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„Falscher Prediger“ wirbt Wolfsburger für Dschihad

Prozessauftakt am Montag „Falscher Prediger“ wirbt Wolfsburger für Dschihad

Zwei Wolfsburger, die sich dem IS-Terror anschlossen, kommen am Montag in Niedersachsen vor Gericht. Was brachte sie in der florierenden Autobauer-Stadt mit der mustergültigen Integration vieler Ausländer in die Fänge der Extremisten?

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Nach der Rückkehr nach Wolfsburg im Sommer 2014 wird IS-Anhängern von Montag an wegen der Unterstützung des IS der Prozess gemacht.

Quelle: dpa

Celle/Wolfsburg. Die Gräuel der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) spielen sich weit weg ab in Syrien und dem Irak - auf den im Internet kursierenden Fotos von Kämpfern in Heldenpose mit schweren Waffen aber tauchen auch hier bekannte Gesichter auf. Inzwischen über 700 Dschihadisten haben sich aus Deutschland auf den Weg ins Kampfgebiet gemacht, die Tendenz ist laut Verfassungsschutz weiter steigend. Mindestens 20 davon kommen aus Wolfsburg, seit langem ein Zentrum radikaler Islamisten in Niedersachsen. Nach der Rückkehr nach Wolfsburg im Sommer 2014 wird zweien von ihnen von Montag an wegen der Unterstützung des IS der Prozess gemacht. Ihnen drohen einige Jahre Haft.

Warum ausgerechnet die VW-Stadt, die mit ihrer internationalen Bevölkerung bekannt ist für die gelungene Integration tausender Arbeiter aus dem Ausland - die Frage stellt sich neben der Grundfrage, was junge Leute in die Fänge der Extremisten treibt.

Betroffene Familien gut in Stadt etabliert

Wolfsburg ist anders als andere Städte wohlhabend. Der Autobauer hat hier seinen Sitz. Die Stadt bietet für seine rund 125.000 Einwohner überdurchschnittlich viel. Es gibt ein renommiertes Kunst- und ein Wissenschaftsmuseum sowie die Autostadt, eine Art Freizeitpark von Volkswagen. Die Festnahme von einem der zwei mutmaßlichen Dschihadisten erfolgt denn auch nicht in einem tristen Vororthochhaus, sondern in einer Straße mit Einfamilienhäuschen im Stadtteil Reislingen.

Die Stadt wies darauf hin, dass viele der betroffenen Familien sehr gut in Wolfsburg etabliert seien. Ihre Kinder hätten ausgesprochen gute Schulabschlüsse, studierten oder machten eine Ausbildung. Im Falle vieler junger Menschen, die sich radikalisiert haben, habe das mit fehlender persönlicher Anerkennung zu tun. Wolfsburg hat auf die Entwicklungen reagiert und im Februar eine "Dialogstelle Jugendschutz" eingerichtet.

Prediger bekamen Hausverbot in Moscheen

Als Gebetshaus für türkisch- und tunesischstämmige Muslime, meist der älteren Generation von VW-Arbeitern, beschreibt der Landesvorsitzende der Türkisch-Islamischen Union (Ditib), Yilmaz Kilic, die Moschee beim Bahnhof. Dort soll laut Bundesanwaltschaft ein IS-Mitglied die beiden Männer rekrutiert haben, die nun vor Gericht kommen.

"Die Radikalen klappern meist bestehende Moscheen ab, mit dem Versuch, sich dort zu festigen." So sei es auch bei der radikalen Clique gewesen, die zunächst in der arabischen und später der Ditib-Moschee Hausverbot bekam. Eine ganz normale Moschee, sagt auch der Verfassungsschutz, der das Gotteshaus nicht unter Beobachtung hatte.

Radikalisierung lief nicht unbemerkt ab

"Dem äußeren Anschein nach war dies ein ganz normaler jugendlicher Freundeskreis, sie kamen zum Gebet und unterhielten sich untereinander", so Kilic. Erst nach Hinweisen gab es ein Hausverbot. Der Annahme, dass sich die Radikalisierung quasi unbemerkt in dem ansonsten unspektakulären Wolfsburg abspielte, widerspricht Kilic. "Der letzte Stand der Dinge ist, dass schon vor Bekanntwerden der Terrorzelle diesbezüglich Gespräche mit der Stadt, dem Bürgermeister, Landeskriminalamt und Verfassungsschutz geführt wurden." Das Landeskriminalamt widersprach Medienberichten, nach denen sich Angehörige wegen der drohenden Abreise von einem der Männer an das LKA gewendet hätten, die Behörden die Ausreise aber nicht verhindert hätte. Laut LKA gab es lediglich einen mündlichen Hinweis auf eine mögliche Ausreise. Da der Hinweisgeber den Kontakt abbrach, hätten die Behörden zu wenig für einen Passentzug in der Hand gehabt.

