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Ein Dorf mit Weltruhm

Sumte Ein Dorf mit Weltruhm

Normalerweise leben in Sumte im Landkreis Lüneburg 102 Bürger. Seit Kurzem beherbergt das einsam gelegene Dorf rund 600 Flüchtlinge aus 25 Nationen und hat dadurch Weltruhm erlangt. Untergebracht werden die neuen Gäste in einem ehemaligen Bürokomplex mit 22 Hallen auf 7000 Quadratmetern.

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Testessen in der Kantine: Bedrije und ihre Mutter Sunita Krasniq aus Syrien.

Quelle: Wiechers

Sumte. Jens Meier kennt sich aus mit den Krisen in dieser Welt. Er weiß, wie man Hilfe organisiert, wie man Erdbebenopfer versorgt und Zeltstädte aufbaut. Seit gut vier Wochen ist der 57-jährige Kreisgeschäftsführer des Arbeiter-Samariter-Bunds aus Hannover wieder im Einsatz. Nicht am anderen Ende der Welt, wo die Erde bebt, sondern im östlichen Zipfel von Niedersachsen, wo am späten Nachmittag der Herbstnebel aus der Elbe steigt und sich wie ein Schleier über die Dörfer legt. Meiers Einsatzort heißt Sumte und genießt seit Kurzem Weltruhm, weil das einsam gelegene Dorf wenige Kilometer hinter der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze 102 Einwohner zählt und rund 600 Flüchtlinge aus 25 Nationen beherbergt. 1:6 titelte eine Zeitung, als stünden sich zwei gegnerische Teams gegenüber. Derzeit sieht es glücklicherweise eher nach einem Freundschaftsspiel aus.

Auch dank Jens Meier, der die neue Unterkunft in einem ehemaligen Bürokomplex mit 22 Hallen auf einem 7000 Quadratmeter großen Gelände leitet. Meier ist ein korpulenter Kumpeltyp, der nicht die Stimme erheben muss, um als Chef akzeptiert zu werden. Er überragt alle, und wenn er Besucher über den 250 Meter langen Flur der Unterkunft führt, nach rechts und links mit „Hello“ grüßt und von seinen „Refugees“ erzählt, dann klingt das, als berichte ein stolzer Vater über seine Schützlinge. Warum er das macht? „Die humanitäre Aufgabe ist meine Profession“, sagt er. Fast hätte man den leisen Nachsatz überhört: „Und eine Ehre.“ Leicht ist sie nicht, diese Ehre.

Allein die Anschaffung des Mobiliars kostet Kraft und Geduld. Seit Wochen wartet Meier auf 330 Paravents, um in den zwölf Schlafsälen in doppelter Fußballfeldgröße Sichtschutz für Familien zu schaffen. Gerade einmal 50 Stoffwände wurden bislang geliefert. Duschwagen hat Meier in Dänemark besorgt, weil der deutsche Markt leer gefegt ist. Auch Kühlwagen für den Transport von Gemüse und Obst sind derzeit nicht lieferbar. Kein Zweifel. Die Branche boomt.

In Sumte muss man keine Wissenschaftler beschäftigen, um zu erkennen, dass die „Flüchtlingskrise“ Jobs und Wachstum schafft. Meier hat mittlerweile 66 Mitarbeiter eingestellt. Fünf kommen aus Sumte, der Rest aus dem sechs Kilometer entfernten Amt Neuhaus. Sie arbeiten in der Kantine, in der Sanitätsstation, in der Wäscherei, im Kinderhaus, im Kiosk oder als Sozialarbeiter. Weitere 30 Stellen sind in Planung. 15 Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma bewachen das Gelände, registrieren jeden Besucher und schlichten Streitereien unter den Bewohnern. Bislang musste die Polizei nur einmal ins Haus gerufen werden, um eine Anzeige wegen Körperverletzung aufzunehmen.

Das Essen liefert eine Catering-Firma aus Hamburg. Mit einer eigenen Großküche, die jeden Tag 600 Essen kocht, wäre die Unterkunft überfordert. Ob sich die Investition lohnen würde, ist zudem ungewiss. Niemand weiß, was die Zukunft bringt. Meiers Vertrag endet am 31. Oktober 2016. Vorerst. „Wir leisten Arbeit im Jetzt“, sagt er. Kommen demnächst weitere Flüchtlinge nach Sumte? Meier zuckt mit den Schultern.

