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Der Norden Überall Filz
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00:15 01.09.2015
Von Gabriele Schulte
Die Welt wird immer bunter: Helga Euhus zeigt ihrer Enkelin Jule das Nadelfilzen auf einer Styroporkugel. Quelle: Kuttner
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Soltau

Den aufwändigen Umbau der denkmalgeschützten Halle zur „Felto-Filzwelt Soltau“ hat sich die öffentliche Hand rund fünf Millionen Euro kosten lassen, der Großteil kommt von der EU. „Das ist ein kulturtouristischer Leuchtturm für die Region“, sagte Andrea Hoops, Staatssekretärin im niedersächsischen Wissenschaftsministerium, bei der Eröffnung.

Was wird aus Filz gemacht? „Filzpantoffeln“ fällt vielen Besuchern beim Betreten des Museums als spontane Antwort ein. Umso mehr staunen sie, wenn sie vom Einsatz der verdichteten Wolle in Poliergeräten beim Zahnarzt oder als Reparaturstoff für defekte Kanalleitungen erfahren. Filz dient als Schalldämpfer für Klaviertasten, als flammenabweisende Beigabe in Feuerwehruniformen, als Filter in Kraftwerken. So vielfältig der Einsatz, so global die Verbreitung: Ob in Peru oder der Türkei, das Verfilzen von Wolle wird seit Jahrtausenden praktiziert. Besucher des „Erlebniszentrums Filzwelt“ erfahren dies mithilfe von Filmen, Experimentierstationen und Exponaten. Eine begehbare Jurte beispielsweise veranschaulicht die traditionelle Wärmedämmung in der Mongolei. Um den Stoff herzustellen, lassen Reiter ihre Pferde feuchte Wollrollen hinter sich herziehen. Auch unter dem Sattel, mit dem Schweiß der Pferde, können sie  Wolle zu Filz reiben.

Ein Film vermittelt den Besuchern auch, wie die 140 Mitarbeiter im Backsteinbau nebenan industriell Filz produzieren, der in Form von Filtern und Nadelfilzschläuchen an Großabnehmer in der ganzen Welt geliefert wird. Seit 1851 wird in der Soltauer Innenstadt Filz hergestellt. Eine gläserne Produktion für „Filzwelt“-Besucher gibt es nicht, der Familienbetrieb Röders ist lediglich Nachbar. „Wir haben den Anschluss und sind gleichzeitig unabhängig“, sagt Mathias Ernst. Der 45-jährige Historiker ist Mitinitiator des neuen Museums, das ebenfalls eine Art Familienbetrieb ist – vorwiegend ehrenamtlicher Art. Zusammen mit Mutter Hannelore und Vater Siegfried haben Mathias Ernst und seine Frau Antje zunächst aus ihrer privaten Puppensammlung das Soltauer Spielzeugmuseum entwickelt, das sie mittlerweile in Form der Stiftung Spiel führen. Bezahlt wird lediglich eine halbe Stelle für Antje Ernst. Die Stiftung betreibt nun auch das Filzmuseum, es soll bald über eine gemeinnützige Aktiengesellschaft an mehr Kapital gelangen. Ein Teil der Mitarbeiter, unter anderem im Service, kommt von der Lebenshilfe – das durchgängig barrierefreie und inklusive Konzept hat zur Förderungswürdigkeit beigetragen.

Von der ersten „Filzwelt“-Idee bis zur Eröffnung der 1500 Quadratmeter Ausstellungsfläche im Backsteinlagerhaus von 1877 sind einige Jahre ins Land gegangen. Unter anderem verlangte die Oberfinanzdirektion als Aufsichtsbehörde, die mit verglastem Fahrstuhl erreichbare Aussichtsplattform in 24 Meter Höhe billiger als geplant zu gestalten.
Familie Ernst hofft auf 50 000 Besucher im Jahr. Auch Soltaus Bürgermeister Helge Röbbert zeigt sich zuversichtlich: „Das ist ein Highlight direkt in der Innenstadt, das uns deutlich mehr Zulauf bringen wird.“ Die Stadt habe die Stiftung Spiel seit 2005 schon mit rund zwei Millionen Euro unterstützt.

Jetzt in den Ferien nutzen vor allem Eltern und Großeltern mit Kindern und Enkeln die Gelegenheit, aus Filzresten Figuren zuzuschneiden und aus dem weichem Naturstoff Bälle zu filzen. Die Erwachsenen können entweder die Anleitung vorlesen oder einen der Museumsmitarbeiter um Rat fragen, doch viele Kinder sind schon kleine Experten. „Ich habe mal im Kindergarten einen Vogel gefilzt“, erzählt die siebenjährige Clara aus Salem am Bodensee, während sie eine feuchtwarme bunte Kugel in ihren Händen rollt. Ihr 15 Jahre alter Cousin Robin meint: „Schön wäre, wenn man hier mehr Möglichkeiten auch zum Trockenfilzen hätte.“ Doch der Umgang mit der dafür nötigen Nadel könne schnell blutig enden, meint Mitarbeiterin Angelika Bonas, die Workshops und Kurse anleitet.

Filzen habe seit den Neunzigerjahren richtig Konjunktur, sagt Mathias Ernst. Dass der Spaß daran demnächst ein Ende finden und seine „Filzwelt“ darunter leiden könnte, befürchtet der Historiker nicht: „Das Material funktioniert seit Jahrtausenden. Das kommt so schnell nicht aus der Mode.“

Die „Felto-Filzwelt Soltau“ an der Fußgängerzone, Marktstraße 19, ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Erwachsene zahlen 8 Euro, Schüler 4 Euro, Familien zahlen für maximal ein Kind. Freitags von 14.30 bis 16.30 Uhr ist angeleitetes Filzen im Preis inbegriffen, sonnabends um 14.30 Uhr eine rund einstündige Führung. Gruppen ab zehn Personen können weitere kostenlose Führungen vereinbaren. Für Blinde gibt es in Kürze Audio-Guides, die auch andere Besucher nutzen können. Weitere Informationen unter www.filzwelt-soltau.de.

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