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IS-Kämpfer stehen in Celle vor Gericht

Verteidiger kritisiert Bundesanwaltschaft IS-Kämpfer stehen in Celle vor Gericht

Der Prozess gegen die ehemaligen IS-Kämpfer Ayoub B. und Ebrahim H. B. aus Wolfsburg soll auch die Frage klären, was Jugendliche in den Krieg nach Syrien lockt. Ein Verteidiger übt Kritik an der Bundesanwaltschaft aus: Man habe den Eindruck, dass die Verhaftung nur durch den öffentlichen Druck erklärbar ist.

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Hannover/Wolfsburg . Triumphierend zeigen sich die jungen Kämpfer des „Islamischen Staats“ (IS) in Syrien und im Nordirak in den sozialen Netzwerken: Lässig sitzen sie auf Autos, posieren mit ihren Waffen und geben sich siegesgewiss. Auch die Deutsch-Tunesier
Ayoub B. und Ebrahim H. B. aus Wolfsburg gehörten im Sommer 2014 zu diesen Kämpfern. Im Herbst flohen sie aus dem Kriegsgebiet zurück nach Deutschland, wurden verhaftet und angeklagt. Am kommenden Montag beginnt vor dem Oberlandesgericht (OLG) Celle der Prozess gegen die beiden mutmaßlichen Terror-Unterstützer.

"Uns allen macht es größte Angst"

Nachgefragt bei Avni Altiner, Vorsitzender des Moscheeverbands Schura in Niedersachsen

Über 700 jugendliche Muslime aus Deutschland sind schon in den Krieg gezogen. Was geht in einer Familie vor, wenn so etwas passiert?
Für die Familien
ist es einfach nur furchtbar, und uns allen macht es größte Angst. Es macht hilflos. Was will man tun, wenn die Kinder sich über das Internet mit Radikalen vernetzen? Und meistens sind es erwachsene Kinder, denen man nicht verbieten kann, irgendwohin zu gehen.

Warum übt dieser Krieg eine solche Anziehungskraft auf muslimische Jugendliche aus?
Wenn wir das nur wüssten. Ich denke, er wirkt besonders auf Jugendliche, die sich vielleicht nicht zur deutschen Gesellschaft zugehörig fühlen, sich ausgegrenzt fühlen. Und es fällt auf, dass 98 Prozent der ausreisenden Jugendlichen aus wenig religiösen Elternhäusern kommen. Sie hatten bis zu ihrer Radikalisierung kaum Kontakt mit dem Islam. Sie sind damit wie Konvertiten. Sie wissen alles besser, sie wollen alles verändern, und sie wollen Revolutionen durchführen.

Was können Moscheegemeinden gegen die Radikalisierung der Jugendlichen unternehmen?
Wir haben schon seit Jahren in allen unseren Gemeinden die Regel, dass wir keinen an das Mikrofon lassen, den wir nicht kennen. Radikale Prediger haben bei uns Hausverbot. Außerdem sprechen wir mit den Eltern und ermahnen sie, auf ihre Kinder zu achten.

Was erwarten Sie von dem Prozess?
Ich erhoffe mir Erkenntnisse darüber, wie es dazu kommen kann, dass junge Menschen in den Krieg gehen. Ich befürchte aber auch, dass viele Menschen keinen Unterschied zwischen Islamisten und Muslimen machen, und dass das bei ihnen eine negative Einstellung befördert.

Es ist auch für den Staatsschutzsenat des OLG Celle kein alltäglicher Prozess. Eine Vielzahl von Zeugen ist geladen, 32 Verhandlungstage bis in den Dezember hinein sind festgelegt worden, das Gericht plant außerdem mit erhöhten Sicherheitsmaßnahmen. Es geht bei dem Prozess um die juristische Frage, ob man den beiden jungen Männern die Mitgliedschaft und auch Mitwirkung in einer Terrororganisation nachweisen kann. Der Prozess soll Einblicke in das Wirken des IS in Syrien und dem Nordirak bringen. Und viele erhoffen sich auch Antworten auf die Frage, wie es sein kann, dass Jugendliche mit gutem Job und Perspektiven in Deutschland sich radikalisieren und dann in den Krieg ziehen.

