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HAZ-Wahlreise: Bildung in Bad Bevensen

Niedersachsen vor der Landtagswahl HAZ-Wahlreise: Bildung in Bad Bevensen

HAZ-Wahlreise: Am 15. Oktober wählt Niedersachsen einen neuen Landtag. In welchen Regionen läuft es gut, wo sind die Problemzonen? Teil 4: Bildung in Bad Bevensen.

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„Hier gibt es keinen Hickhack“: Beate Leu unterrichtet in einer Klasse Kinder aus vier Jahrgangsstufen.

Quelle: Villegas

Auf dem Schränkchen an der Klassentür stehen die Plastikschalen mit den Weizenkeimlingen, zartgrün und tapfer dem Licht zugereckt. Jede Schale ist beschriftet: Johannes, Lina, Laurenz, Paul, Philine, Mandy, Tim, Leonie, Mathilda, Knuth und die anderen. Vorn, vor der Tafel, wo ein Teppich auf dem Boden ausgebreitet ist, hocken sie alle im Kreis, zusammen mit Beate Leu. Die Lehrerin hat ein Foto von einem Feld mit wogenden Halmen in die Mitte gelegt. Wie heißt das Getreide? Die Arme der Kinder schießen hoch. Welche Sorten gibt es noch? Fast alle wissen es.

Bad Bevensen im Landkreis Uelzen. Am Lönsweg, passenderweise von Bäumen umstellt, findet sich die Waldschule, eine Grundschule mit 20 Lehrern und 300 Kindern. Beate Leus Klasse heißt „Jül C“. Das Kürzel steht für „jahrgangsübergreifendes Lernen“: Beate Leu unterrichtet die Klassen eins bis vier gleichzeitig. Es geht heute um Landwirtschaft. „Wie heißt das Tier, das früher den Pflug gezogen hat?“, fragt die Lehrerin. Sie nimmt Mia dran. Mia drückt auf ihrem Talker die Taste mit dem Pferdesymbol. Der Talker sagt: „Pferd.“ Beate Leu lächelt: „Richtig!“

Immer Streit um die Schule

Mia hat bei ihrer Geburt eine Weile unter Sauerstoffmangel gelitten. Sie braucht ab und zu den Rollstuhl, ihre Bewegungen sind nicht immer zielgerichtet, sie kann nicht sprechen. Das Gerät, das „Pferd“ und anderes sagen kann, der Talker, ist ein kleiner Tabletcomputer speziell für solche Anforderungen. „Mia hat sehr von der Klasse profitiert“, sagt Beate Leu im Anschluss an den Unterricht. „Und die Klasse von Mia.“

Energie, Flüchtlinge, Landwirtschaft, Kriminalität – alles große Themen im Land. Aber den meisten Streit gibt es um die Bildung. Jeder, der ein schulpflichtiges Kind hat, ist Experte, und jeder hat eine eigene Meinung. Bildungspolitik ist oft ideologiefixiert: Links von der Mitte muss es IGS und Alle-sind-gleich sein, für die anderen Gymnasium und Leistung, Leistung, Leistung. Obendrauf kommt, dass Bildung eines der wenigen Politikfelder ist, in denen die Landtage noch was zu sagen haben. Weswegen eine Schulreform die andere jagt.

In Bad Bevensen sortieren die Schüler Begriffe zur Landbestellung einzelnen Bildern zu, Sach- und Sprachunterricht in einem. Dann gibt es Gruppenarbeit nach Jahrgangsstufen aufgeteilt. Wer fertig ist, darf sich in die Spiel- und Leseecke verziehen.

Mit den Ältesten sitzt Beate Leu in der Raummitte auf dem Teppich, einen Rechenrahmen in der Hand, und lässt sie Zehner und Hunderter und Tausender addieren. Beate Leu ist 50 und war schon Diplombiologin und Krankenschwester, bevor sie sich entschied, Lehramt zu studieren. 2009 kam die Mutter dreier Kinder als pädagogische Mitarbeiterin an die Waldschule Bad Bevensen, dann wurde sie Feuerwehrkraft und schließlich fest angestellte Lehrerin.

Beate Leu arbeitet sehr viel, sie ist um 6.45 Uhr in der Schule und nie vor halb drei draußen, dann kommt noch die Unterrichtsvorbereitung am Nachmittag. „Privatleben gibt’s in den Ferien“, sagt sie lakonisch, aber es klingt nicht bitter. Man merkt: Sie liebt ihren Beruf.

Die Schüler merken das auch. Der jahrgangsübergreifende Unterricht über vier Klassen hinweg ist seit zwei Jahren in Niedersachsen möglich. Er entspricht der Montessori-Pädagogik, und die Freiheit, die Beate Leu den Kindern lässt, die Art, wie sie sie selbst ihre Antworten finden lässt, ebenfalls. Die Lehrerin ist auch überzeugt, dass beispielsweise das Inklusionsmodell der reine Segen ist.

Im Morgenkreis singen die Kinder wegen Mia jetzt mit Gebärdensprache, was sie später immer wieder gebrauchen können werden. In der Jül-Klasse lernen jüngere Kinder von älteren, Mia hilft den Kleinen beim Ranzenaufräumen, alle lernen, dass alle unterschiedlich sind und keiner deswegen besser ist, auch nicht wegen besserer Leistungen. „Hier gibt es keinen Hickhack“, sagt Beate Leu.

Die Schüler vertrauen ihr

Bad Bevensen ist klein, die Waldschule ist keine Brennpunktschule. Aber sie hat ein Regelheft für das Verhalten in den Klassen eingeführt, und wenn Kinder oft müde sind, fragt Beate Leu auch nach. Sie würde sich wünschen, dass Grundschullehrer künftig generell den Umgang mit Förderkindern mitlernen. Sie versucht, auch denjenigen Eltern mit Wertschätzung zu begegnen, die ihre Kinder nicht so erziehen, wie sie selbst es tun würde. Sie freut sich, dass sie keine Schullaufbahnempfehlungen mehr geben muss: „Ich habe die Eltern aber auch früher gefragt, ob sie ihre Kinder durchs Gymnasium hetzen oder ob sie glückliche Kinder haben wollen.“

Es klingelt. Pause. Ein Mädchen fragt, ob es statt auf den Schulhof in die Bibliothek darf. Beate Leu schaut ihm in die Augen, überlegt, sagt: „Kurz in die Bibliothek, dann nach draußen.“ Das Mädchen stiebt davon. Es weiß, die Lehrerin versucht, immer das Beste zu finden. Bei jedem einzelnen Schüler der Klasse spürt man dieses Vertrauen. Und das liegt an Beate Leu, nicht an einer Schulreform.

Von Bert Strebe

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Niedersachsen in Zahlen
  • Landeshauptstadt : Hannover
  • Ministerpräsident: Stephan Weil
  • Fläche : 47.634,90 km²
  • Einwohner : 7,791 Mio
  • Bevölkerungsdichte : 135 Einwohner je km²
  • Letzte Landtagswahl : 15. Oktober 2017
  • Wirtschaft : Firmendatenbank
  • Geographie : Niedersachsen hat im Norden eine natürliche Begrenzung durch die Nordsee, die Unterelbe sowie den unteren Mittellauf der Elbe. Als Enklave vom Landesgebiet umgeben ist das Land Bremen.
  • Berühmte Niedersachsen : Gerhard Schröder, Diane Kruger, Lena Meyer-Landrut, Sigmar Gabriel, Christian Wulff, Otto Waalkes, Mousse T., Klaus Meine
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