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„Flüchtlinge nicht in Ghettos drängen"

Interview mit Architekturprofessor Jörg Friedrich „Flüchtlinge nicht in Ghettos drängen"

Wohnen ist ein Grundbedürfnis und bedeutet ein Stück Heimat, sagt Jörg Friedrich. Der Architekturprofessor plädiert dafür, Flüchtlinge so unterzubringen, dass sie gut leben und sich integrieren können. Mit Studenten entwickelte er dafür kreative Vorschläge.

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Mit Studenten entwickelt Architekturprofessor Friedrich Modelle, wie eine gute Unterbringung von Flüchtlingen aussehen kann.

Quelle: dpa

Hannover . Tausende von Flüchtlinge kommen in diesen Tagen nach Deutschland. Länder und Kommunen haben Schwierigkeiten, überhaupt ein Dach über den Kopf für sie zu organisieren. So schlafen viele in Zeltdörfern oder Sporthallen. Der Architekturprofessor Jörg Friedrich hat gemeinsam mit Studenten der Uni Hannover schon vor zwei Jahren damit begonnen, alternative Wohnmodelle für Flüchtlinge zu entwickeln. Die Neuankömmlinge dürften nicht zu Hunderten untergebracht und an die Stadtränder gedrängt werden, warnt der Wissenschaftler, der 1955 selbst mit seinen Eltern als DDR-Flüchtling in einem Lager in Baden-Württemberg ankam.

Architekturprofessor Jörg Friedrich

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Vielen Städten bleibt im Moment gar nichts anderes übrig, als Container für Flüchtlinge zu errichten. Was haben Sie dagegen?

Container sind keine dauerhaften Lösungen. Das weiß jeder, der sich in so einem Ding schon einmal länger aufhalten musste, etwa auf einer Baustelle. Das sind Blechkisten, auf die der Regen prasselt und in denen man jedes Wort des Nachbarn hört. Neue Container sind pro Quadratmeter Grundfläche in Deutschland außerdem schon oft teurer als Eigentumswohnungen in guten Innenstadtlagen.

Für Hannover haben Sie gemeinsam mit Studenten alternative Wohnmodelle für Flüchtlinge entwickelt. Was war das Ziel?

Uns ging es darum, die Migranten dort unterzubringen, wo sie gut leben und sich integrieren können. Die Studenten haben zum Beispiel vorgeschlagen, in Schrebergärten oder auf Hausbooten Wohnraum für Flüchtlinge zu schaffen. Auf dem Dach unserer Architektonischen Fakultät wollen wir Holzbauten für junge Flüchtlinge und Studenten errichten, um eine günstige und schnell zu realisierende Bauweise zu testen.

Wohnraum in Großstädten ist heute schon knapp. Können die Städte überhaupt den Zuzug Tausender Flüchtlinge verkraften?

Das Thema ist schon lange bekannt, aber Politik und Gesellschaft haben es verdrängt. Man hätte die Flüchtlinge schon längst in der Städteplanung berücksichtigen können. Jetzt hat sich das Klima gewandelt, es gibt so etwas wie einen Wandel zur Willkommenskultur, dafür entwerfen wir als Architekten eine dringend benötigte "Willkommensarchitektur".

Wie könnte die aussehen?

Mit unseren Studenten haben wir den Stadtplan von Hannover analysiert. Die meisten Grün- und Freiflächen gibt es in den sogenannten Edelvierteln. Hier könnten einfache Wohnungen entstehen, auch für den sozialen Wohnungsbau. Denkbar wäre, dass Kommunen Flächen für hochwertigen Wohnungsbau nur noch mit der Auflage vergeben, dass 20 Prozent der Fläche für einfachere Wohnformen zur Verfügung gestellt werden. Aus unseren Erfahrungen mit Konfliktforschern sollten nicht mehr als 70 bis 80 Menschen in Wohneinheiten möglichst zentrumsnah in die vorhandenen Bebauungsstrukturen eingestreut werden. Deshalb sollten die Flüchtlinge nicht in Container-Ghettos hinter Zäunen an den Stadtrand gedrängt werden, wie es im Moment vielerorts Praxis ist.

Können die Stadtplaner bei den Wohnungen für Flüchtlingen aus der Geschichte lernen?

 Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten 12,5 Millionen Flüchtlinge aufgenommen werden. Sie wurden sehr schnell in einfachen Neubausiedlungen untergebracht. Die technische Ausstattung war simpel für heutige Verhältnisse, dafür hatte jeder seinen eigenen Nutzgarten. Heute sind diese Siedlungen beliebte Wohnquartiere geworden. Und man kann noch weiter zurückblicken: Das Viertel um den Gendarmenmarkt in Berlin ist ein Flüchtlingsviertel, gebaut für 20 000 Hugenotten aus Frankreich im 17. Jahrhundert. Warum sollte so etwas heute nicht auch denkbar sein?

 Jörg Friedrich lehrt an der Fakultät für Architektur und Landschaft der Leibniz Universität Hannover. Der 64-Jährige ist zudem Geschäftsführer des international tätigen Hamburger Architekturbüros pfp architekten.

Das Gespräch führte Christina Sticht

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