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„Die Politik ist genauso überfordert wie wir alle“

Interview mit Ralf Meister und Norbert Trelle „Die Politik ist genauso überfordert wie wir alle“

Wie erklären Sie einem Moslem, was Weihnachten ist? Wie passt die weihnachtliche Friedensbotschaft dazu, dass wir Tornados nach Syrien schicken? Im HAZ-Interview sprechen der evangelische Landesbischof Ralf Meister und der katholische Bischof Norbert Trelle über Weihnachten, die Flüchtlingskrise – und Gott.

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Ralf Meister (li.) und Norbert Trelle (re.) im Interview mit HAZ-Redakteur Michael B. Berger.

Quelle: Schaarschmidt

Wie würden Sie einem Moslem in zwei kurzen Sätzen Weihnachten erklären?

Bischof Norbert Trelle: Es ist das Ja Gottes zum Menschen. Ignatius von Loyola, 500 Jahre ist das her, hat das ganz wunderbar formuliert: „Gott umarmt uns mit der Wirklichkeit.“

Bischof Ralf Meister: Ich würde als Erstes aus der Bibel Lukas 2 lesen und nichts sagen.

Diese Geschichte, die anfängt mit den Worten: „Es begab sich aber zu der Zeit, da ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging ...“?

Meister: Ja. Und dann würde ich zwei Sätze herausgreifen. Weihnachten heißt: Hab’ keine Angst. Und: Frieden auf Erden. Das sind die entscheidenden Sätze.

Heute haben manche in Deutschland Angst, etwa vor Überfremdung. Kann die Weihnachtsgeschichte da etwas sagen?

Trelle: Unbedingt. Ein Gott, der mir fremd bleibt, der macht mir auch Angst. Dieser Gott, der uns in Jesus Christus so nahe kommen will, ist natürlich kein Kumpelgott, der uns auf die Schulter haut. Es gibt schon eine Fremdheit, die bleibt zwischen Gott und Mensch. Sie lehrt uns eine Wahrnehmung im ehrfürchtigen Umgang miteinander. Das Fremdsein des anderen darf nicht zu jener Angst werden, die im Wortsinn Enge bedeutet – zumachen, sich abschotten.

Meister: Weihnachten und Angst? Es gibt in unserer Kultur eine tiefe Verankerung des Heils von Weihnachten. Sie zeigt sich in Geschenken, in der Aufmerksamkeit für den anderen, in der Sorgfalt und Liebe, mit der das Fest vorbereitet wird. Da wird schon in dem ganzen kulturellen Setting gegen die Angst gearbeitet.

Muss man Weihnachten nicht Angst haben vor einem Übermaß an Gemütlichkeit?

Meister: Was ist denn gegen Gemütlichkeit einzuwenden?

Trelle: Man könnte sie ja auch als Geborgenheit beschreiben ...

Meister: Nun gut, wenn Gemütlichkeit zu einem Cocooning führt, zu einem Selbstabschließen, sodass man überhaupt nichts mehr mitbekommt, was draußen vor der Tür geschieht, dann mag man Gemütlichkeit kritisieren.

Trelle: Ja, dann ist das schädlich.

Herr Meister, Sie haben vorgeschlagen, dass jeder zum Weihnachtsfest mindestens einen Flüchtling nach Hause einladen sollte. Ist das nicht angesichts der Tatsache, dass Weihnachten auch die Familie zu sich selbst findet, eine Provokation?

Meister: Ja, ist es. Und soll auch so sein. Das ist der Anti-Gemütlichkeitsaspekt von Religion. Religion bedeutet doch nicht, du kannst alles so weitermachen wie bisher, nur damit du dich wohlfühlst. Religion heißt auch: Deine innere Haltung hat eine Auswirkung nach außen. Ich persönlich habe schon mehrmals an religiösen Feiern der anderen Religionen mitgefeiert. Beim Sederabend am Vorabend des Passahfestes setzten die Juden mich als Fremden an den Tisch – als einen, der die ganze Liturgie nicht kennt.

Bleiben wir beim Thema Angst. Viele haben in diesen Adventszeiten auch ein diffuses Gefühl. Man weiß nicht so richtig, was auf einen zukommt, wie sich die riesigen Fluchtbewegungen bei uns auswirken. Befinden wir uns in einer Umbruchsituation im Advent 2015?

Trelle: Wir machen tatsächlich derzeit die Erfahrung, dass das, was heute gesagt wird, schon morgen gar nicht mehr gelten muss. Und übermorgen tritt eine ganz neue Regelung in Kraft. Das verunsichert viele Menschen, sie fragen sich: Bewältigen wir die Probleme noch, wenn auf der politischen Seite ein ständiges Wechselspiel stattfindet? Erst werden die Arme aufgemacht. Und wenn dann Hunderttausende kommen, dann verschränke ich sie wieder und wird das Asylrecht eingeschränkt.

Meister: Die Politik ist derzeit genauso überfordert wie wir alle. Die Gewissheit, verlässliche Planungen zu machen über die Zukunft dieser Welt, ist niemandem mehr möglich. Wir haben aber lange so gelebt, als könnten wir das. Und dazu gehört ein ganzes Ensemble von Destruktion und Zerfall von Sicherheiten, die wir einst hatten.