Rund 5000 Jugendliche aus ganz Europa, davon 700 aus Deutschland, sind schon in den Nordirak und nach Syrien ausgereist. Mindestens 20 von ihnen kommen wie der 27-jährige Ayoub B. und der 26-jährige Ebrahim H. B. aus Wolfsburg – einer Stadt, die eher als Wirtschaftsmotor denn als sozialer Brennpunkt bekannt ist. Ayoub B. hat eine Ausbildung und einen Job bei Volkswagen bekommen, Ebrahim H. B. arbeitete als Massagetherapeut. Dennoch lassen die beiden sich von einem radikalen Prediger anwerben, den man in Wolfsburg nur den „Scheich“ nennt.

Die Wahl zwischen tot und tot

Was er den jungen Männern verspricht, hat Ebrahim H. B. vor einigen Wochen in einem Interview mit dem NDR, WDR und der „Süddeutschen Zeitung“ erklärt. „In Syrien kannst du das teuerste Auto fahren, das du dir in Europa nicht leisten kannst.“ Außerdem könne jeder Mann nach islamischem Recht vier Frauen haben. Ayoub B. und Ebrahim H. B. lassen sich von den Geschichten überzeugen und fliegen Ende Mai 2014 von Hannover aus in die Türkei. Dort treffen sie einen Mittelsmann, der sie über die syrische Grenze bringen soll. Dort angekommen, beginnt der Drill: Die jungen Männer müssen Pässe, Handys und Geld abgeben.

Im November 2014 kehrten sie über verschlungene Wege zurück nach Deutschland. Welche Rolle sie in der Zwischenzeit im IS spielten, soll der Prozess klären. Laut Anklage der Bundesanwaltschaft lässt sich Ayoub B. „getragen von einer radikal-religiösen Einstellung“ zum Kämpfer ausbilden. Er lernt, mit einer Kalaschnikow und Handgranaten umzugehen. Anfangs rettet er Verletzte vom Schlachtfeld, später nimmt er auch an Offensiven des IS teil. Außerdem soll er versucht haben, über Internet-Chats weitere Männer in Deutschland zu rekrutieren und mindestens einmal damit auch Erfolg gehabt haben. „Wir schlachten die ab. Das ist ein Rennen ins Paradies“, soll Ayoub B. geschrieben haben.

Die Wolfsburger Zelle

Zentrum radikaler Islamisten: Nach Angaben von Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) hat sich in Wolfsburg in den vergangenen Jahren ein besonderer Schwerpunkt der salafistischen Szene gebildet.

Von den bis zu 60 Islamisten aus Niedersachsen, die in Richtung Syrien und Irak ausgereist sind, stammen nach Angaben des Verfassungsschutzes 20 aus dem Raum Wolfsburg. Die erste Ausreise fand im September 2013 statt, 2014 folgten 17 Ausreisen und zwei in diesem Jahr. Rund 20 ausgereiste Islamisten aus Niedersachsen sind inzwischen zurückgekehrt, gut zehn sind in Syrien oder dem Irak gestorben, darunter mehrere Wolfsburger.

In Wolfsburg sind den Sicherheitsbehörden etwa 30 bis 40 Personen mit Bezug zum Kampfgeschehen in Syrien und dem Irak bekannt. Außer den beiden nun angeklagten mutmaßlichen Unterstützern der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) geriet Ende vergangenen Jahres ein weiterer mutmaßlicher Dschihadist aus Wolfsburg ins Visier der Justiz. Dem 29-Jährigen wurde am Flughafen Hannover die Ausreise in die Türkei verweigert.

Ebrahim H. B. wiederum soll sich laut Anklageschrift entschieden haben, Selbstmordattentäter zu werden. Er wird vom IS nach Bagdad geschickt, doch das Attentat findet nicht statt, weil Teile seines Teams vorher verhaftet werden. Ebrahim H. B. bestätigt im Interview, dass jeder vor die Entscheidung gestellt worden sei: Kämpfer oder Selbstmordattentäter. „Kurz gesagt: Wenn du da hingehst, bist du entweder tot oder tot“, fasst er die Situation zusammen.
Der Strafverteidiger von Ayoub B., Dirk Schönian, kritisiert die Rolle der Bundesanwaltschaft. Man habe den Eindruck, dass die Verhaftung nur durch den öffentlichen Druck erklärbar ist. „Die Bundesanwaltschaft hat sich von der Öffentlichkeit treiben lassen“, sagte er der HAZ. Der Prozess sende außerdem ein schlechtes Signal an aussteigewillige IS-Leute. Hohe Strafen in Deutschland seien „Teil des Drohpotenzials des IS“, warnt der Anwalt.

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