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Der Norden Jugendbande terrorisiert Geschäftsleute in Uelzen
Nachrichten Der Norden Jugendbande terrorisiert Geschäftsleute in Uelzen
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21:14 24.02.2012
Von Heinrich Thies
Ortstermin in Uelzen: Die Angeklagten in Gerichtsbegleitung am Schauplatz ihrer brutalen Schlägerei. Quelle: Schulze
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Uelzen

Die Angst sitzt tief. Jens-Peter Kaisen hat Schlimmes erlebt, will aber nicht mehr darüber reden. Im November waren kurz vor Feierabend drei junge Männer in den Laden des Uelzener Obst- und Teehändlers gestürmt und hatten mit vorgehaltenen Messern Geld verlangt. „Zu deiner eigenen Sicherheit“, hatten sie gesagt. Am gleichen Tag waren ihm schon die Reifen seines Autos zerstochen worden.

Der Vorfall bildet den Höhepunkt einer Bedrohung, die von den rund 20 Mitgliedern der sogenannten „Douglas-Bande“ ausgeht – jungen Männern arabischer und osteuropäischer Herkunft zwischen 17 und 21 Jahren, die nach ihrem Treffpunkt benannt wurden: einer Filiale der gleichnamigen Parfümeriekette. Seit gut einem Jahr terrorisiert die Jugendbande Geschäftsleute und Passanten in Uelzens Fußgängerzone. Sie stehlen, pöbeln, drohen, randalieren, setzen Zeugen und Journalisten unter Druck und schlagen bisweilen auch heftig zu.

In etlichen Uelzener Geschäften kann man – meist hinter vorgehaltener Hand – beängstigende Geschichten hören. „Die sind hier zu dritt reingestürmt, haben die Schuhe aus den Regalen gerissen, die Kunden geschubst und junge Kolleginnen betatscht“, ist im Schuhaus Armbruster zu erfahren. Eine Verkäuferin des Textilhauses Rameloh erzählt, wie sie von den jungen Männern beleidigt worden sei, als sie sie zur Ordnung ermahnt habe. „Halt’s Maul, du Schlampe“, hätten sie ihr zugerufen. Und: „Verpiss dich, du Hurentochter.“ Geschäftsführer Uwe Schwenke berichtet von einem Ladendiebstahl mit wilder Verfolgungsjagd und wüstem Gebrüll. „Vor der Polizei hatten die null Respekt,“ sagt er.

Nicht nur bei bösen Worten blieb es bei einem Zwischenfall in der Nacht zum 2. Juli 2011 in der Uelzener Gudesstraße. Bei einem Streit schlug der 19-jährige Ismail N. einem Passanten eine Bierflasche auf den Kopf. Als der 42-Jährige blutüberströmt am Boden lag, soll ein Kumpel noch mit dem Fuß auf den Kopf des Mannes eingetreten haben. Der Mann war zuvor einem Paar zu Hilfe geeilt, das von der Clique bedrängt worden war. Er hätte seine Zivilcourage um ein Haar mit dem Leben bezahlt.

Die beiden Tatverdächtigen sitzen inzwischen in Untersuchungshaft. Sie  müssen sich vor der Jugendkammer des Landgerichts Lüneburg wegen versuchten Totschlags verantworten. Auch die drei Männer, die den Obsthändler bedroht hatten, sitzen hinter Gittern. Gegen sie wird wegen räuberischer Erpressung ermittelt. Damit hat sich die Situation auf der Straße zwar etwas beruhigt, die Bedrohung aber wirkt auf anderer Ebene fort. Denn jetzt machen die Familienangehörigen und Freunde der Beschuldigten Druck. Zwei Zeugen wurden bereits die Reifen ihrer Autos zerstochen, andere bedrängt, entlastende Aussagen zu machen und vorgefertigte Erklärungen zu unterschreiben.

Auch die Redakteure der „Allgemeinen Zeitung“, die über den Prozess in Lüneburg berichten, sind scharfen Angriffen ausgesetzt. „Wir schlachten dich ab, du Schwein. Das war dein letzter Artikel“, hätten Angehörige bei Anrufen gedroht, sagt der Redakteur Thomas Mitzlaff. „Scheiß Journalisten, wir machen euch platt“, hätten sie vor dem Gerichtsgebäude gerufen, demonstrativ ihre Messer gezeigt. Sogar im Gerichtssaal sei es zu Pöbeleien gekommen, berichtet Mitzlaff. „Ihr solltet besser nicht schreiben“, habe ihm jemand von hinten zugeraunt. „Ihr wisst ja, was anderen passiert ist.“ Das sei kein gutes Gefühl, sagt der Journalist. Besonders beängstigend sei, dass die Freunde und Angehörigen Messer mit in die Verhandlung nehmen könnten. „Bisher ist niemand kontrolliert worden.“

Die „Allgemeine Zeitung“ hat nun auch in eigener Sache über die „Douglas-Bande“ und die bestehende Drohkulisse berichtet. „Seither melden sich Geschäftsleute und Bürger, die bisher im stillen Kämmerlein geblieben sind“, sagt Chefredakteur Andreas Becker. Nötig sei ein Konsens zwischen Geschäftsleuten, Politik, Behörden und Polizei. „So etwas kann sich eine Stadt nicht gefallen lassen.“

Die Polizei hat bereits reagiert. „Wir nehmen das sehr ernst“, sagt Uelzens Dienststellenleiter Dieter Klingforth. „Wir haben in großer Personalstärke gefahndet, Festnahmen herbeigeführt, Gefährder und Geschäftsleute kontaktiert.“ Dadurch habe sich die Lage entspannt. Gleichwohl zeigt Klingforth Verständnis für die aktuellen Ängste. Die Polizei fährt daher im Wohn- und Arbeitsbereich der bedrohten Redakteure verstärkt Streife und hat mit der Zeitung Sicherheitsvorkehrungen erarbeitet. Der Weg zum geparkten Auto etwa sollte nicht zu lang sein.

Obsthändler Kaisen sieht unterdessen mit gemischten Gefühlen dem Prozess wegen des Überfalls auf seinen Laden entgegen. Der Vater eines Tatverdächtigen hat ihm bereits einen Besuch abgestattet – und empfohlen, seine Aussage noch mal zu überdenken. Er werde es nicht bereuen. Geld spiele keine Rolle.

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