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Der Norden „Das hätte länger dauern können“
Nachrichten Der Norden „Das hätte länger dauern können“
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00:15 09.08.2016
Inzwischen kommen weniger Flüchtlinge nach Deutschland, auch in Sumte wird die Unterkunft nicht mehr gebraucht. Quelle: Philipp Schulze/dpa
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Sumte

Alles sieht wieder aus wie vorher. Die Fachwerkhäuser, die alte Bushaltestelle an der Hauptstraße, die Pferdekoppel am Ortseingang. Warnschilder am Zaun hatten noch vor Kurzem unter anderem auf Arabisch gewarnt, Tiere zu füttern oder zu berühren, doch sie sind längst abgenommen. Die Notunterkunft auf der anderen Straßenseite ist fast leer.

Zeitweise waren in dem kleinen Dorf Sumte östlich von Lüneburg mehr als 700 Flüchtlinge untergebracht gewesen, jetzt sind es keine 20 mehr. Kein Supermarkt, kaum Nahverkehr, nur 102 Einwohner. „Wir leben hier am Arsch der Welt“, hatte Ortsvorsteher Christian Fabel (CDU) im Oktober gesagt, nachdem bekannt wurde, dass in dem kleinen Ort zwischen Elbe und Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern bis zu 1000 Flüchtlinge untergebracht werden sollen. Ganz so viele wurden es am Ende nicht. Journalisten aus den USA, Russland und Japan waren im November aber trotzdem dabei, als der erste Bus ankam. Sumte wurde zu einem Symbol der Flüchtlingspolitik stilisiert, so mancher Bewohner der Region zeigte sich besorgt.

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Jetzt heißt es beim Innenministerium in Hannover ganz sachlich: „Der Vertrag zwischen Land und Betreiber läuft am 14. Oktober 2016 aus.“ Bis dahin würden alle Flüchtlinge umverteilt und der Rückbau abgeschlossen, so Sprecher Matthias Eichler. Die Flüchtlingszahlen seien seit Anfang des Jahres deutlich zurückgegangen, alle Verträge über Notunterkünfte liefen daher noch in diesem Jahr aus.

„Meinetwegen hätte das länger dauern können, dann wären die Baumaßnahmen nicht umsonst gewesen“, sagt der Sumter Reinhold Schlemmer. Das Haus des 72-Jährigen steht an der Zufahrt zu dem einstigen Bürokomplex. „Wir hatten mit den Flüchtlingen keine Probleme oder gar Auseinandersetzungen“, betont er. „Wir haben gemeinsam gefeiert, auch Weihnachten, Silvester und sogar Karneval. Außerdem haben die Flüchtlinge Grillabende organisiert mit Musik und Tanz“, berichtet Schlemmer, früher Bürgermeister von Sumte. „Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll“, sagt er noch.

Hoffnung auf die Neuansiedlung eines Betriebes habe er nicht. Die Anlage, in der noch die Flüchtlinge wohnen, gehört der Firma Apontas in Hannover. Dort gibt es noch keine konkreten Nachnutzungspläne, wie Geschäftsführer Ronald Geis sagt.

Dass alles trotz anfänglicher Bedenken gut gelaufen ist, ist für Schlemmer vor allem Jens Meier und dem Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) zu verdanken, dem Betreiber. „Die Truppe vom ASB hat eine ausgezeichnete Arbeit gemacht“, lobt er. Fabel sieht es genauso.

Jens Meier ist ein großer Mann, wenn er ruft, ist seine Bassstimme weithin zu hören. „Ich habe in sechs Monaten 2400 Stunden gemacht“, sagt er. Als Kreis-Geschäftsführer des ASB und zunächst auch Leiter ist er für die Unterkunft in Sumte verantwortlich. „Auch im Camp war es relativ ruhig“, betont er, nur selten sei es zu Auseinandersetzungen gekommen. Mit den Flüchtlingen seien Netzwerke, Freundschaften und sogar Beziehungen entstanden. „Auch im Ort haben viele mitgezogen, als wir erst mal Vertrauen hergestellt haben.“ Meier spricht von einer „idealen Unterkunft“ und einem „super Team“. „Das sollte bei Bedarf bestehen bleiben“, meint er. So könne etwa Hamburg die Ressourcen für seine Flüchtlinge nutzen. Berge von Bettwäsche und Kissen, zusammengeklappte Bettgestelle sind dort noch immer zu sehen. Doch sonst herrscht Leere in der gewaltigen Anlage.

Die Flüchtlinge haben auch für Arbeit in der abgelegenen Gemeinde Amt Neuhaus am nordöstlichen Ufer der Elbe gesorgt, vor der Wiedervereinigung DDR-Gebiet. Mehr als 70 Menschen waren zeitweise in der Unterkunft beschäftigt, jetzt sind es noch 52, manch einer könnte arbeitslos werden. „Wenn das hier zu Ende geht, werden viele mit mindestens einem weinenden Auge herausgehen“, sagt Mandy Thoms. Seit einigen Monaten leitet die 38-Jährige die Unterkunft. Ihre Mutter ist hier als Sozialarbeiterin im Einsatz, eine Schwester arbeitet in der Verwaltung, die andere in der Küche, ihr Lebensgefährte auch. Viele enge Kontakte seien entstanden, sagt Thoms. Und: Es sei schwer, in der Region Arbeit zu finden.

Überhaupt: Wie die Zukunft aussehen soll, das ist in Sumte ein großes Thema. „Hier muss was weitergehen, egal was“, sagt Ortsvorsteher Fabel. Das Gelände, auf dem noch Flüchtlinge leben, habe viele Möglichkeiten. „Wenn man es schon nicht mehr als Notunterkunft nutzen will, könnte man es doch etwa als Bildungseinrichtung nutzen“, meint er. „Das wäre ein Schritt zur Integration.“ Fabels Fazit: „Wir haben gesehen, dass man auch mit großen Herausforderungen umgehen kann.“ Und, immerhin: „Die Straßenlaternen haben LED-Leuchten bekommen. Das mit dem besseren Internet hat leider nicht geklappt.“

Von Peer Körner

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