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Der Norden Dorfschule schließt für immer
Nachrichten Der Norden Dorfschule schließt für immer
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06:16 11.06.2012
Von Saskia Döhner
Christine Eisert wird bald mehr Kinder in ihrer Klasse haben. Quelle: Poblete
Heinsen

Nächsten Sommer ist Schluss. Nach 425 Jahren aus und vorbei. Heinsen im Kreis Holzminden, 900 Einwohner, wird dann keine Dorfschule mehr haben. „Wieder etwas, das verschwindet“, sagen die einen. „Es geht nicht anders“, sagen die anderen. 39 Kinder gehen zurzeit in die Heinser Grundschule, 22 in eine kombinierte Klasse für die Jahrgänge 1 und 2, 17 in die Kombiklasse für die Älteren.

Viel mehr Kinder werden es in den nächsten Jahren nicht werden. Bürgermeister Reiner Wölk (SPD) gibt sich keinen Illusionen hin. Manchmal werden in einem Schuljahr vier Kinder neu eingeschult, manchmal gibt es aber auch nur einen oder zwei Abc-Schützen. Auf Dauer kann man für so wenige Schüler keine Schule aufrechterhalten. Das weiß Bürgermeister Wölk, das wissen die Eltern und die Lehrerinnen. Weniger Kinder, immer mehr ältere Menschen – das ist in Heinsen wie überall im Land. Den demografischen Wandel kann man nicht aufhalten. Widerstand zwecklos. „Dafür fehlen auch die Argumente“, sagt Wölk. „Das Thema Schließung begleitet uns, solange ich hier bin“, sagt Schulleiterin Erika Müller. Und sie ist schon 25 Jahre Rektorin in Heinsen.

Das Ende kommt mit Ankündigung. Seit 2007 ist klar, dass die Schule im August 2013 geschlossen wird. „Erst haben wir das verdrängt, jetzt rückt es immer näher.“ Die 59-Jährige denkt mit Wehmut an das nahende Ende: „Es war meine Schule.“

Eine Dorfschule wird es in Heinsen zwar bald nicht mehr geben, aber dafür gibt es schon jetzt eine ganz neue Krippe. 400.000 Euro hat die Errichtung gekostet, 70. 000 Euro allein das Außengelände mit Kletterturm, Rutsche und Sandkiste mit Sonnensegel. Dort werden nicht nur Ein- und Zweijährige aus Heinsen betreut, sondern auch aus den benachbarten Gemeinden Polle, Brevörde und Kirchbrak. Die Heinser Grundschüler werden im Gegenzug ab nächstem Sommer im zwei Kilometer entfernten Polle unterrichtet. In der alten Heinser Dorfschule üben dann vielleicht bald Theatergruppen.

„Man muss vom eigenen Kirchturmdenken wegkommen,“, sagt Wölk. Nicht jede kleine Gemeinde brauche einen Kindergarten, eine Schule, einen Arzt und ein Neubaugebiet. So wie sich Bodenwerder und Polle vor zweieinhalb Jahren zu einer Samtgemeinde verbunden haben, so rücken auch die kleinen Dörfer zusammen. „Umbau statt Zuwachs“ heißt die Devise. Die Schüler aus vier Gemeinden werden in einem Dorf unterrichtet, die Krippen- und Kindergartenkinder in einem anderen Dorf gemeinsam betreut.

Nicht nur die Kinder aus Heinsen, sondern auch die Lehrerinnen müssen sich umstellen. Müller wird nach Polle als einfache Lehrerin wechseln. Rektorin bleibt die jetzige. Noch ist unklar, ob auch Müllers langjährige Heinser Kolleginnen Monika Benz (55) und Christine Eisert (52) künftig in Polle unterrichten werden. Vielleicht wird eine Pädagogin auch an eine andere Schule versetzt. Das Aus für die Heinser Schule nach 425 Jahren sei schade, gerade weil in den kleinen Klassen die Bindung an die Schüler so eng sei, sagen die Dorflehrerinnen. Aber sie sind auch Realistinnen: „Wir können ja keine Kinder backen“, sagt Eisert schmunzelnd.

Schon anderthalb Jahre vor dem Ende treffen sich die Pädagogen beider Schulen regelmäßig, sprechen über Lehrmethoden und Unterrichtsmaterial. Gegenseitige Klassenbesuche und Informationsabende für die Eltern sind geplant. Auch praktische Fragen wie der Schülertransport müssen geklärt werden. Der Linienbus fährt selten und braucht lange, weil er in einer großen Schleife viele Dörfer anfährt. Vermutlich muss ein extra Schulbus eingesetzt werden.

So wie Heinsen geht es vielen Gemeinden in Niedersachsen. Schon jetzt sind knapp 70 Grundschulen im Land so klein, dass sie nicht einmal mehr eine Klasse pro Jahrgang bilden können. 139 Schulen sind derzeit in Niedersachsen ohne Leitung, oft dauert es Monate, wenn nicht Jahre, bis eine Rektorstelle besetzt wird. In den nächsten Jahren wird die Samtgemeinde Bodenwerder-Polle, in der zurzeit rund 15 000 Menschen leben, nach Expertenschätzungen rund ein Drittel der Einwohner verlieren. Weitere Schulschließungen sind also schon absehbar.

In Heinsen sehen viele das Ende der Dorfschule mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Es ist richtig schade, weil die Schule super ist“, sagt Stefanie Wagener, Mutter von Denise (6) und Jasmin (8). Es werde eine Umstellung sein, wenn nicht mehr acht, sondern 26 Drittklässler in einer Klasse sitzen. „Wir nehmen schweren Herzens Abschied, aber der Entschluss ist einleuchtend.“ Schließlich profitiere der Ort ja auch von der Krippe, sagt Wagener. Die Dorfschule hat in der Familie Tradition. Schon ihr Mann, der Vater von Denise und Jasmin, besuchte sie.

Auch wenn die Geschäfte, die Musikschule und Sportvereine fehlen und jetzt auch noch die Schule schließt, Familie Wagener will bleiben. Solange es geht.

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