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Der Norden Erneut Patient aus Maßregelvollzug geflohen
Nachrichten Der Norden Erneut Patient aus Maßregelvollzug geflohen
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00:15 21.05.2016
Quelle: dpa/Symbolbild
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Northeim

Am Mittwochabend wurde eine Öffentlichkeitsfahndung nach dem Entflohenen eingeleitet. Die Polizei Bremen veröffentlichte dazu ein Foto des Gesuchten. Eine akute Gefahr für die öffentliche Sicherheit sei nicht anzunehmen, teilte das Maßregelvollzugszentrum mit.

Nach Angaben des Sozialministeriums war der 39-Jährige nach einem 1998 begangenen Mord im Bremer Drogenmilieu verurteilt worden. Aufgrund einer psychischen Erkrankung wurde er ab Herbst 2002 zunächst im Maßregelvollzug in Bremen untergebracht. Nachdem es dort zu Drogenrückfällen gekommen war, wurde er im Juli 2015 von Bremen nach Niedersachsen verlegt. Die Ärzte hätten prüfen wollen, ob ein Neustart möglicherweise größere Erfolgsaussichten biete. Während der weiteren Therapie im niedersächsischen Maßregelvollzugszentrum Moringen seien dann auch keine Straftaten bekannt geworden, sagte Ministeriumssprecher Uwe Hildebrandt. Deshalb habe man ihm Lockerungen in Form von unbegleiteten Ausgängen gewährt.

Zuletzt machte der 39-Jährige eine ambulante Therapie in einer Einrichtung für Suchtkranke in Northeim. Auch am Dienstagvormittag war er zu einem Therapietermin nach Northeim gefahren. Als dort Betreuer aus dem Maßregelvollzugszentrum auftauchten, um ihn vorzeitig abzuholen, riss er sich auf dem Weg zum Auto los und rannte davon. Die Betreuer hatten ihn nach Moringen zurückbringen wollen, weil eine Mitpatientin schwere Vorwürfe gegen ihn erhoben hatte. Sie hatte berichtet, dass der 39-Jährige sie unter Druck gesetzt und aufgefordert habe, Drogen ins Maßregelvollzugszentrum zu schmuggeln. Die ärztliche Leitung habe ihn mit diesen Vorwürfen konfrontieren wollen, sagte Ministeriumssprecher Hildebrandt. Wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft bestätigte, war der Mann 2014 während seiner Unterbringung in Bremen schon einmal flüchtig gewesen. Er sei dann in Bremen wieder festgenommen worden.

In den vergangenen Monaten waren bereits mehrere Männer aus dem Maßregelvollzugszentrum Moringen entkommen. Im Juli 2015 war ein psychisch kranker Straftäter geflohen, als er Küchenabfälle zum Container brachte. Erst Anfang Mai hatte ein aus dem Maßregelvollzug entflohener 36-jähriger Patient eine Seniorin in Wunstorf überfallen und schwer verletzt. Infolgedessen ist eine Debatte darüber entbrannt, ob in Niedersachsen zu nachlässig mit gefährlichen Straftätern umgegangen wird. Sozialministerin Cornelia Rundt räumte „Fehleinschätzungen“ der Fachleute ein. Sie kündigte an, dass das System der Lockerungen vom Vollzug überprüft werden soll.

Der CDU-Abgeordnete Reinhold Hilbers erklärte, Sozialministerin Cornelia Rundt sei mit dem Maßregelvollzug „völlig überfordert“, sie müsse strengere Maßstäbe bei Gutachten zu Vollzugslockerungen aufstellen. Die FDP-Abgeordnete Sylvia Bruns sagte, das Flickwerk der Ministerin reiche nicht mehr aus.

Von Heidi Niemann

„Ärgerlich, aber kein Systemversagen“

Kürzlich verletzte ein drogenkranker Mann aus dem Maßregelvollzug eine Frau. Jetzt ist wieder ein drogenkranker Verbrecher entkommen. Frau Ministerin Rundt, was läuft da schief?

Man muss differenzieren. Die Tatsache, dass ein Patient, der schon Lockerungen genießt, sich einfach davonmacht, geschieht immer wieder. Es gibt 35 000 bis 40 000 unbegleitete Vollzugslockerungen im Jahr. Hier ist nun einer augebüxt, der merkte, dass er möglicherweise wieder zurück muss in den streng bewachten Maßregelvollzug. Das ist ärgerlich, aber kein Versagen des Systems.

Glauben Sie, dass der Entflohene wieder zurückkehrt?

Ich hoffe es. In den meisten Fällen stellen sich die Patienten selber wieder, fast alle anderen werden kurzfristig von der Polizei gestellt. Mir ist wichtig, dass wir das System der Gewährung von Lockerungen konsequent weiterentwickeln. Es wird zum Beispiel eine neue juristisch aufgestellte Prüfstelle geben, die sich speziell die Gewährung von Ausgängen bei Gewalttätern genau ansieht. Auch ein externes Forschungsinstitut werden wir einbinden, eine neue Meldevorschrift gibt es bereits.

Immer wieder kommen drogenkranke Verbrecher in bewachte Suchtkliniken, um sie zu therapieren. Ist das richtig?

Das ist Gesetzeslage. Meine Sorge ist eine andere. Wenn erkennbar für unsere Therapeuten wenig Heilungsaussicht besteht, wenn bei den Patienten also eine Therapieresistenz besteht, dann zaudern meines Erachtens die Vollstreckungsgerichte zu häufig, den Weg zurück in den normalen Vollzug anzuordnen, also den Weg ins Gefängnis.

Auch im aktuellen Fall wurden etliche Therapieversuche unternommen. Wird zu viel therapiert und zu wenig bestraft?

Beim Umgang mit Menschen, die sich nicht therapieren lassen, haben wir Verbesserungsbedarf.

Interview: Michael B. Berger

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