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Gestrandet auf Sylt

Flüchtlinge auf Urlaubsinsel Gestrandet auf Sylt

Die Insel Sylt ist für viele ein Paradies: 200 Flüchtlinge leben nun da, wo die Reichen und Schönen Urlaub machen. Wie klappt das Zusammenleben?  Eine Inseltour.

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Aus Somalia nach Keitum: Saad Mohammed Hassen lernt Deutsch – und Gitarre. Vor allem aber hofft er auf Arbei.

Quelle: Neelsen

Sylt. Da ist er wieder, der Sylt-Effekt. Dieses spezielle Licht, wenn die Sonne durch die Wolken bricht. Das Licht, das Sylt so besonders macht. Dazu die Reetdachhäuser, das exklusive Flair: in Kampen und anderswo, wo sich die Reichen und Schönen treffen, teure Markenklamotten shoppen und Luxusuhren kaufen.

„Ich liebe Äpfel. Ich habe früher schon einmal einen gegessen.“ Wenige Kilometer von Kampen entfernt steht Saad Mohammed Hassen unter einem Apfelbaum vor einem Reetdachhaus in Keitum. Es liegt gegenüber der Kirche und dient dem 18-jährigen Somalier und zehn Mitbewohnern als Unterkunft. Bei Saad zu Hause in Somalia sind Äpfel Luxus. „Ein Apfel kostet über 2 Euro.“ Der durchschnittliche Tagesverdienst liegt bei 3 bis 5 Euro.
Es war ein langer Weg hierher ins Land der Äpfel – und nach Sylt. Über Äthiopien und den Sudan flüchtete Saad 2014 nach Libyen. Von dort in einem kleinen Boot, besetzt mit 88 Menschen, nach Europa. Für die Überfahrt zahlte er 1800 US-Dollar. „Mein Onkel hat mir das Geld für die Flucht gegeben.“

Ausgerechnet Sylt. Geht das überhaupt, Flüchtlinge auf Sylt, im Urlaubsparadies der Schickeria? Wo reiche Promis wie Günther Jauch und Wolfgang Joop sich Guten Tag sagen? Rolf Speth (69), der Bürgermeister von Hörnum, sitzt hinter seinem Schreibtisch und zählt nachdenklich seine Amtsgemeinden auf. Kampen gehört dazu, List und Wenningstedt. Rund 4000 Einwohner. Ganz Sylt hat kaum mehr als 20 000 Bewohner. Dazu derzeit knapp 200 Flüchtlinge. „Bis März werden es wohl 400 sein“, glaubt Speth. „Unser Amt kriegt 25 Prozent davon.“ Bisher sind die Flüchtlinge dezentral untergebracht, in leer stehenden Häusern, in Ferienwohnungen. Ein großes Lager oder Container gibt es nicht auf Sylt.

Es geht den Neuankömmlingen nicht schlecht auf der Nordseeinsel. Es gibt Eigentümer, die Wohnraum zur Verfügung stellen. Es gibt eine Flüchtlingsinitiative, Möbel-, Kleider-, Fahrradspenden. Die Volkshochschule und der Verein Integrationshilfe bieten Deutschkurse an. Es gibt viel guten Willen, wie anderswo auch. 50 Prozent der Menschen seien aufgeschlossen, schätzt Speth. „Die andere Hälfte findet das alles wohl nicht so gut. Aber eher im Stillen.“

Es gibt auch Probleme. Anfang November gab es eine Messerstecherei mit einem Toten in einem Flüchtlingshaus in Westerland. „Das weckt Ängste“, meint der Bürgermeister. „Vor dem Fremden, dem Unbekannten.“ Integration sei ohnehin schwierig, schon der Sprache wegen – auch zu Weihnachten. In erster Linie aber müssten nun weitere Unterkünfte her.

„Wir schaffen das“, sagt Speth, der einer Wählergemeinschaft angehört, ohne Begeisterung. Er könne den Ansatz von Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht wirklich nachvollziehen. Leere Wohnungen gebe es immerhin genug.
Es sind zurzeit nicht allzu viele Touristen auf Sylt. In Kampen warten gelangweilte Verkäufer in Nobelboutiquen und Juwelierläden. Flüchtlinge? „Nein“, sagt eine Verkäuferin. „Hab’ ich hier noch nicht gesehen.“

Wie auch. Die Unterkünfte sind woanders, am Nord- und Südende der Insel, in List und Hörnum und in Westerland. Doch auch dort sieht man die Flüchtlinge kaum. „Man merkt die hier gar nicht“, findet die 75-jährige Inge Petersen, die nahe der Westerländer Flüchtlingsunterkunft lebt. Dort, wo sich der Todesfall ereignete. Trotz dieses Vorfalls, sagt ihre Bekannte Edith Jaenke, habe sie keine Angst. Frank Flemming, Altenpfleger aus Westerland, meint dagegen, dass seine Mutter sehr besorgt sei. „Die traut sich im Dunkeln nicht mehr auf die Straße.“ Dennoch sagt Flemming: „Helfen müssen wir.“

Nur unterbringen reicht nicht

Die psychische Betreuung komme zu kurz, sagt Bernd Frühling, Kommunalbeamter aus Hörnum und ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer. „Die Leute nur unterzubringen reicht eben nicht.“ Der 49-Jährige betreut auch Saad. In Somalia fuhr Saad ein dreirädriges Taxi. Doch das Leben sei zu gefährlich geworden dort. Auf den Straßen regieren Bürgerkrieg und Gewalt. „Frauen werden auf offener Straße vergewaltigt, Menschen getötet.“

Auf Sylt hat Saad nun Gitarrenunterricht. Er lernt Deutsch. Wie seine Mitbewohnerin Barwaqo, die schwanger ist und mit ihrem Ehemann ebenfalls von Somalia nach Sylt kam. Sawen Isadshanjan aus Armenien ist der einzige Christ im Reetdachhaus. Das Zusammenleben indes funktioniert. Gerne zeigt Sawen sein Zimmer: ein einfacher Raum, zwei Betten, kaum persönliche Dinge. Ein Platz zum Schlafen – mehr nicht.

Was ihnen noch fehlt, ist Arbeit. Saad hofft, dann seine in Somalia gebliebene Familie unterstützen zu können. Es scheint, als habe er Glück: Gordon Debus vom A-Rosa-Resort Sylt will ihn und zwei andere Somalier als Küchenhelfer einstellen. Vielleicht können sie später eine Ausbildung machen. Saad ist froh, dass er gebraucht wird. Es gefalle ihm auf Sylt, strahlt er. „Ich will gerne hier bleiben.“

Von Marcus Stöcklin

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