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Der Norden „Lehrer sind immer eine schwierige Klientel“
Nachrichten Der Norden „Lehrer sind immer eine schwierige Klientel“
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00:15 29.12.2013
Von Michael B. Berger
Der SPD-Politiker Rolf Wernstedt. Quelle: Archiv
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Ein kritisches Wort gegen Lehrer – und schon sind die Leserbriefseiten voll. Herr Professor Wernstedt, sie waren einst Lehrer, aber auch Kultusminister. Warum reagieren Lehrer so empfindlich?

Ich glaube, dass die Lehrerschaft ein verunsichertes Selbstwertgefühl hat - und das nicht erst seit gestern. Sie fühlt sich von ihren Repräsentanten nicht ausreichend gewürdigt. Bei Kritik fehlen Erfahrungen, die andere an gewöhnlichen Arbeitsplätzen haben - nämlich dauernd kritisiert zu werden. Daraus kann sich ja auch etwas Positives entwickeln. Lehrer hingegen haben in ihrer Arbeitssituation in der Regel Schüler vor sich, denen sie im Konfliktfall institutionell überlegen sind. So sie sind nicht gezwungen, sich selbst von Erwachsenen auf die Finger schauen zu lassen. Das prägt schon das Verhalten in Debatten, ist aber eine Strukturfrage und keine der Persönlichkeit.

Lehrer sind für Politiker also ein schwieriges Klientel?

Ich stelle fest, dass noch keine Landesregierung von schulpolitischen Massenprotesten verschont geblieben ist. Bei Richard Langeheine gingen 1969 die Philologen auf die Barrikaden - mit martialen Slogans wie „Langeheine in die Leine“. Peter von Oertzen hatte Ärger wegen des Schulgesetzes, Werner Remmers wegen der Einführung der Orientierungsstufe, ich selbst wegen der Streichung von 1000 Lehrerstellen...

Beklagt sich jetzt der immer noch beleidigte Kultusminister Wernstedt?

Nein, keinesfalls. Das ist schon Jahrzehnte her. Ich will nur sagen, dass es in Niedersachsen keinen Kultusminister oder keine -ministerin gab, der oder die nicht Konflikte mit den Lehrerverbänden hatte. Bei der Sichtweise der Lehrerinnen und Lehrer auf ihren eigenen Beruf ist auffällig, dass die beherrschende öffentliche Wahrnehmung der Selbsteinschätzung die Klage ist - zu große Klassen, zu viele Tests, zu viele Anforderungen durch eine zu selbstbewusste Elterschaft. Und und und. Man kann das als quasi selbstreferenzielles negatives Befindlichkeitssyndrom bezeichnen - das wiederum negativ in die allgemeine Öffentlichkeit wirkt.

Schon der Hinweis auf die Tatsache, dass sich Lehrer in der Regel keine Sorgen um ihre Altersversorgung machen müssen und einen sicheren Job haben, wird als Angriff verstanden.

Ja, weil sie in dieser Hinsicht ja auch tatsächlich privilegiert sind. Das macht es aber für die Lehrer auch schwieriger, mit ihren Anliegen durchzudringen. Denn Lehrer haben schon deswegen einen schweren Stand im Ansehen der Gesellschaft, weil sie über solche Grundfragen ihrer Existenz, worum die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung sich sorgt, gar nicht erst nachdenken müssen.

Kommen wir zum aktuellen Streit mit der Landesregierung, in dem es um Mehrarbeit für Gymnasiallehrer geht...

Sie sehen auch in der Heftigkeit dieses Streites, wie sehr das Verhältnis von Lehrerschaft und Gesellschaft geschädigt ist. Im gegenwärtigem Konflikt geht es offenbar um eine schwere narzistische Kränkung der Gymnasiallehrerschaft, die einen vernünftigen Streit so schwer macht. Traditionelle Gewerkschaften haben in Konfliktfällen einen größeren Erfahrungsschatz.

Was empfehlen Sie?

Einen Gang runterschalten. Die Kontrahenten müssten in sich gehen - oder ins Kloster. Nach Loccum meine ich. Es müsste so etwas wie eine Mediation geben.

Zur Person

Rolf Wernstedt (Jahrgang 1940) ist ein deutscher SPD-Politiker. Von 1990 bis 1998 war Wernstedt niedersächsischer Kultusminister, von 1998 bis 2003 Landtagspräsident in Hannover. Wernstedt, der Geschichte, Philosophie und Latein studierte. hat selbst unterrichtet und Lehrer ausgebildet. An der Universität Hannover lehrt er auch nach seiner Pensionierung Politische Wissenschaften.

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