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Dank einer Prothese kann "Stöckchen" wieder laufen

Unterschenkel aus dem 3-D-Drucker Dank einer Prothese kann "Stöckchen" wieder laufen

Greifvogel "Stöckchen" aus dem Vogelpark Walsrode kann nach einem Unfall wieder laufen – das Weibchen hat jetzt einen künstlichen Unterschenkel aus dem 3-D-Drucker.

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Das Gehen klappt wieder: Söckchen war in Walsrode Teil der Flugshow. Dann fanden Pfleger sie mit gebrochenem Bein in ihrer Voliere. Fotos: dpa (2)

Quelle: Philipp Schulze

Walsrode. Walsrode. Söckchen stolziert über die Wiese, fast so, als wäre nichts. Dabei hat der rund 120 Zentimeter große Greifvogel ein Problem - dem Sekretär fehlt ein Unterschenkel. Jetzt hat das knapp drei Jahre alte Weibchen aus dem Weltvogelpark Walsrode eine Prothese bekommen.

Im zweiten Anlauf klappt es

„Söckchen war Teil der Flugshow, aber eines Tages haben wir sie mit gebrochenem linkem Bein in ihrer Voliere gefunden“, sagt Parksprecherin Janina Buse. „Weil die Nervenbahnen durchtrennt waren, musste das Bein leider amputiert werden.“ Doch dann recherchierte eine Kollegin im Internet nach Prothesen und wurde fündig.

Sie stieß auf Lars Thalmann. Der Maschinenbauer ist Mitgründer der Vereins e-Nable (deutsch: ermöglichen), der als Teil des internationalen Netzwerks Enabling The Future mit 3-D-Druckern kostenlos individuelle Handprothesen für Kinder herstellt. Thalmann kam nach Walsrode und nahm Maß bei Söckchen.

„Wir bauen Gratisprothesen für Kinder, damit sie auch ohne die teuren elektronischen Hightech-Prothesen etwa im Sandkasten spielen können“, erklärt Thalmann. „Es ist nicht unser Ziel, die Hightech-Prothesen zu ersetzen - wir wollen eine unkomplizierte Ergänzung zum Spielen anbieten“, betont der 35-Jährige. Söckchen war das erste Tier, für das der Verein eine Prothese gebaut hat.

Ein Greifvogel aus dem Vogelpark Walsrode kann nach einem Unfall wieder laufen - das Weibchen hat jetzt einen künstlichen Unterschenkel aus dem 3D-Drucker.

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Es klappte aber erst im zweiten Anlauf. Die erste Prothese sei zwar eine perfekte Nachahmung des Beins gewesen, aber ein bisschen schwer, erklärt Parksprecherin Buse. Außerdem habe sie Reibung am gesunden Bein verursacht. Also baute Thalmann ein neues Bein, diesmal ohne Krallen. „Es sieht viel einfacher aus, aber der Vogel kommt damit klasse zurecht“, meint Buse. Sekretäre sind Schlangenjäger und erbeuten ihre Opfer in den Savannen Afrikas im schnellen Verfolgungslauf mit kraftvollen Tritten. Einer der Sekretäre des Parks zeigt sein Geschick auch in der neuen Flugshow - allerdings nur an einer Stoffschlange.

Auch andere Vögel haben schon Prothesen bekommen, etwa Storchenweibchen Fee im vergangenen November. Der in Niedersachsen geschlüpfte Vogel hatte den unteren Teil des linken Beines vermutlich bei einem Unfall verloren. Auszubildende des Prothesenherstellers Otto Bock bauten Fee unter Anleitung eines Orthopädietechnikers kostenlos eine Prothese. Doch weil sich der Beinstumpf immer wieder entzündete, mussten sie die Prothese erneut anpassen.

Die Störchin "Fee" hatte bei einem Unfall ihr Bein verloren, jetzt hat sie eine Prothese.

