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Der Norden „Die Prognose war niederschmetternd“
Nachrichten Der Norden „Die Prognose war niederschmetternd“
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16:05 23.11.2015
„Er ist schon fast wieder ganz der alte“: Natalie Gast mit ihren Verlobten Marc Buksa. Quelle: Schaarschmidt
Not-OP (1,2 MB)

Im Grunde habe ich in diesem Jahr gleich zweimal die beste Nachricht meines Lebens erhalten, zweimal dieselbe sogar. Sie lautet: Mein Freund Marc will mich am 12. Dezember heiraten. Beim ersten Mal hat er mich an einem Sonntag im August gefragt, bei einer Fahrradtour, während einer Pause auf unserer Lieblingsbank. Es war kein Antrag mit großem Trara, eher still und leise. Aber so mag ich es am liebsten.

Beim zweiten Mal hat er gesagt: „Jetzt heiraten wir erst recht. Mit allem Drum und Dran, mit Brautkleid, Anzug, Strauß und Familienfeier.“

Dazwischen lagen die schlimmsten Tage unseres Lebens.

Am 10. Oktober ist Marc, 36 Jahre alt, Arbeitsvermittler im Jobcenter in Garbsen und bislang kerngesund, völlig überraschend fast an einer Hirnblutung in Folge einer Gefäßfehlbildung im Gehirn gestorben, einer sogenannten Arteriovenösen Malformation. Es hatte mit vielen glücklichen Umständen, mit pflichtbewussten Ärzten und einem herausragenden Spezialisten zu tun, dass es anders kam.

Das Unglück begann morgens bei uns zu Hause in Seelze, an einem Sonnabend am Frühstückstisch. Marc klagte plötzlich über starke Übelkeit und Kopfschmerzen. Er legte sich hin – und musste sich immer wieder übergeben.

Ich habe zunächst nichts Schlimmes vermutet. Erst als es nicht besser wurde, rief ich die 112. In der Notrufzentrale fragte man nur: Ist er ansprechbar? Ich bejahte. Marc lag zwar im Bett und dämmerte nach seinen Brechanfällen sofort wieder weg. Aber wenn ich ihn etwas fragte, antwortete er. „Dann kommen wir nicht, melden Sie sich beim ärztlichen Notdienst“, hieß es bei der Notrufzentrale.

Der Notarzt rief den Rettungswagen

Es dauerte eine Stunde, bis ein Arzt bei uns klingelte und Marc untersuchte. Die Reflexe, Temperatur und Blutdruck schienen normal. Als Diagnose stand Migräne im Raum. Dennoch – eine reine Vorsichtsmaßnahme, weil er sich die Symptome nicht wirklich erklären konnte – rief der Notarzt einen Rettungswagen. Und weil für alles, was eine neurologische Ursache haben könnte, die Medizinische Hochschule Hannover zuständig ist, bestand der Arzt darauf, dass nicht das nähergelegene Krankenhaus in Laatzen angesteuert wurde. Dabei gab es Staus auf der A 2, die Rettungskräfte hätten lieber die Laatzener Klinik angefahren.

In Hannover ging dann alles ganz schnell. Von der zentralen Aufnahme wurde Marc sofort in die Neurologie gebracht. Dort stellte sich bei Untersuchungen seines Gehirns heraus, dass es in Folge seiner Gefäßfehlbildung zu einer Blutung gekommen war. Marc hatte bereits eine lebensbedrohliche Menge Blut im Kopf.

Eine Arteriovenöse Malfunktion, wie Marc sie hatte, ist sehr selten. Nur einer von 200.000 Menschen hat sie. Wenn es auch noch zu einer so starken Blutung gekommen ist, ist es sehr schwierig, sie operativ zu entfernen. Es war einer von vielen glücklichen Zufällen an diesem Tag, dass mit dem Leitenden Oberarzt für Neurologie an der MHH, Dr. Josef Michael Lang, jemand vor Ort war, der hier einen Behandlungsschwerpunkt hat. Erst später habe ich erfahren, dass man Marc in Laatzen vermutlich nicht hätte retten können. Seine Krankheit ist zu selten, erfordert einen Spezialisten.

Die Prognose war niederschmetternd

Die Prognose für meinen Freund in dieser Nacht war niederschmetternd. Es war nicht klar, ob er überhaupt überleben würde. Und falls doch, mit welchen geistigen und motorischen Einschränkungen. Schwere Lähmungen standen im Raum, Erinnerungslücken.

Schon als wir nach der OP die Information erhielten, dass er überleben würde, waren wir (seine Eltern waren inzwischen auch gekommen) überglücklich.

Als er anderthalb Tage später aus dem Koma zurückgeholt wurde und sofort am Telefon mit mir sprechen konnte, konnte ich unser Glück kaum fassen. Und dass Marc wohl nur eine kleine Einschränkung auf der linken Seite des Gesichtsfeldes übrig behalten wird, dass er tatsächlich derselbe ist, der er vorher war, das ist einfach unglaublich.

Noch befindet er sich in der Reha in Hessisch Oldendorf, seit ein paar Wochen braucht nicht einmal mehr den Rollstuhl. Er ist – und das ist wohl die beste Nachricht meines Lebens – fast schon wieder ganz „der alte Marc“.

Natürlich werden wir nun doch am 12. 12. 2015 heiraten. Aufs Marcs Wunsch nicht in aller Stille, wie ich es nach den Ereignissen der vergangenen Wochen vorgeschlagen hatte, sondern mit einer schönen Familienfeier.

Nur geflittert wird woanders: in der Reha-Klinik in Hessisch Oldendorf. New York muss noch ein wenig warten.

Aufgezeichnet von Jutta Rinas

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