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Doktorandin bringt sich in Gefahr für Studie

Arbeit über Salafismus-Szene Doktorandin bringt sich in Gefahr für Studie

Die Göttinger Religionswissenschaftlerin Nina Käsehage erforscht die islamistische Szene. Für ihre Studien führte die 37-Jährige 175 Interviews mit Salafisten in ganz Europa, 105 davon in Deutschland – und musste dabei auch gefährliche Situationen durchstehen.

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Käsehage glaubt an die Deradikalisierung von Salafisten und führte 175 Interviews mit ihnen für ihre Studie.

Quelle: dpa/Symbolfoto

Göttingen. „Es gab Momente, da wusste ich nicht, ob ich zurückkomme“, sagt Nina Käsehage rückblickend. Die Religionswissenschaftlerin aus Göttingen hat sich intensiv mit der salafistischen Szene in Deutschland befasst. Für ihre Studien führte die 37-Jährige 175 Interviews mit Salafisten in ganz Europa, 105 davon in Deutschland. Die Bedingungen dabei waren bisweilen abenteuerlich. Ein Treffen zum Beispiel habe in einem Waldstück stattgefunden, berichtet Käsehage. Sie sei dort aufgefordert worden, in einen anderen Wagen umzusteigen und habe ihre Sachen zurücklassen müssen, um das Gespräch führen zu können. Kein Zweifel: Im elfenbeinernen Turm der Wissenschaft sitzt die junge Doktorandin mit den rotgefärbten Locken bestimmt nicht. Für ihre Forschungsarbeiten hat sie Gefahren auf sich genommen. Im Sommer will sie ihre Doktorarbeit über den Salafismus an der Theologischen Fakultät in Göttingen einreichen. Schon jetzt berichtet sie in Vorträgen über ihre Studien und ist als Expertin gefragt.

„Ich sage nach den Interviews nicht: Nach mir die Sintflut“: Nina Käsehage.

„Ich sage nach den Interviews nicht: Nach mir die Sintflut“: Nina Käsehage.

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Was treibt sie an? Sie sei im Ruhrgebiet aufgewachsen, sagt Käsehage, und habe dort viele muslimische Freunde gehabt. Einige davon seien sehr liberal gewesen, andere streng religiös. Käsehage interessierte dies alles sehr. Ihre Masterarbeit schrieb sie über Menschen, die zum Islam gewechselt sind. „Die übertreiben und tun unserer Religion nicht gut“, hatten ihre Freunde über diese Konvertiten immer wieder gesagt. Schon vor Jahren lernte Käsehage, dass sich viele junge Muslime als Salafisten bezeichnen, also als Anhänger jenes politischen Islam, der von den Verfassungsschutzbehörden in Deutschland als gefährlich eingestuft wird. Sie knüpfte Kontakte, wurde als vertrauenswürdig angesehen, befasste sich zunehmend mit Salafisten und Dschihadisten, bekam Einblicke in unterschiedlichen Szenen. Die Interviewten gaben Auskunft über ihre jeweilige Motivation, über ihren Glauben, über ihre Pläne und auch über ihre europaweite Vernetzung. Im Sommer 2012 begann Käsehage mit ihrem Promotionsprojekt.

Drei gehen nach Syrien – sie werden erschossen

Die junge Religionswissenschaftlerin erfuhr dabei auch beunruhigende und schlimme Dinge. 38 ihrer Gesprächspartner, so berichtet sie, hätten nach Syrien ausreisen wollen, um sich der radikal-islamischen Al-Nusra-Front anzuschließen, die in Syrien für einen eigenen Staat kämpft. 35 dieser Menschen konnte Käsehage nach eigenen Angaben gemeinsam mit deren Eltern aufhalten. „Ich gehe nach meinen Interviews ja nicht raus und sage: Nach mir die Sintflut.“ Sie führte ihre Gespräche weiter, 14 Stunden habe das teilweise gedauert, über Nacht bis in die frühen Morgenstunden. Sie zeigte Alternativen auf, fragte nach den Erwartungen an das neue Leben und erklärte, dass man den Islam ausüben könne, ohne dass er das eigene Leben derart eingrenzen müsse. „Das Landeskriminalamt hat meine Arbeit damals als ,Krisenprävention’ bezeichnet“, sagte sie.

