Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Der Norden "Eine Brutalität der Tat, die besonders ist"
Nachrichten Der Norden "Eine Brutalität der Tat, die besonders ist"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:20 21.11.2016
Polizisten bei der Spurensicherung in Hameln. Quelle: Polizei
Anzeige
Hameln

Das etwa fingerdicke Seil legt der Mann um den Hals der Frau, das andere Ende des Stricks knotet er an die Anhängerkupplung seines Autos. Dann gibt er kräftig Gas – und schleift die 28-Jährige am frühen Sonntagabend durch die Straßen der Rattenfängerstadt Hameln. Die Frau wird dabei lebensgefährlich verletzt und später in eine Klinik nach Hannover geflogen. Sie ringt um ihr Leben.

Ein brutales Verbrechen erschüttert Hameln: Eine junge Frau ist mit einem Strick um den Hals an ein Auto gebunden und durch die Straßen der Stadt geschleift worden. Das 28-jährige Opfer schwebt in Lebensgefahr. Der 38 Jahre alte frühere Lebensgefährte der Frau und Vater des gemeinsamen Kindes hat sich der Polizei gestellt.

Die Polizei in Hameln und die Staatsanwaltschaft in Hannover gehen von einer Beziehungstat aus: Der 38-Jährige und die zehn Jahre jüngere Frau haben ein gemeinsames Kind, leben aber offenbar getrennt voneinander und waren in ständigem Streit. Die 28-Jährige überlebte wohl nur, weil sich das Seil nach etwa 250 Metern in einer Rechtskurve löste. „Man kann hoffen, dass ihr das das Leben retten wird“, sagte gestern der hannoversche Oberstaatsanwalt Thomas Klinge. Der mutmaßliche Täter wurde am Montagnachmittag einem Ermittlungsrichter am Hamelner Amtsgericht vorgeführt, der ihn in Haft nehmen ließ. Die Tat ist selbst in den Augen des erfahrenen Oberstaatsanwalts Klinge „von einer Brutalität, die besonders ist“. Die Staatsanwaltschaft ermittelt darum auch wegen versuchten Mordes. „Es ist eine Tat, wie ich sie jedenfalls in Hannover so noch nicht kennengelernt habe“, sagt Klinge.

Polizei geht von Beziehungstat aus

Passanten hatten die junge Frau am Sonntagabend schwer verletzt und stark blutend auf einem Bürgersteig in der Hamelner Kaiserstraße gefunden, nicht weit von Bahnhof und Innenstadt entfernt. Nach Angaben der Hamelner „Deister- und Weserzeitung“ wollen Zeugen auch Stichverletzungen gesehen haben. Polizei und Staatsanwaltschaft bestätigten dies zunächst nicht. „Spekulationen verbieten sich bei so einer schlimmen Tat“, sagte Oberstaatsanwalt Klinge.

Die ehemalige Lebensgefährtin des Mannes wurde zunächst in Hameln operiert und dann mit dem Rettungshubschrauber nach Hannover geflogen. Dort wurde sie erneut operiert und in ein künstliches Koma versetzt. Der 38-Jährige aus dem unweit von Hameln gelegenen Bad Münder tauchte kurz nach der Tat auf einer Polizeiwache in Hameln auf und ließ sich dort widerstandslos festnehmen. Zu Motiv seiner Tat schwieg er aber.

Täter und Opfer gehören zwei Großfamilien an

Nach Angaben des Hamelner Polizeisprechers Jens Petersen sind Täter und Opfer Deutsche kurdischer Abstammung. Auch wenn die genauen Hintergründe der Tat noch im Dunkeln liegen, ist sich die Polizei in einem Punkt relativ sicher: „Wir gehen von einer Beziehungstat aus“, sagt Petersen. Der mutmaßlicher Täter und sein Opfer gehören zwei Großfamilien an. Wohl vor diesem Hintergrund wurde die Frau unter Polizeischutz gestellt. Zu ihrem Schutz gibt die Polizei auch nicht preis, wo genau die 28-Jährige behandelt wird.