Die, die schon da sind, warten auf einen Termin in der überfüllten Erstaufnahmeeinrichtung in Braunschweig. Sumte ist Zwischenstation, Wartehalle. An einem Tisch auf dem Flur beugen sich zwei ältere Männer über ein Stück Karton mit selbst gemalten Kästchen und schieben kleine Steine und Nüsse hin und her. Ein Mädchen saust auf einem Kinderroller vorbei. Ein paar Meter weiter übt der 18-jährige Hilal aus Syrien mit Freunden Deutsch. Eine Stimme aus dem Smartphone zählt: „Eins, zwei, drei ...“ Hilal wiederholt die Worte und strahlt. „Gut?“

Der größte Feind ist die Langeweile. Am Sonnabendabend ist Kinozeit im Haus, besonders Zeichentrickfilme sind beliebt. Einmal wöchentlich veranstalten Jugendliche eine Arab-Techno-Disco. Ein Shuttle-Service erlaubt Ausflüge in den nächsten Ort; donnerstags geht’s sogar bis nach Lüneburg - eine Reise, die immer überbucht ist. Jeden Vormittag kommt ein pensionierter Lehrer von „jenseits“ der Elbe und unterrichtet Deutsch. Der Kurs ist überfüllt. Einmal in der Woche steht Staatsbürgerkunde auf dem Programm.

Dabei dürfte es nicht nur um die Lektüre des Grundgesetzes gehen. Man ahnt, wie groß die Herausforderung ist, wenn man die Aushänge liest, die überall in der Unterkunft hängen. Vor den Toiletten erklärt eine Zeichnung den Umgang mit der Klobürste. Ein Comic-Plakat auf dem Flur zeigt, dass man als Fußgänger nicht auf der Straße läuft. Und ein Zettel am Kantinentresen weist darauf hin, dass häusliche Gewalt Gewalt gegen Frauen bedeutet und gesetzlich verboten ist.

Und die Sumter? Haben sie mit den vielen Fremden ihren Frieden geschlossen? Bei einem „Sonntagsspaziergang“ stellt der Ortsvorsteher den „Neuen“ das Dorf vor. Das Interesse der Flüchtlinge ist bislang gering.

Im „Amtsgrill“ im sechs Kilometer entfernten Amt Neuhaus, wo eine bebilderte Speisekarte für „Refugees“ auf den Tischen liegt, erzählen sie gern die Geschichte von etwa 60 jungen Männern, die Anfang November plötzlich vor dem Bistro auf dem Busbahnhof standen und nicht zurück in die Unterkunft, sondern nach Schweden wollten. Schweden, Dänemark, Schweiz - egal, nur weg aus Sumte. „Schließlich haben wir sie in Privatautos zum 25 Kilometer entfernten Bahnhof in Boitzenburg gefahren“, erzählt Wirtin Ramona Graf.

Dirk Hammer ist Sumter. Der 45-Jährige hat vor einigen Jahren eine gut bezahlte Stelle in Hamburg aufgegeben und ist in seinen Heimatort zurückgekehrt. Die Hammers leben seit 400 Jahren dort. Mittlerweile verkauft der gelernte Kfz-Meister Liegefahrräder. Seine Kunden reisen von weither an. Der 45-Jährige war der erste, der Ende Oktober von den Unterkunftsplänen erfuhr und die anderen im Dorf informierte. Natürlich gab es Kritiker; auch Ängste. Und heute? Probleme? „Nur unbedeutende“, sagt er und lehnt sich in seinem Schreibtischstuhl entspannt zurück.

Weil viele von ihm wissen wollten, wie es so läuft mit den Flüchtlingen, hat Dirk Hammer begonnen, im Internet ein Tagebuch zu schreiben, ein Blog, der sogar in Amerika gelesen wird. Er notiert, was so geschieht. Es ist nicht viel. Mal geht es um Jugendliche, die Alkohol ausprobieren und ihre Flaschen nicht ordnungsgemäß entsorgen. Ein anderes Mal hat ein Vater sein Kind auf ein Pferd gesetzt und damit den Züchter verärgert. Nun hängt am Zaun der Koppel ein Schild, das auf Arabisch erklärt, dass Füttern und Reiten verboten ist.

Dirk Hammer bekommt viel Lob. Aber nicht nur. Es gibt auch Hass-Mails, deutliche Drohungen. Aber darüber will er nicht reden. Wenn man ihn fragt, warum es in Sumte keine Demonstrationen gibt wie in Dresden, sagt er: „Wir reden miteinander statt zu brüllen.“ Eigentlich müssten die Sumter auf die Politiker nicht gut zu sprechen sein. Der Landkreis Lüneburg hatte ihnen eine Brücke über die Elbe versprochen. Nun wird sie nicht gebaut. Zu teuer, heißt es. Ist Dirk Hammer sauer? „Wir wollen den Dialog mit der Politik und der Einrichtung. Wir wollen es vernünftig regeln.“

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