Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Dorf bittet um Hilfe gegen Nazis und Rocker

Güntersen Dorf bittet um Hilfe gegen Nazis und Rocker

Erst treffen sich Deutschlands Hells Angels in der Dorfschenke, dann wollen Neonazis auf dem Friedhof für die Rehabilitierung von Horst Wessel demonstrieren: Ein 700-Seelen-Ort in Niedersachsen sieht seinen Ruf als "Dorf mit Zukunft" ruiniert. Der Gemeinderat tagt nur noch unter Polizeischutz.

Voriger Artikel
Drei Haftbefehle nach Schießerei
Nächster Artikel
Land weitet Krebsuntersuchungen aus

Der Ort war schon nach vier bundesweiten Hells-Angels-Treffen im nur wenige Schritte entfernten Gasthaus Lindhorst in heller Aufregung.

Quelle: Symbolbild

Güntersen. Ein Kripo-Chef beobachtet eher selten Ortsrats-Sitzungen. Kriminaldirektor Volker Warnecke hat sich trotzdem auf den Weg ins Gasthaus Kesten im Dorf Güntersen gemacht – und gleich ein paar Polizeibeamte mitgebracht, die auf dem Parkplatz draußen für ein sicheres Gefühl sorgen sollen. Schließlich war der Ort schon nach vier bundesweiten Hells-Angels-Treffen im nur wenige Schritte entfernten Gasthaus Lindhorst in heller Aufregung. Und kürzlich hat Mario Messerschmidt aus dem Bundesvorstand der Neonazi-Partei „Die Rechte“ noch einen draufgesetzt und für Februar eine Kundgebung für Horst Wessel, den Verfasser der NSDAP-Parteihymne, auf dem Günterser Friedhof angemeldet.

Messerschmidt, kahlköpfig und gesichtstätowiert, ist Einwohner der Gemeinde Adelebsen, zu der Güntersen gehört. Als solcher ist auch er zur Ortsratssitzung gekommen – und sitzt gemeinsam mit einem Kumpel ganz vorne, Auge in Auge mit den Ortsratspolitikern und zwei Meter von Warnecke entfernt.

In Messerschmidts Rücken: 60 empörte, frustrierte Einwohner von Güntersen. Jahrelang haben sie mit viel Engagement im Projekt „Dorf mit Zukunft“ versucht, den Ort attraktiv zu gestalten. Nun haben Aktionen des Rockerclubs und der Neonazis den Ruf des 700-Einwohner-Dorfes vorerst ruiniert.

Der Ärger bricht sich in der Einwohnerfragestunde Bahn. Mehrere Zuhörer beklagen, dass sie sich mit dem Problem allein gelassen fühlen, auch von der Gemeinde Adelebsen. Deren Bürgermeistermeister Holger Frase (SPD) verweist darauf, dass die rechtlichen Möglichkeiten und auch die personellen Kapazitäten der Gemeinde begrenzt seien. In Güntersens Nachbarort Adelebsen hat das Hells-Angels-Charter Göttingen sein Hauptquartier eingerichtet.

Warnecke versucht, die Wogen zu glätten. Er verweist auf die mittlerweile verstärkte Präsenz der Polizei – und erhält dankbaren Applaus dafür. Im Hinblick auf die Hells Angels spricht der Kripochef Klartext. Die Mitglieder des Rockerclubs seien keine „lieben, netten, starken Kerle“, es gehe bei der Vereinigung um organisierte Kriminalität. Wo immer es möglich sei, werde die Polizei Ermittlungsverfahren gegen die Rocker einleiten. Er rät den Einwohnern, Straftaten wie Beleidigungen oder Sachbeschädigungen zu melden, damit dem nachgegangen werden kann. Das Problem offenbart sich allerdings in einer Rückfrage aus dem Publikum: Ob es denn möglich ist, dabei anonym zu bleiben. Das muss Warnecke verneinen.

Im Publikum ist trotzdem der Wille spürbar, sich nicht mit der Situation abzufinden. Politik und Verwaltung würden alles tun, um eine Neonazi-Demonstration zu verhindern, sagt Ortsbürgermeister Norbert Hasselmann (Grüne) – und erntet Applaus. Bürger, die gleich schon Maßnahmen gegen Neonazis und Hells Angels  planen wollen, bremst er aus, denn die sollen lieber im kleinen Kreis besprochen werden.