Islamisten made in Germany

Was aber ist das Profil der Islamisten "made in Germany", die in Krisengebiete aufbrechen, aus denen die örtliche Bevölkerung zu Hunderttausenden flieht? Besonders anfällig für islamischen Extremismus seien junge Muslime, denen ein männliches Leitbild fehle, sagte kürzlich der Geschäftsführer des Landespräventionsrates, Erich Marks. Für den Geschäftsführer des Islamischen Kulturzentrums Wolfsburg, Mohamed Ibrahim, könnten die Gründe für eine Radikalisierung unter anderem Perspektivlosigkeit, Ausgrenzung und Langeweile sein. "Aber eine genaue Begründung dazu kann ich Ihnen nicht liefern", sagte er nach den Berichten zur Terrorzelle.

„Falscher Prediger“ habe Druck aufgebaut

"Wir hatten mit Religion nichts zu tun", beteuerte einer der Angeklagten in einem in der Untersuchungshaft geführten Interview mit NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung". Ein "falscher Prediger" sei gekommen und habe Druck aufgebaut. "Wie kannst Du in Ruhe schlafen, also in der Wärme mit Heizung, wo junge Muslime gerade verhungern oder Frauen vergewaltigt werden?", soll er gefragt haben. Der Mann machte demnach auch Versprechungen: Von teuren Autos und vier Frauen gleichzeitig sei die Rede gewesen.

Der Wirbel um die Wolfsburger Zelle und die gefassten mutmaßlichen Terrorhelfer hinterlässt in der Stadt Spuren: "Man schaut sich mehr um", sagt eine 15-Jährige, die mit Freundinnen am Pizzastand ansteht. Obwohl ihr natürlich klar sei, dass nicht jeder bärtige Mann extrem ist. Die Islamistenszene sei Thema im Freundeskreis. "Es verunsichert natürlich, wenn man merkt, das kommt näher." Bis vor kurzem hätten sie nichts davon geahnt.

Eine ältere Dame, eine frühere Lehrerin, drückt es nüchterner aus: "Es ist nicht schön." Sie hofft, dass keiner ihrer früheren Schützlinge unter den Islamisten ist. "Ich habe keine Angst. Aber es tut mir leid um diese jungen Leute."

Die Wolfsburger Zelle

Als ein Zentrum radikaler Islamisten haben die niedersächsischen Behörden seit langem Wolfsburg im Visier. Nach Angaben von Innenminister Boris Pistorius (SPD) hat sich dort in den vergangenen Jahren ein besonderer Schwerpunkt der salafistischen Szene gebildet. Die Gruppe habe aber keine hierarchischen Strukturen.

Von den bis zu 60 Islamisten aus Niedersachsen, die in Richtung Syrien und Irak ausgereist sind, stammen nach Angaben des Verfassungsschutzes 20 aus dem Raum Wolfsburg. Die erste Ausreise fand im September 2013 statt, 2014 folgten 17 Ausreisen und zwei in diesem Jahr. Rund 20 ausgereiste Islamisten aus Niedersachsen sind inzwischen zurückgekehrt, gut zehn sind in Syrien oder dem Irak gestorben, darunter mehrere Wolfsburger.

In Wolfsburg sind den Sicherheitsbehörden etwa 30 bis 40 Personen mit Bezug zum Kampfgeschehen in Syrien und dem Irak bekannt. Menschen, die nach dorthin ausreisen wollen, dies bereits getan haben oder dafür werben oder dies logistisch unterstützen.

Neben den beiden nun angeklagten mutmaßlichen Unterstützern der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) geriet Ende vergangenen Jahres ein weiterer mutmaßlicher Dschihadist aus Wolfsburg ins Visier der Justiz. Dem 29-Jährigen wurde am Flughafen Hannover die Ausreise in die Türkei verweigert. Der Mann soll neben einer großen Menge Bargeld auch eine Drohne im Gepäck gehabt haben. Die Behörden vermuten, dass der Mann sich in Syrien dem IS anschließen wollte.

Schon 2007 geriet ein deutsch-tunesischer Jugendlicher aus Wolfsburg ins Visier der Fahnder, weil er für die „Sauerland-Gruppe“ Zünder aus der Türkei nach Deutschland geschmuggelt haben sollte.

Von Valentin Frimmer und Michael Evers, dpa

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