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„Da wir normalerweise keine Tiere mit Prothesen versorgen, fehlten uns auf diesem Gebiet zunächst die Analysen und Erfahrungswerte“, sagt Mark Schneider, Kommunikationsleiter bei Otto Bock. In der vergangenen Woche gab es letzte Modifikationen am Schaft, und ein spezielles Silikon wurde in den künstlichen Unterschenkel eingearbeitet. Dann gab es einen letzten Test in der Scheune von Vogelzüchter Friedrich-Karl Schöttelndreier in Rüdershausen (Landkreis Göttingen), wo die Jungstörchin lebt. Nun kann Fee gehen - wenn auch etwas staksig. Trotzdem wird sie immer auf menschliche Hilfe angewiesen sein.

„Prothesen sind nicht nur medizinisch kompliziert, es stellen sich auch ethische Fragen“, sagt Peter Kunzmann von der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Der Philosoph ist Experte für ethische Fragen in der Tiermedizin. „Wichtig ist, dass das zukünftige Leben dem Tier zuträglich sein muss, das ist das oberste Kriterium“, betont der Professor. „Das Tier muss Freude am Leben haben, das Leben darf nicht nur erträglich sein.“

Söckchen schreitet derweil weiter über die Wiese im Vogelpark. Der Vogel verkriecht sich nicht und macht auch sonst einen guten Eindruck. „Medizinisch gibt es mit der neuen Prothese keine Probleme“, sagt Buse. „Alles läuft super.“ Es könnte klappen mit Söckchen und ihrem Bein aus dem Drucker.

Von Peer Körner und Julia Polley

Nachgefragt...

... bei Philipp Kampas, Experte für Prothetiklösungen & Strategie bei Otto Bock

Herr Kampas, werden Prothesen für Tiere künftig zum täglichen Geschäft gehören?

Wir planen keinen eigenen Geschäftszweig für Tierprothesen. Unser Fokus wird weiterhin auf der menschlichen Versorgung liegen, denn es sollten mehr Menschen von besserer Technologie profitieren können.

Wie ist denn der jetzige Entwicklungsstand in der Prothetik?

Bei Beinprothesen sind wir in der Entwicklung weiter als bei Armprothesen. Das liegt daran, dass die Bewegungen speziell von Händen individueller und damit schwieriger nachzuahmen sind. Die Beinbewegungen sind zyklischer und damit leichter zu simulieren.

Das heißt, eine Prothese kann ein Körperteil nicht eins zu eins ersetzen?

Nein – und eine komplette Kopie wird auch nie möglich sein. Unser Ziel ist es, den betroffenen Menschen den Alltag so einfach wie möglich zu machen und die Defizite gering zu halten.

Wie wird sich die Forschung denn in Zukunft weiterentwickeln?

Der Schwerpunkt der Entwicklungen wird auf der Kommunikation zwischen Mensch und Prothese liegen. Wünschenswert wäre, dass der Mensch die Prothese über Nervensignale steuern kann und die Prothese dem Menschen wiederum mitteilt, welche Signale bei ihr ankommen. Diese intuitive Steuerung ist vor allem in der Armprothetik schon fortgeschritten, aber es braucht noch viel Forschung, um die Kommunikation in beide Richtungen zu realisieren.

Wird es in Zukunft mehr Prothesen aus 3-D-Druckern geben?

Bisher ist diese Technologie nur ein Zukunftsgebiet, auch wenn sie sich für die Herstellung individueller Teile eignet. Derzeit entsprechen die Teile aus Druckern aber noch nicht den geltenden Anforderungen. Die Prothesen, die von Orthopädietechnikern hergestellt werden, sind noch deutlich überlegen.

Interview: Julia Polley

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  • Berühmte Niedersachsen : Gerhard Schröder, Diane Kruger, Lena Meyer-Landrut, Sigmar Gabriel, Christian Wulff, Otto Waalkes, Mousse T., Klaus Meine
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