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Der Norden Eltern protestieren gegen Schulweg von 80 Minuten
Nachrichten Der Norden Eltern protestieren gegen Schulweg von 80 Minuten
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00:15 10.02.2018
Auf viele Schüler kommen lange Schulwege zu. Quelle: Franziska Kraufmann
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Aurich

 Der Verband der Elternräte der Gymnasien übt scharfe Kritik daran, dass ab 2020 Niedersachsens größtes Gymnasium, das Ulricianum in Aurich, wohlmöglich eine sieben Kilometer weit entfernte Außenstelle in Egels bekommen soll. Da 40 Prozent der 1800 Schüler aus dem Landkreis und ohnehin schon eine weite Anfahrt haben, drohten vielen Kindern Fahrtwege von jeweils bis zu 80 Minuten. „Es kann sein, dass ein Schüler tatsächlich nur 60 Minuten im Bus sitzt“, sagt Schulleiter Dieter Schröder, „aber er muss ja erstmal zur Haltestelle kommen und vor allem dann nachmittags auch noch lange auf den Bus warten.“ Viele Busslinien verkehrten nicht im Stunden-, sondern allenfalls im Zwei-Stunden-Takt. Nach Einschätzung des Direktors nutzen sowieso vor allem Schüler den öffentlichen Nahverkehr in Ostfriesland. Das Ulricianum ist das einzige Gymnasium im früheren Altkreis Aurich.

Droht den Gymnasien auf dem Land das Aus?

2015 hatte die damalige rot-grüne Landesregierung das Schulgesetz geändert und die Gesamtschulen rechtlich so aufgewertet hatte, dass sie auch andere Schulformen ersetzen können. Damals waren Eltern- und Lehrerverbände, aber auch die CDU dagegen Sturm gelaufen: Der Fortbestand der Gymnasien im ländlichen Raum sei gefährdet. Seinerzeit war dann im Gesetz festgelegt worden, dass die Schüler ein Recht darauf hätten, ein Gymnasium in zumutbarer Entfernung zu erreichen. Als zumutbar gilt gemeinhin ein Schulweg von jeweils 60 Minuten. 

Wege von bis zu 80 Minuten seien nicht zumutbar, meint der Vorsitzende des Verbandes der Elternräte, Hartwig Jeschke: „Wenn dieses beispielhaft für den neuen Kurs der Landesregierung ist, dann können die Gymnasien einpacken.“ Dabei gehe es um mehr als um den Einzelfall: Es werde schleichend Raubbau an den Gymnasien betrieben, meint Jeschke. Die neue Große Koalition habe es versäumt, in die Novellierung des Schulgesetzes, die am Donnerstag in die Verbandsanhörung geht, einen echten Bestandsschutz für Gymnasien einzubauen.

Gymnasien bleiben weiterhin beliebteste Schulform in Niedersachsen

Björn Försterling, Bildungsexperte der FDP, kritisiert: „Die aktuelle Situation in Aurich zeigt, dass es der CDU an Kraft fehlt, ein klares Bekenntnis zu den Gymnasien abzugeben. 80 Minuten Fahrzeit sind nicht zumutbar und dürfen nicht die Regel werden.“ Mareike Wulf (CDU) sagt, diese Frage müsse der Schulträger, der Landkreis Aurich, vor Ort klären. Es sei jedenfalls klar, dass Gymnasien einen großen Zulauf hätten. 

Die Vorwürfe des Verbandes der Elternräte hielten einer sachlichen Prüfung nicht Stand, weist das Kultusminister „in aller Deutlichkeit“ zurück. Die Gymnasien im Land seien stark und würden von den Eltern entsprechend angewählt, das zeigten seit Jahren steigende Schülerzahlen, wie auch in Aurich. Das Land habe keinen Einfluss auf die kommunalpolitische Diskussion genommen, noch liege überhaupt ein Antrag auf Errichtung einer Außenstelle der Schulbehörde vor. Grundsätzlich gelte im Sekundarbereich I ein Schulweg von 60 Minuten zu Fuß oder mit Verkehrsmitteln in einer Richtung plus Wartezeiten vor und nach Unterrichtsbeginn bzw. -ende für zumutbar.

Eltern in Aurich wehren sich gegen „Zerteilung“ der Schule

In der jüngsten Schulausschussitzung war in Aurich mit den  Gegenstimmen von CDU und SPD die Bitte der Eltern abgelehnt worden, andere Optionen, wie die Errichtung eines Anbaus, eine fußläufig erreichbare Außenstelle oder eine Containerlösung, zu prüfen. „Man kann doch nicht eine Schule einfach zerteilen“, kritisiert die Schulelternratsvorsitzende Susanne Biskup. Da die Oberstufenschüler wegen der fehlenden Fachräume nicht in die Außenstelle verlagert werden könnten, müssten die unteren Jahrgänge die langen Fahrtwege auf sich nehmen. Die Hausaufgabenhilfe, die Unterstützung durch ältere Schüler, fächerübergreifende Unterrichtsmodule oder auch die Teilnahme an Schulveranstaltungen seien dann für die Fünft- und Sechstklässler nicht mehr möglich.

Kursräume und Mensa fehlen durch Rückkehr zu G 9

Durch die Umstellung auf das Abitur nach neun Jahren fehlen am Ulricianum ab 2020 rund 14 Kursäume und eine größere Mensa.  Skeptisch sehen die Elternvertreter, dass in Aurich zugleich die Integrierte Gesamtschule West für 18 Millionen Euro saniert wird, während die Gymnasiasten in in die Jahre gekommenes Gebäude verlagert werden. Das Gymnasium hat bereits seit langem sogar acht bis neun Klassen pro Jahrgang. Ideologie dürfe kein Motor für Schulpolitik sein, heißt es vonseiten der Elternvertreter.

Der Schulleiter des Ulricianums, Schröder, wirbt dafür, sich nicht auf eine Lösung zu versteifen, sondern mehrere Optionen zu prüfen, um dem steigenden Platzbedarf gerecht zu werden. Er hoffe, dass es in diesem Jahr zu einer Entscheidung komme, vielleicht auch durch Druck aus der Landespolitik: „Von außen sehen wir zurzeit nur Stillstand.“

Von Saskia Döhner

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