Beide sind Deutsche mit kurdisch-türkischer Abstammung. Sie gehören demnach nicht der Gruppe der M-Kurden an, die in der Vergangenheit für schwere Auseinandersetzungen mit der Hamelner Polizei gesorgt hatten, wie die Polizei betonte.

Offenbar befürchten die Behörden Racheakte. Das Polizeirevier, auf dem sich der Täter gestellt hatte und das Gebäude des Zentralen Kriminaldienstes, wo der Mann später vernommen wurde, wurden von Einheiten der Bereitschaftspolizei geschützt. An beiden Orten hatten sich schnell Familienmitglieder versammelt. Die Polizei bewachte auch den Eingang der Klinik in Hameln und verwehrte Familienmitgliedern den Zutritt.

Stadtsprecher: Hameln ist erschüttert

In Hameln reagierten viele Menschen nach Angaben von Stadtsprecher Thomas Wahmes erschüttert auf die Tat. Auch Wahmes selbst zeigt sich entsetzt: „Es ist schwer zu begreifen, dass ein solches Verbrechen hier nur wenige Straßen vom Rathaus entfernt begangen wurde“, sagt er.

Hinweise zur Tat nimmt die Polizei Hameln unter 05151 / 933-222 entgegen. 

Von Frerk Schenker und Karl Doeleke

Nachgefragt bei Helmut Kury, Gründungsdirektor Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen

„So ein Hass baut sich lange auf“

Herr Kury, haben Sie als langjähriger Kriminologe von so einer brutalen Tat schon einmal gehört?

Das ist wahrlich Stoff für einen Tatort-Krimi.

Was sagt so ein Gewaltexzess über den Täter und die Hintergründe der Tat?

Die erste Frage, die man stellen muss, lautet: Ist der Mann schizophren und hat ihm eine Stimme befohlen, die Frau zu töten? Das kann man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausschließen.

Warum?

Der entscheidende Punkt ist: Es handelt sich offenbar um eine Beziehungstat, und das Opfer und der mutmaßliche Täter stammen anscheinend aus kurdischen Großfamilien. Vielleicht wollte er der anderen Familie ein Zeichen geben. Daher die Öffentlichkeit der Tat.

Und warum diese unglaubliche Brutalität?

So ein Hass baut sich über Wochen und Monate auf, vielleicht auch länger. Er hätte die Frau ja auch in einer Kammer töten können. Stattdessen hat er die Frau durch die Öffentlichkeit geschleift – schlimmer kann man es sich ja nicht vorstellen. Damit setzt er auch ein Zeichen: So lasse ich mit mir nicht umgehen. Vielleicht fühlte er sich gedemütigt, weil sie ihn verlassen hat und reagierte nach dem Motto: „Ich als Mann habe das Sagen, und wenn Du mich verlässt, dann bringe ich dich um.“ Man müsste aber wissen, wie die beiden Familien zueinander stehen, um Genaueres sagen zu können.

Interview: Karl Doeleke

Türkisch oder Polnisch als reguläres Unterrichtsfach an niedersächsischen Grund- und Gesamtschulen oder Gymnasien und mündliche Abiturprüfung in Arabisch - für Grüne und SPD ist das durchaus eine gewünschte Zukunftsvision.

Saskia Döhner 24.11.2016
Der Norden Meine gute Nachricht 2016 – Teil 1 - „Das war unser zweiter Geburtstag“

Was ist die beste Nachricht des Jahres? Da hat sicher jeder seine eigene Meinung. Sechs Leser erzählen ihre persönliche Geschichte: Heute berichtet Anna Rebmann von der Hilfe, die sie und ihre Familie nach einem schweren Unfall auf der A31 erhalten haben.

Gabriele Schulte 21.11.2016

Tina Büchner da Costa ist weit gekommen: die Wahlbremerin ist unter den letzten 86 Frauen im Rennen darum, die erste Deutsche im Weltall zu werden. Entschlossenheit und Leidenschaft bringt die zweifache Mutter mehr als genug mit.

20.11.2016
Anzeige