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Ein Brandsatz und viele Fragen in Salzhemmendorf

Erster Angriff auf bewohntes Heim Ein Brandsatz und viele Fragen in Salzhemmendorf

Entsetzen und Unverständnis herrschen im kleinen Salzhemmendorf am östlichen Rand des Landkreis Hameln-Pyrmont. Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte hat es in Deutschland bereits viele gegeben in jüngster Zeit, dieses Mal aber ist ein bereits bewohntes Heim angegriffen worden.

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„Man fragt sich, was als Nächstes passiert.“

Quelle: dpa

Salzhemmendorf. Zielstrebig schiebt Ilse Kipp ihren Rollator auf die Polizeibeamten zu und fragt, ob sie etwas tun kann, nach dieser schrecklichen Tat. Dann starrt sie auf das Fenster im Erdgeschoss der etwas heruntergekommenen Villa am Ende der Hauptstraße von Salzhemmendorf. Hier flog in der Nacht zu Freitag ein Molotowcocktail hinein, er hätte eine Mutter und ihre drei Kinder treffen können. Durch pures Glück blieb die Familie aus Simbabwe unverletzt. Ilse Kipp zieht ein zerknülltes Taschentuch aus der Manteltasche und wischt sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. „Es ist so traurig“, sagt sie. „Die waren so nett.“

Brandanschlag in Salzhemmendorf - Sie haben keine Berechtigung dieses Objekt zu betrachten.

Entsetzen und Unverständnis herrschen am Freitagmorgen in dem kleinen Dorf am östlichen Rand des Landkreises Hameln-Pyrmont. Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte hat es in Deutschland viele gegeben in jüngster Zeit, dieses Mal aber ist ein bereits bewohntes Heim angegriffen worden. Dass Ausländerfeinde für die Tat verantwortlich sind, bezweifelt hier niemand. Am Abend, nach der Bekanntgabe von drei Festnahmen, steht schon mal fest: Die Verdächtigen kommen offenbar aus der Gemeinde und der Region Hannover.

Nach einem Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim in Salzhemmendorf, nehmen rund 2000 Menschen an der Demonstration "Gute Nachbarschaft" teil. Sie demonstrieren für mehr Toleranz in Niedersachsen – und Deutschland.

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40 Menschen wohnen in dem Mehrfamilienhaus am Ortsrand, 31 davon sind Asylbewerber aus dem Nahen Osten und Afrika. „Es ist schon so, dass in letzter Zeit viel mehr Ausländer nach Salzhemmendorf gekommen sind als vorher. Aber das sind liebe, nette Leute in dem Haus. Und irgendwo müssen die doch auch hin“, sagt Barbara Träutlein. Sie sitzt mit ihrer Freundin Gabriele Schumann bei einem Kaffee vor ihrer Haustür und beobachtet das Treiben hinter der Polizeiabsperrung. Vor sechs Jahren ist sie mit ihren fünf Kindern von Hannover nach Salzhemmendorf gezogen und weiß, wie schwer es ist, in der Dorfgemeinschaft Fuß zu fassen. „Für Fremde ist es unglaublich schwer, akzeptiert zu werden. Und gerade Schwarze fallen in so einem kleinen Ort immer auf.“ Doch dass so etwas passiert, damit habe sie nicht gerechnet.

Ihre Freundin ist da anderer Meinung. „Ich habe sowas schon befürchtet. Hier hat sich in den vergangenen Jahren viel Frust aufgestaut“, sagt Gabriele Schumann. Die Schuld gibt sie der Politik, die die Bürger schlecht informiert. Gerade Sozialhilfeempfänger fühlten sich gegenüber Asylbewerbern oft benachteiligt. Einen Reim auf die möglichen Täter können sich aber beide Frauen nicht machen. „Es gibt ein paar Leute mit rechten Ansichten hier, aber bisher haben die nur große Töne gespuckt“, sagt Schumann.

Bis vor zwei Jahren hat sie selbst in dem Haus mit der Nummer 30 gewohnt, ein Freund von ihr lebt immer noch dort – direkt über der betroffenen Familie. Viele kannten die 34 Jahre alte Afrikanerin, die mit ihren vier, acht und elf Jahre alten Kindern vor familiärer Gewalt nach Deutschland geflohen war. „Die Frau hat immer gegrüßt und die Kinder haben manchmal zusammen gespielt“, sagt Träutlein. Was hätte passieren können, wäre der Brandsatz auf leicht entflammbares Material getroffen, will sie sich nicht ausmalen. „Mir macht das Angst“, sagt sie. „Man fragt sich, was wohl als Nächstes passiert.“

Angst hat auch Abdul. Der Elfjährige ist mit seinen Eltern und den vier Geschwistern aus Syrien geflohen und wohnt seit anderthalb Jahren in dem Mehrfamilienhaus an der Hauptstraße. Er besucht die KGS im Ort und spricht recht gut Deutsch. „Ich weiß nicht, wie es weitergeht. Umziehen können wir wohl nicht“, sagt er. Bakay Berthe hat vom Anschlag in der Nacht nichts mitbekommen. Erst am Morgen erfuhr der Ivorer von der Polizei, dass seine Unterkunft attackiert wurde. Er ist erst seit zwei Monaten in Deutschland, vor drei Wochen ist der 31-Jährige mit acht Freunden in die Wohnung gezogen. „Natürlich mache ich mir Sorgen, wie es jetzt weitergeht.“

Besorgt zeigt sich auch Ministerpräsident Stephan Weil, der sich am Morgen ein Bild von der Lage in Salzhemmendorf macht. Er empfinde es als tief beschämend, dass eine Frau, die vor Gewalt aus ihrem Heimatland geflüchtet ist, in Deutschland wieder Gewalt erfahren muss. „Dagegen müssen wir aufstehen und uns auch schon beim leisesten Anzeichen von Ausländerfeindlichkeit wehren“, sagt er.

Landrat Tjark Bartels ist sich sicher, „dass die Verbrecher genau das Gegenteil von dem erreichen, was sie bezweckt haben. Die Hilfsbereitschaft wird noch steigen“. Florian Marhenke macht gleich den Anfang. Er hat beim Bäcker zwei Bleche Kuchen für die Hausbewohner gekauft und hofft, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. „Die Flüchtlinge bringen uns auch ein Stück ihrer Kultur näher, das muss man auch mal sehen“, sagt er. Marhenke wohnt zwar im Nachbarort Lauenau, ist aber in Salzhemmendorf aufgewachsen.

„Refugees Welcome“ steht auf Transparenten der 2000 Demonstranten, die am Nachmittag im kleinen Salzhemmendorf gegen Fremdenhass auf die Straße gehen. Vom Rathausplatz ziehen sie zu dem Wohnhaus, in das der Brandsatz geworfen wurde. „Freie Menschen überall, kein Mensch ist illegal“, rufen die Demonstranten. Landrat Bartels verspricht: „Wir werden in unserem Engagement für Flüchtlinge zukünftig noch eine Schippe drauflegen.“

Isabel Christian

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