Reden wir zu viel über Flüchtlinge, sodass die Menschen Angst bekommen? Wird zu viel über dieses eine Thema berichtet?

Meister: Nein, das nicht. Was sollen die Medien auch tun?

Trelle: Wir reden nicht nur über Flüchtlinge. In den Gemeinden erlebt man, dass gehandelt wird, dass viele sagen, wenn wir das nicht tun, dann tut es keiner. Aber ich finde das sehr positiv, denn die Flüchtlinge bringen uns eine Art Erweckung in die Kirche. Wir spüren durch diese Herausforderung, wofür wir eigentlich da sind als Christen. Das ist ein wunderbarer Aha-Effekt.

Sie machen als Kirche die Erfahrung, dass an Weihnachten, vor allem am Heiligabend, die Gotteshäuser brechend voll sind. Das scheint ein Trend zu sein. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Trelle: Ich glaube, an Weihnachten haben viele Menschen auch so etwas wie Heimweh ...

Meister: Vielleicht kommt da die Gemütlichkeit ins Spiel. Wenigstens einmal im Jahr muss dieses Heimweh ausgelebt werden.

Liegt die Attraktivität des Festes darin, dass es unserer Eventkultur entspricht?

Meister: Das Schöne ist ja an dieser Stelle: Weihnachten ist jedes Mal gleich. Es sind überhaupt keine Eventelemente in den Gottesdiensten, von Krippenspielen abgesehen. Es ist alles gleich, dieselben Lieder, dieselbe Geschichte. In einer Eventgesellschaft wirkt so etwas aber bereits exotisch – und zieht auch deshalb Menschen an.

Trelle: Es ist Kult in zweifacher Hinsicht, zum einen „Kult“ oder “kultig“, wie die jungen Leute sagen. Aber es ist auch das Geheimnis des Kultus. Der Kult oder die Liturgie sind nur dann wahrhaftig, wenn sie wiederholbar sind. Etwas banal gesagt: Wenn sich die wesentlichen Dinge wiederholen, erweisen sie sich als elementar.

Erscheint die Weihnachtsbotschaft „Friede auf Erden“ heute, wo Tornados nach Syrien geschickt werden, nicht völlig unpassend?

Trelle: Die Weihnachtsbotschaft, „es geschah, als Quirinius Statthalter in Syrien war“, klingt schon sehr aktuell.

Meister: Das Thema „Friede auf Erden“ drängt sich dieses Jahr geradezu auf. Erneut ein Auslandseinsatz für die Bundeswehr, erneut die Sorge um den inneren Frieden in unserem Land. Erneut die Frage, wie kannst du eigentlich friedlich mit einer Lage umgehen, die uns überfordert? Und dieser Syrien-Einsatz im Dezember, in der Adventszeit – das ist schon heftig, und ich fürchte, das löst kein Problem.
Trelle: Das fürchte ich auch.

Wenn man Sie beide so hört, gibt es eine erstaunliche Menge von Gemeinsamkeiten zwischen einem evangelischen und einem katholischen Bischof. Gibt es denn nichts, was trennt? Wie ist es denn mit dem Papst, Bischof Meister?

Meister: Ich finde, auf diesen Papst, auf Franziskus, können alle stolz sein, egal, aus welcher Konfession und trotz mancher dogmatischer Unterschiede. Schon sein wunderbarer Gedanke, dass die Wirklichkeit, in der wir leben, auch die Ideen mitformt, und nicht die Idee die Wirklichkeit verwandelt, bringt Bewegung ins Geschehen.

Ökonomen kritisieren seine jüngste Enzyklika, die sich mit Umwelt- und Klimaschutz befasst, und sagen, dieser Papst habe von sozialer Marktwirtschaft keine Ahnung.

Meister: Dass hier alle satt werden, kann man noch sagen, aber dass diese Welt gerecht ist, verdanken wir doch nicht der Wirtschaft! Da kann man auch ganz kritisch zurückfragen: Hat denn alle wirtschaftliche Kompetenz es geschafft, hier auf dieser Welt Gerechtigkeit zu schaffen? Nein, hat sie nicht. Oft ist sie nur Trendforschung und schlechte Prophetie. Deshalb reagiere ich geradezu allergisch, wenn der Papst gerade mit seiner Wirtschaftskritik verspottet wird.

Trelle: So ist es. Es kann doch auch gar kein Mensch leugnen, dass das Flüchtlingsdrama, das wir derzeit erleben, auch zu tun hat mit unsäglichen Verwerfungen im ökologischen und ökonomischen Bereich. Warum machen sich denn Leute zu uns auf den Weg, begeben sich über das gefährliche Mittelmeer? Oder nehmen Sie die unsägliche Korruption in Afrika: Sie hat oft mit unserer Art der Wirtschaftsförderung zu tun. All diese Dinge spricht der Papst in seiner mutigen Enzyklika „Laudato si“ an.

Interview: Michael B. Berger

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