Als ein Bürger fragt, warum es ausgerechnet Güntersen sein muss, ergreift Messerschmidt  das Wort. Sein Name sei in dem Ort durch den Schmutz gezogen worden, nun wolle er es dem Dorf und dem Ortsbürgermeister zeigen.

Messerschmidts Name sei nicht durch den Schmutz gezogen worden, entgegnet Hasselmann – und blickt lieber nach vorn. Es sei für den Ortsrat ein „sehr, sehr gutes Gefühl, das Dorf hinter sich zu wissen“, sagt er unter Applaus. Güntersen macht sich Mut.

Hilferuf ans Land

Hilfe zur „Wiederherstellung von Dorffrieden, Sicherheit und Lebensqualität“ – das erbittet der Ortsrat Güntersen in einem Schreiben an Landtags- und Bundestagsabgeordnete sowie an Landes- und Bundesminister. Mit den Aktionen von Hells Angels und Neonazis sei „selbst eine intakte Dorfgemeinschaft wie Güntersen“ überfordert: „Wir bitten diejenigen, die für unsere Sicherheit und unser Leben in Freiheit mitverantwortlich sind, uns dabei zur Seite zu stehen, unser Leben frei von Bedrohung, Angst und Unsicherheit zu erhalten.“ Verschärft werde die Situation „durch die sichtbare Kooperation der Hells Angels mit exponierten Rechtsextremisten“.

In dem Schreiben wird geschildert, wie es bei den bislang vier bundesweiten Hells-Angels-Treffen im Ort aussieht. An diesen Tagen stünden mehr als 100 Luxuslimousinen von Charterchefs der Hells Angels im Ort.  Die Autos würden während der Treffen von den Fahrern und von Bodyguards bewacht.

„Das normale Leben in unserem Dorf wird an diesen Tagen fast zum Erliegen gebracht“, heißt es in dem Schreiben weiter. Schon jetzt gebe es Probleme bei der Planung von Veranstaltungen. Es geht die Sorge in Güntersen um, dass im Ort möglicherweise eine Zentrale der Hells Angels oder der Neonazi-Partei „Die Rechte“ entstehen könnte.

bar

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Geldübergabe bei Göttingen
Einsatz bei den Hells Angels: Die Polizei ist in Göttingen am Dienstag mit einem Großaufgebot gegen die Rocker vorgegangen.

Mitglieder der Göttinger Hells Angels sollen versucht haben, von einem Mann 100.000 Euro zu erpressen. Zur Geldübergabe erschien jedoch auch die Polizei.

mehr
Mehr aus Der Norden

Finden Sie, dass es momentan zu viele schlechte Nachrichten gibt? Das möchten wir gerne ändern, und zwar mit Ihrer Hilfe. Gemeinsam mit dem NDR, den Kieler Nachrichten, der Ostsee-Zeitung in Rostock und dem Hamburger Abendblatt sammeln wir die guten Nachrichten der Leser und Hörer. Teilnehmer können einen exklusiven Besuch der Elbphilharmonie in Hamburg gewinnen.  mehr

So schön ist Niedersachsen aus der Luft

Von Harz über Heide bis zur Nordsee: Die schönsten Luftaufnahmen von Niedersachsen.

Niedersachsen in Zahlen
  • Landeshauptstadt : Hannover
  • Ministerpräsident: Stephan Weil
  • Fläche : 47.634,90 km²
  • Einwohner : 7,791 Mio
  • Bevölkerungsdichte : 135 Einwohner je km²
  • Letzte Landtagswahl : 20. Januar 2013 
  • Nächste Wahl : 2018
  • Wirtschaft : Firmendatenbank
  • Geographie : Niedersachsen hat im Norden eine natürliche Begrenzung durch die Nordsee, die Unterelbe sowie den unteren Mittellauf der Elbe. Als Enklave vom Landesgebiet umgeben ist das Land Bremen.
  • Berühmte Niedersachsen : Gerhard Schröder, Diane Kruger, Lena Meyer-Landrut, Sigmar Gabriel, Christian Wulff, Otto Waalkes, Mousse T., Klaus Meine
Weihnachtsfeier in Flüchtlingslager Friedland

Weihnachtliche Stimmung im Grenzdurchgangslager Friedland: Zur Weihnachtsfeier mit den Flüchtlingen am Freitag kam auch Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius.