türkischen Regierung?

Ditib ist ein deutscher Verein nach deutschem Vereinsrecht. Wir sind finanziell nicht abhängig von der türkischen Regierung und bekommen auch keine Anweisungen aus Ankara. Anders ist es bei den Imamen: Wir sind darauf angewiesen, dass uns die Religionsbehörde Diyanet Imame schickt. Diese Zusammenarbeit muss weitergehen und das ist auch, so denke ich, im allgemeinen Interesse. Denn sonst würden wir Imame zum Beispiel aus Saudi-Arabien bekommen, und das wollen wir alle nicht. Wir wollen einen Islam der Mitte und den vertritt Diyanet. Politisch sind wir neutral.

Türkische Politiker haben aber bei ihren umstrittenen Wahlkampfauftritten in Deutschland auch in Ditib-Moscheen gesprochen.

Dass die Politiker die Moscheen besuchen können, ist selbstverständlich. Politische Reden, oder auch Fahnen oder Plakate, sind in unseren Versammlungsräumen aber verboten und in den Gebetsräumen sowieso. Das ist die Marschrichtung von Ditib, das steht in der Satzung klar drin. Das gilt übrigens auch bei deutschen Wahlen.

Wie soll es weitergehen?

Ich hoffe, dass die Lage zwischen den Ländern sich wieder beruhigt. Aber auch wenn es schwierig bleibt, die Türkischstämmigen sind Teil dieser Gesellschaft, und unsere Dialoge hier sollten unabhängig von dem weitergeführt werden, was zwischen den Ländern ausdiskutiert wird. Es darf nicht passieren, dass hier bei uns eine Trennlinie zwischen Muslimen und Nichtmuslimen gezogen wird.

Interview: Heiko Randermann

Zur Person

Yilmaz Kilic ist Vorsitzender des Landesverbands Niedersachsen und Bremen des türkischen Moscheeverbands Ditib. Kilic kam 1970 als Vierjähriger nach Deutschland, seit 1979 lebt er in Melle (Kreis Osnabrück).

Die Türkei sei die Heimat seiner Eltern, Deutschland die seine, sagte Kilic einmal in einem Interview. Kilic ist Inhaber der KSG, einem Unternehmen, das unter anderem klingelnde Bälle für blinde Sportler herstellt. 2010 bekam er den Integrationspreis des Landes Niedersachsen.

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Niedersachsen in Zahlen
  • Landeshauptstadt : Hannover
  • Ministerpräsident: Stephan Weil
  • Fläche : 47.634,90 km²
  • Einwohner : 7,791 Mio
  • Bevölkerungsdichte : 135 Einwohner je km²
  • Letzte Landtagswahl : 15. Oktober 2017
  • Wirtschaft : Firmendatenbank
  • Geographie : Niedersachsen hat im Norden eine natürliche Begrenzung durch die Nordsee, die Unterelbe sowie den unteren Mittellauf der Elbe. Als Enklave vom Landesgebiet umgeben ist das Land Bremen.
  • Berühmte Niedersachsen : Gerhard Schröder, Diane Kruger, Lena Meyer-Landrut, Sigmar Gabriel, Christian Wulff, Otto Waalkes, Mousse T., Klaus Meine
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