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Der Norden Ein Ort wehrt sich gegen Wohnungen für Schlachtarbeiter
Nachrichten Der Norden Ein Ort wehrt sich gegen Wohnungen für Schlachtarbeiter
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18:55 23.02.2018
Der Schlachthof Böseler Goldschmaus in Garrel. 1400 Menschen arbeiten für die Goldschmaus Gruppe. Quelle: Böseler Goldschmaus
Garrel

 In Garrel im Landkreis Cloppenburg ist etwas durcheinander geraten, das nicht so einfach neu zu sortieren ist. Am wenigsten wahrscheinlich für viele Garreler selbst. Fast 3000 von ihnen stehen als engherzige Missgünstlinge am Pranger, seit sie eine Liste gegen den Bau neuer Wohnungen für osteuropäische Schlachthelfer in ihrer Nachbarschaft unterschrieben haben. Fremdenfeindlichkeit wird ihnen vorgeworfen und dass sie ein wegweisendes Vorzeigeprojekt verhindern wollten.

So einfach ist es natürlich nicht. In Garrel ist derzeit zu beobachten, wie in der niedersächsischen Fleischbranche die Spielregeln umgeschrieben werden. Der Gute, das ist überraschend, ist das örtliche Schlachtunternehmen, die Goldschmaus Gruppe. Erst im vergangenen Jahr hat es 600 frühere Werkvertragsarbeiter fest angestellt, ein absolutes Novum in der Branche. Jetzt sollen die Rumänen und Ungarn auch noch ordentliche Wohnungen bekommen – und die Menschen im Ort begehren auf?

Da entsteht natürlich ein verheerendes Bild, und die Nachbarn fühlen sich missverstanden. „Was Böseler Goldschmaus macht, ist absolut lobenswert. Wir sind nicht gegen den Bau dieser Wohnheime“, beteuert der Sprecher der Anwohner, Uwe Behrens. Die Gruppe hat nach schlechter Presse eine Stellungnahme verfasst: „Wir sind auch der Meinung, dass den Schlachthelfern menschenwürdiger Wohnraum angeboten werden muss.“ Nur eben nicht so, wie die Goldschmaus Gruppe das will.

Und doch stehen die Gegner argumentativ mit dem Rücken zur Wand, denn von Unterschriftenlisten gegen die Ausbeutung der Menschen in den Schlachthöfen ist aus der Vergangenheit wenig bekannt. Und auch von Protesten gegen die Unterbringung der Arbeiter in Schrottimmobilien zu Wuchermieten hat man wenig gehört. Anlass dafür wäre gewesen. 

Garrel mit seinen 13.000 Einwohnern liegt im Herzland der niedersächsischen Fleischwirtschaft – das Unternehmen Böseler Goldschmaus schlachtet hier jeden Tag 5400 Schweine. Im Jahr macht das 1,8 Millionen Tiere und Böseler Goldschmaus zur Nummer sechs unter den Schlachtkonzernen in Deutschland.

Im Rennen um das immer billigere Fleisch folgte auch Böseler Goldschmaus viele Jahre lang der Schlachtordnung: Die harte Arbeit machten Werkvertragsarbeiter aus Osteuropa, die von Subunternehmern zu Niedriglöhnen in die Hallen geschickt wurden. „Wir wären heute nicht mehr am Markt, wenn wir Werkverträge nicht genutzt hätten“, sagt Gerald Otto, der Unternehmenssprecher. 

Hätten. Denn Böseler Goldschmaus hat sich im vergangenen Jahr für einen anderen Weg entschieden. Als erster der großen Konzerne hat die Goldschmaus Gruppe seine Werkvertragsarbeiter an den Schlachtbändern fest angestellt. Die 600 überwiegend Rumänen und Ungarn bekommen nun bezahlten Urlaub, sie sind sozialversichert und erhalten Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Und jetzt will das Unternehmen seinen Arbeitern auch noch Wohnungen in der Nähe des Schlachthofs bauen. Bisher hausen sie meistens in alten Häusern in der Umgebung. Der frühere Subunternehmer, eine berüchtigte Größe im System der Ausbeutung, hat sie dort untergebracht und hohe Mieten kassiert. „Wir wollen, dass die Arbeiter vernünftigen Wohnraum bekommen“, sagt Unternehmenssprecher Otto.

Doch bezahlbare Wohnungen gibt es nicht, der Markt ist leer gefegt. Vier Gebäude mit 25 Quadratmeter großen Appartements will Goldschmaus also bauen. Die Unterbringung im Ort diene auch der besseren Integration. Natürlich macht der Konzern das auch nicht aus reiner Barmherzigkeit. Die Arbeiter sollen schon auch ordentliche Miete zahlen.  

Doch die Nachbarn sperren sich und machen ein einfache Rechnung auf: 670 Menschen leben in dem ländlich geprägten Ortsteil am Stadtrand. Sie befürchten, dass Goldschmaus in ihrer Nachbarschaft weitere 340 Menschen unterbringen will. „Das wäre wie in Berlin-Neukölln. So kann Integration nicht funktionieren.“ Sie fühlen sich vom Unternehmen und auch vom Bürgermeister überrumpelt, denn kein anderer Bauherr würde solche Bauvorhaben genehmigt bekommen. Die Wohnungen müssten besser über die Gemeinde verteilt und die Gebäude kleiner werden, fordern sie. 

Und am Ende haben sie wohl das Baurecht auf ihrer Seite. Ein Sprecher des Landkreises Cloppenburg schreibt, die Planungen seien auf zwei von vier Grundstücken „nicht genehmigungsfähig“. Die Goldschmaus Gruppe habe inzwischen mitgeteilt, die Bauanträge zu überarbeiten. 

„Mehr verlangen wir ja auch gar nicht“, sagt Anwohner-Sprecher Behrens. „Das, was rechtlich möglich ist, soll auch gebaut werden.“

Von Karl Doeleke

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