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Gereizte Stimmung in der Studentenstadt

Verbindungsstudenten und Linke Gereizte Stimmung in der Studentenstadt

Er wollte nur ein Eis essen und wurde hinterrücks mit einem Baseballschläger angegriffen. Der junge Mann hatte sich öffentlich als Verbindungsstudent zu erkennen gegeben – er trug das Band seiner Burschenschaft. Was er nicht wusste: In Göttingen lässt man das lieber sein.

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Mitglieder einer studentischen Verbindung: Hier beim sogenannten "Pauken" (akademisches Fechten).

Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen. In der Universitätsstadt gibt es seit Langem handfeste Auseinandersetzungen zwischen Verbindungsstudenten und Linken. Im April etwa brannte der Gartenschuppen des Corps Hannovera nieder. Die Wandbeschmierungen am Haus mit Hammer und Sichel deuteten auf Brandstiftung hin. Das Feuer griff auch das Nachbarhaus an, in dem eine Familie mit Säugling wohnte. Verletzt wurde niemand. „Das nimmt hier wirklich Überhand“, meint Alexander Golik von der Polizeiinspektion Göttingen. Vor allem sei die Qualität eine andere geworden. Deshalb hat die Polizei Göttingen nun eine Ermittlungsgruppe zur Aufklärung gegen die „steigende Anzahl von Straftaten gegen studentische Verbindungen“ gegründet.

Offenkundig sympathisiert beinahe jeder, den man in Göttingen zu diesem Thema befragt, mit dem einen oder anderen Lager. Die Stadt, so hört man von beiden Seiten, sei eine Hochburg des Konflikts zwischen Links und Rechts. So sieht Semih Günes (26) von der Basisdemokratischen Linken im Gedankengut der Verbindungen eine Nähe zum Rechtsextremismus. „Die Abgrenzung des konservativen Milieus der Verbindungen nach Rechts ist nicht eindeutig.“
CDU-Ratsmitglied Hans Otto Arnold (62) warnt dagegen vor Pauschalisierungen. „Über Jahrzehnte gibt es hier eine einseitige Gewalt von Links gegenüber Studentenverbindungen“, sagt er, der selbst auch in einer Landsmannschaft aktiv war.

In Göttingen gibt es über 40 Verbindungen, neben den Corps, den Landsmannschaften und Burschenschaften zählen dazu auch katholische Verbindungen, die Blauen Sänger als Musikvereinigung und die forstakademische Verbindung der Tannen. Sie alle folgen dem Lebensbundprinzip, Corps und Burschenschaften verpflichten ihre Mitglieder teilweise zum Fechten. Oft tragen sie die Farben ihrer Verbindung auf Mütze und Band um die Brust. Doch in Göttingen traue sich das in der Öffentlichkeit längst niemand mehr, meint Arnold.

Hannes Mühlbock ist bei der Burschenschaft Brunsviga aktiv, die bei den Linken einen zweifelhaften Ruf genießt. „Dabei sind wir bereits 1996 aus der Deutschen Burschenschaft ausgetreten“, sagt der 28-jährige Lehramtsstudent. Sie hätten dort Tendenzen beobachtet, die ihrer liberalen Auffassung im Weg stünden. Mühlbock sagt, in seiner Verbindung gebe es keine Vorschriften zu Hautfarbe, Religion oder politischer Gesinnung gebe. „Mit der Tagespolitik muss sich hier jeder auseinandersetzen – ihm wird aber nicht vorgesetzt, was er zu wählen hat.“

Im Februar warfen Unbekannte einen Gullideckel durch die Tür ihres denkmalgeschützten Hauses. Im Dezember verprügelten Linke Gäste der Verbindung vor dem Haus und beschimpften sie mit „Scheiß Burschis“. An ähnlicher Stelle griffen mit Sturmhaube maskierte Männer Mühlbock und zwei seiner Bundesbrüder an, traten und besprühten sie mit Pfefferspray. Die Stimmung ist so vergiftet, dass sich viele Studenten nicht öffentlich zu den Vorfällen äußern wollen. Sie haben Angst, Opfer von Vandalismus oder Angriffen zu werden.

Das beginne schon mit Beleidigungen auf dem Campus, erzählt Konstantin K. vom Corps Frisia. Auch dieses Corps distanziert sich von den üblichen Vorwürfen nationalistischer Gesinnung. „Jegliche Form von Radikalität hat bei uns keinen Platz, das wäre für uns ein Grund für den Ausschluss aus dem Corps“, sagt der 20-Jährige. Das Corps selbst sei von Übergriffen weitestgehend verschont geblieben, nur ein Farbbeutel prallte im vergangenen Jahr gegen das Haus. Persönlich jedoch hat der Jura-Student einige Anfeindungen auf dem Campus erlebt. „Burschenschwein“ oder „Burschi, verpiss Dich“ musste er sich anhören.

Wie viele Übergriffe es auf Linke gegeben hat, ist nicht eindeutig. Thomas Winkelberg (25), Sprecher der „Wohnrauminitiative“, meint, dass es vergangenen Sommer eine „Eskalation“ der Gewalt auf Linke gegeben habe. Noch immer würden aber Transparente gestohlen und Gärten verwüstet. Er hält eine Ermittlungsgruppe in diesem Fall für „Stimmungsmache“ gegen Links.

Ratsmitglied Arnold wiederum weiß nur von wenigen Vorfällen gegen Linke, eben jene aus vergangenem Sommer. Dies bestätigt auch die Polizei, denen kaum Strafanzeigen von der linken Seite vorliegen. Zwei sind bekannt geworden: die Softair-Attacke auf ein linkes Studentenwohnheim sowie der sogenannte Fahrradschubser. In letzterem Fall wurde wurde der 26-jährige Verbindungsstudent zu einer Geldstrafe von 1000   Euro verurteilt, weil er einen anderen 26-Jährigen vom Fahrrad gestoßen hatte. Beide Vorfälle führten zudem zum Rauswurf der Studenten aus ihren Gruppen.

Von Katharina Derlin

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