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Der Norden Wie antisemitisch war Luther?
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00:15 08.02.2018
"Er war schon zu Lebzeiten übermächtig": Luther-Denkmal an der Marktkirche in Hannover. Quelle: Mischke
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Prof. Dr. Thomas Kaufmann ist einer der profiliertesten Kirchenhistoriker in Deutschland. Der 55 Jahre alte evangelische Theologe lehrt seit dem Jahr 2000 Kirchengeschichte an der Universität Göttingen. Er hat mehrere Schriften zum Verhältnis Luthers zu den Juden verfasst sowie eine Luther-Biographie. Sein Buch „Erlöste und Verdammte“, in dem er die gesamte Reformationsgeschichte Europas schildert, fand sich monatelang auf den Bestsellerlisten. Für eine ZDF-Reihe über die Reformation erhielt er den Deutschen Fernsehpreis. Kaufmann hat mehrere Ehrendoktorwürden. In Niedersachsen bekam der in Cuxhaven geborene Wissenschaftler 2016 ein weiteres Ehrenamt: Er ist Abt des Klosters Bursfelde.

Herr Prof. Kaufmann, die norddeutschen Länderchefs wollen den Reformationstag zum gesetzlichen Feiertag erheben – ein „untragbarer“ Vorschlag, finden Vertreter der Jüdischen Gemeinden, weil der Reformator Martin Luther den Antisemitismus befördert habe. Muss man Luther durchgängig als Antisemiten sehen?

Luthers Haltung zum Judentum ist außerordentlich ambivalent und vielschichtig und keineswegs in allen Lebensphasen identisch. Man hat auch in liberalen jüdischen Kreisen bis weit ins 19. Jahrhundert hinein in Luther einen Freiheitshelden gesehen und sich in erster Linie an Äußerungen des jungen Luther gehalten, in denen er zur Duldung des Judentums und zu friedlicher Koexistenz aufruft. Das hat sich in den späteren Jahren drastisch geändert, und da ist auch nichts zu beschönigen. Die Anwendung des Begriffs Antisemitismus auf Luther ist umstritten. Ich spreche eher von einem frühneuzeitspezifischen Antisemitismus, der sich vom rassischen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts unterscheidet.

Die jüdischen Kritiker verweisen vor allem auf die Rezeption Luthers im Dritten Reich, in dem das Anzünden von Synagogen unter Berufung auf Luther geschah.

Es hat zweifellos eine fatale Rezeptionsgeschichte Luthers im Dritten Reich gegeben, bis hin zur sogenannten Reichskristallnacht. Aber Nationalsozialisten wie auch sogenannte Deutsche Christen haben Luther auch ganz klar instrumentalisiert für ihre Rassenpolitik. Sie haben sich bestimmte Passagen aus Luthers Schriften herausgesucht und sie, bereinigt um ihre theologische Begründung, in Auszügen verbreitet. Auf der anderen Seite ist es aber selbstverständlich, dass man das Wirken einer Person in der Nachgeschichte von ihren tatsächlichen und historischen Intentionen unterscheiden muss. Was in der Zeit des Dritten Reiches an Unrecht an Juden verübt worden ist, war außerhalb der Vorstellungskraft Martin Luthers.

Ist der Reformationstag mit dieser Beigeschichte überhaupt noch tragbar?

HAZ-Forum

Brauchen wir einen weiteren Feiertag? Und welcher Tag soll es sein? Am kommenden Mittwoch diskutieren wir darüber mit Lesern im HAZ-Forum ab 19.30 Uhr im Pressehaus, August-Madsack-Straße 1 in Hannover. Auf dem Podium: Vertreter der Religionen, Arbeitgeber und Humanisten. Der Eintritt ist frei.

Erstens muss man wissen: Der Reformationstag ist das älteste historische Jubiläum, das wir in der Menschheitsgeschichte kennen. Es wurde 1617 das erste Mal gefeiert –  hundert Jahre nach der Veröffentlichung von Luthers Thesen. Zum Zweiten: Der Reformationstag war immer ein politischer Feiertag, das heißt, er wurde früher von den protestantischen Landesherren eingeführt und als verbindlicher Festtag für ein bestimmtes Territorium zelebriert. In dieser Form kann es keine Erneuerung in einer religionspluralen Gesellschaft geben. Aber als ein tief im öffentlichen Bewusstsein verwurzeltes Datum bietet der Tag Chancen zu einem Gedenken des Umgangs mit religiösen Sachverhalten, zur Reflexion zwischen Religion und Gesellschaft. So wie sich die Gesellschaft wandelt, feiern wir auch Gedenktage anders. Das Reformationsjubiläum, das wir im vergangenen Jahr gefeiert haben, hatte nichts mit den triumphalistischen Jubelfeiern des 19. Jahrhunderts zu tun, als Protestanten den Sieg über den Katholizismus feierten. Aber selbst in diesen Feiern wurde Luther kaum als Judenfeind bejubelt – das trat erst im Dritten Reich ins Zentrum.

Der Mehrheit der Bevölkerung wird es vermutlich egal sein, wie der zusätzliche Feiertag begründet wird. Haben Sie Verständnis für den scharfen Streit, der über den Reformationstag ausgebrochen ist?

Ja, selbstverständlich. Es gibt vermutlich kaum ein historisches Datum, das keine Ambivalenzen auslöst. Aber meines Erachtens kann es bei einem Feiertag auch nicht darum gehen, unreflektiert irgend etwas zu affirmieren, zu bejubeln. Ein öffentliches Innehalten, ein Tag der Besinnung und Reflexion kann der Gesellschaft nicht schaden.

Aber muss das denn ein „Luther“-Tag sein, wie die Kritiker monieren?

Der Reformationstag ist kein Luther-Tag. Wir Historiker (und nicht nur wir) haben sehr darum gekämpft, die Reformationsgeschichte in ihrer ganzen Breite zu sehen. Gewiss ist Luther eine überragende Gestalt. Aber wir haben etwa in Göttingen ganz witzige Präsentationen der Veröffentlichungen Andreas Karlstadts im Reformationsjahr vorgenommen. Das war ein Mitstreiter und Konkurrent Luthers. Wir haben die Buchpräsentation von zwei Karlstadt-Bänden in subversiver Absicht zum Höhepunkt des Reformationsjubiläums erklärt. Doch das ist bezeichnenderweise nicht so wahrgenommen worden. Luther war bereits zu seinen Lebzeiten übermächtig, auch in der Wahrnehmung der anderen. Er wurde legendarisch überhöht, auch mythisiert und hat es wie kein Zweiter verstanden, sein eigenes Image zu kreieren. Von daher kommt man nicht ohne Luther aus und nicht an ihm vorbei. Luthers Bedeutung bleibt immens.

Und worin besteht sie?

Luther hat mit seinen Schriften, seiner Publizistik eine 1000 Jahre alte, verkrustete Institution sturmreif geschossen – dieses destruktive Element haftet der Reformation an, weshalb ich die Trauer mancher Katholiken verstehen kann. Aber Luther hat damit auch die Möglichkeit für etwas Neues und Gutes geschaffen, was weit über seine eigene Vorstellung hinausging: unsere religionsplurale und offene Gesellschaft.

Interview: Michael B. Berger

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