Man könne in dieser Richtung noch viel mehr tun, ist sie überzeugt. Aufklärung, intensive Beratung, Unterstützung der Angehörigen von Menschen, die in die islamistische Szene abzugleiten drohen – das sind ihre Stichworte. Käsehage weiß, wie geschickt Islam-Prediger in Deutschland agieren, um junge Menschen in den Krieg zu locken. Zur Deradikalisierung müsste es ihrer Ansicht nach viel mehr Pädagogen, spezialisierte Religionswissenschaftler und Sozialarbeiter geben. Vor zwei Jahren, also noch vor den Terroranschlägen von Paris, hatte Käsehage auf Sicherheitskonferenzen auf die internationalen Vernetzungen der Dschihadisten hingewiesen. Konsequenzen seien daraus nicht erfolgt.

35 Salafisten konnte sie aufhalten, in den Krieg zu ziehen – aber drei junge Männer nicht. Nach wenigen Wochen erhielt sie von Hintermännern E-Mails mit Fotos zugeschickt. Zu sehen waren darauf Menschen mit zerschossenen Köpfen. Sie erkannte ihre drei Gesprächspartner wieder. Die E-Mail enthielt die Aufforderung, die Bilder an die Familien der Toten weiterzuleiten. Die Familien, so hieß es darin weiter, könnten stolz sein auf ihre Märtyrer. Käsehage löschte die Bilder und überbrachte den Eltern die Nachricht. Schlimm sei das gewesen, sagt die Doktorandin heute.

In der Moschee geohrfeigt

Schlimm sei auch die Gewalt gewesen, die sie selbst erfahren habe. In einer Moschee sei sie einmal zu einem Interview verabredet gewesen. Ihre Gesprächspartner hätten sie in einen Raum geführt, einer habe sie festgehalten, der andere habe sie geschüttelt und geohrfeigt. „Sie dachten, ich wäre ein Spitzel“, berichtet Käsehage. Nach einiger Zeit seien aber auch diese Männer zum Interview bereit gewesen. Käsehage führte es. Zu fliehen und zur Polizei zu gehen hätte bedeuten können, dass die Moschee zugemacht wird, sagt sie. Viele nicht-radikale Muslime wären mit­bestraft worden. Auch befürchtete sie einen Solidarisierungseffekt und die Rücknahme aller bereits geführten Interviews. Beides wollte sie nicht riskieren.

Käsehages Doktorvater, der Göttinger Professor Andreas Grünschloß, hat erst nachträglich erfahren, in welche Gefahrensituationen sich seine Studentin begeben hat. „In solchen Momenten muss man in wenigen Sekunden abschätzen, ob man diesen Schritt gehen möchte“, sagt er. Es sei eine Gratwanderung, und Käsehage sei sicherlich an Grenzen gegangen. Ihr Projekt aber sei gerade aufgrund der enormen Fülle an Einblicken eine Pionierarbeit in Deutschland.

Käsehage glaubt an die Deradikalisierung

Käsehage selbst spricht von einer Grundlagenarbeit, auf deren Ergebnisse andere Forscher aufbauen können. Es habe sich gelohnt, dafür Risiken einzugehen. Und sie glaubt fest daran, dass eine Deradikalisierung gerade junger Muslime gelingen kann. „Man sollte diesen Menschen das Schöne in der Welt und auch die Möglichkeiten des interkulturellen Miteinanders aufzeigen“, sagt die 37-Jährige. Und wie kommt sie klar mit all dem, was sie erlebt hat?

Käsehage wirkt durchaus so, als könne sie so schnell nichts erschüttern. Ihr Privatleben aber, so räumt sie ein, sei in den vergangenen vier Jahren deutlich zu kurz gekommen. Und weil das Thema Salafismus überall präsent sei, könne sie auch nicht mehr richtig abschalten.

Von Katharina Derlin

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