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Der Norden Modellprojekt: Hebammen helfen Flüchtlingsfamilien
Nachrichten Der Norden Modellprojekt: Hebammen helfen Flüchtlingsfamilien
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00:15 02.03.2017
Von Gabriele Schulte
Im ganzen Landkreis unterwegs: Kinderkrankenschwester Elke Seemann zu Besuch beim kleinen Henok und seiner Mutter Genet. Quelle: Irving Villegas
Verden

Fasziniert sieht der kleine Henok dem bunten Kreisel auf dem Wohnzimmerfußboden zu. „Ich bin der Affe“, kreischt das blinkende Spielzeug. Im Fernsehen läuft eine Nachmittagausgabe der „Tagesschau“. Henoks Eltern, ein junges Paar aus Eritrea, sind bemüht, Deutsch zu lernen. An diesem Tag haben sie Besuch von der Verdener Kinderkrankenschwester Elke Seemann. „Wie geht’s?“, fragt die 20-jährige Genet lächelnd, als die Kinderkrankenschwester ihr zur Begrüßung die Hand schüttelt. Die Helferin ist sichtlich willkommen. Ein Jahr lang, bis zu Henoks erstem Geburtstag im Mai, steht Seemann der jungen Familie mit Rat und Tat zur Seite.

Seemann ist Mitarbeiterin des „Zentrums Frühe Hilfen“ des Landkreises Verden, das zu den drei kürzlich vom niedersächsischen Sozialministerium vorgestellten Modellprojekten gehört, die sich an geflüchtete Frauen und ihre Familien richten. Als Teil der Stiftung „Eine Chance für Kinder“ stehen Familienhebammen und Kinderkrankenschwestern Flüchtlingsfamilien mit Rat und Tat zur Seite: Sie unterstützen gezielt jene Frauen, die erst seit Kurzem im Land sind und - wegen der ungewohnten Lebensumstände oder auch traumatischer Fluchterfahrungen - besondere Fragen haben.

Sprechstunde im Containerdorf

Es geht um Gesundheitsprobleme, Verhütung und Schwangerschaft, Beschaffen von Kinderkleidung oder die Wohnungssuche. Ein gewünschter Nebeneffekt: Migrantinnen sollen ermutigt werden, sich aus ihrer oft isolierten Familienrolle heraus zu wagen und sich so auch besser in Deutschland zu integrieren. „Gesundheitliche Fragen sind ein guter Schlüssel, ohne dass man in der Familie zu sehr Unfrieden schafft“, meint Initiator Adolf Windorfer, ehemaliger Leiter des Landesgesundheitsamts.

„Am Anfang kamen oft die Männer mit in meine Sprechstunde“, erzählt Familienhebamme Valentina Gross in Verden. „Aber sie haben schnell gesehen, dass hier keine Gefahr droht.“ Die 45-Jährige bietet als Teil der „Frühen Hilfen“ dreimal pro Woche im Containerdorf auf dem Gelände des Landkreises eine Gesundheitssprechstunde an. Das Containerdorf ist die einzige verbliebene Sammelunterkunft für Flüchtlinge in Verden. Zurzeit leben hier noch rund 100 Männer, Frauen und Kinder, vorwiegend aus Afghanistan.

An diesem Morgen haben sich die Ratsuchenden wieder die Klinke in die Hand gegeben. Eine Frau mit Blasenentzündung war dabei. Eine andere hatte gehofft, schwanger zu sein. „Der Test war leider negativ“, sagt Gross. Als Nächste kommt Jamileh, eine 21 Jahre alte Afghanin. Auf dem Arm trägt sie ihr vier Monate altes Baby. Das Mädchen zahnt und hat nicht gut gegessen, heute wird es gewogen. 7,5 Kilogramm liest Gross von der Skala ab. „Hast gut zugenommen“, sagt sie zum Baby und dann zur Mutter: „Gut.“ Die junge Frau, die kaum ein Wort Deutsch spricht, scheint zu verstehen.

In der Regel, berichtet die Hebamme, verzichte sie auf Sprachmittler ebenso wie auf das auf dem Smartphone gespeicherte Buch, das anhand von Bildern etwa das richtige Stillen erkläre: „Die Verständigung mit Händen und Füßen klappt hier in der Regel sehr gut.“ Der jungen Mutter zeigt Gross abschließend noch, wie sie den auf der kalten Waage weinenden Säugling durch Ablenkung und auf den Arm nehmen beruhigen kann. Ein Projektziel ist auch, Kompetenz und Zugewandtheit der Flüchtlingseltern gegenüber ihren Kindern zu stärken. „Indirekt ist das auch Gewaltprävention“, sagt die Hebamme.

Für Hausbesuche bei Flüchtlingsfamilien, die schon in Mietwohnungen umgezogen sind, stehen pro Woche 14 Stunden zur Verfügung. „Ich bin dafür im ganzen Landkreis unterwegs“, berichtet Elke Seemann. Die beim Landkreis angestellte Kinderkrankenschwester unterstützt ansonsten einheimische Familien mit besonderen Problemen, macht „Willkommensbesuche“ nach der Geburt eines Kindes und organisiert ein Elterncafé in der Aller-Weser-Klinik. Dort ist auch die 2015 aus Eritrea nach Deutschland geflohene Genet häufig mit ihrem Sohn zu Gast, seit sie den Tipp von Seemann bekam. Auf der Straße in ihrem Wohngebiet trifft Genet nun manchmal Bekannte - Mütter und Väter, die Deutsch mit ihr sprechen.

Antworten auf viele Fragen

Auch Henoks Vater Asmanav kümmert sich viel um seinen kleinen Sohn, füttert und wickelt ihn. Der 21-Jährige sagt, er würde gern Tischler werden. Auch seine Frau Genet hat einen Berufswunsch: „Köchin“. Bei Seemanns Besuch gibt es diesmal nicht viel zu klären. Henok ist gesund und munter, seine Bauchschmerzen der vergangenen Woche sind passé.

Das "Zentrum Frühe Hilfen“ will auch dazu beitragen, unnötige Einsätze von Rettungswagen überflüssig zu machen. Die Kinderkrankenschwester weiß auf viele Fragen Antwort und kann beruhigen, wenn das schreiende Kind vielleicht nur an Blähungen leidet. Sie kümmert sich auch darum, dass Vorsorgetermine beim Arzt eingehalten werden. Henoks Eltern machen das inzwischen selbstständig, was Seemann freut. Sie sagt: „Ziel erreicht. Wir wollen uns immer überflüssig machen.“

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