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Jugendherberge nimmt Flüchtlinge auf

Bad Iburg bei Osnabrück Jugendherberge nimmt Flüchtlinge auf

In der Jugendherberge Bad Iburg wohnen Schulklassen, Wanderer und Flüchtlinge Tür an Tür. Das niedersächsische Innenministerium hat dort erstmals eine Jugendherberge zur Aufnahmestelle für zunächst 60 Flüchtlinge gemacht. Es ist ein „friedliches Nebeneinander“. Ein Miteinander ist es allerdings nicht.

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Alle zusammen: Das Foyer der Jugendherberge dient als Aufenthaltsraum.

Bad Iburg. Für die einen gibt es Würstchen aus Geflügel, für die anderen vom Schwein. In Bad Iburg bei Osnabrück hat das niedersächsische Innenministerium erstmals eine Jugendherberge zur Aufnahmestelle für zunächst 60 Flüchtlinge gemacht. Sie leben dort seit Anfang Juli gemeinsam mit Schulklassen und anderen Urlaubern - im Oktober soll das Gebäude dann für eineinhalb Jahre komplett zur Außenstelle des Erstaufnahmelagers Bramsche mit bis zu 160 Plätzen werden. Es ist ein „friedliches Nebeneinander“ der unterschiedlichen Gruppen, wie alle Seiten betonen. Ein Miteinander ist es allerdings nicht.

Die Sonne hat an diesem Vormittag Dutzende in den Hof gelockt: Junge Männer verfolgen auf ihren Smartphones Nachrichten aus der irakischen Heimat, zeigen sich Bilder von Geschwistern und Frauen. Mit Kopftüchern bekleidete Mütter und Großmütter aus Syrien achten darauf, ihre Kleinen, die mit Bobbycars und Fahrrädern übers Pflaster flitzen, nicht aus den Augen zu verlieren. Auch zwei Berufsschulklassen aus Osnabrück, angehende Vermessungstechniker, sind da. Sie bauen für Messübungen Antennen und GPS-Geräte auf.

Die Schule ist Stammgast der idyllisch am Rand des Teutoburger Waldes gelegenen Herberge. Dass die 32 Auszubildenden diesmal mit fast doppelt so vielen Flüchtlingen untergebracht würden, habe von Anfang an niemanden gestört, sagt Lehrerin Birgit Klose. „Die nerven nicht“, wie es die 17-jährige Gunda ausdrückt. Bei der Essensausgabe am ersten Tag habe man allerdings gemerkt, dass Menschen im arabischen Raum geordnetes Anstellen wohl nicht gewohnt seien, meint die 22-jährige Annabell. „Das ging durcheinander, aber es gab keinen Stress.“ Inzwischen wird das Mittagessen für die Gruppen getrennt ausgegeben. Lehrerin Klose hat ohnehin festgestellt, dass die Migranten an einem Kennenlernen der Schüler nicht interessiert sind. „Die haben gerade andere Sorgen.“

Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien

Die Nachbarn in der Herberge stammen zu zwei Dritteln aus dem Irak und zu einem Drittel aus Syrien; vor allem Gedanken an ihre in der Heimat bedrohten Familien und ihre eigene Zukunft in Deutschland treiben sie um. Nach der Flucht aus Kriegsgebieten sind sie für einige Wochen ins übervolle Aufnahmelager Friedland bei Göttingen und von dort nach Bad Iburg gekommen. In den Vierbettzimmern der Außenstelle des Lagers Bramsche sollen sie „erst mal zur Ruhe kommen“, sagt Conrad Bramm, Leiter der Bramscher Behörde.

Die neuen Bewohner loben denn auch die freundliche, geradezu lockere Atmosphäre und die Überschaubarkeit ihrer derzeitigen Bleibe. Dort würden sie von den Herbergsmitarbeitern, von Sozialarbeitern der Diakonie, von Deutschdozenten der Landesaufnahmestelle, vom rund um die Uhr anwesenden Sicherheitsdienst und von Ehrenamtlichen aus dem Ort nach Kräften unterstützt - etwa bei Arztbesuchen und der Einrichtung des Kinderspielzimmers. „Hier ist es besser als im Lager“, sagt eine junge Personalmanagerin, die - zunächst ohne ihren Mann - mit zwei kleinen Töchtern aus Syrien geflohen ist.

Doch mögen die äußeren Bedingungen noch so gut sein, das Warten macht ungeduldig. „Transfer?“, erkundigt sich ein 38-jähriger Iraker täglich aufs Neue. Schon vor einem halben Jahr sei er in Deutschland angekommen, erzählt der Elektroingenieur auf Englisch und zieht seine Aufenthaltserlaubnis aus der Jackentasche. Er möchte, dass es weitergeht. Dass er Arbeit suchen und seine Frau und die beiden Söhne aus dem Flüchtlingscamp im Libanon nachholen kann. „Ich brauche nicht nur Schlaf und Essen“, sagt er leicht resigniert.

Einige Flüchtlinge sind bereits nach wenigen Tagen von Bad Iburg in aufnehmende Gemeinden gebracht worden. „Bei den Kommunen sind syrische Familien besonders beliebt“, berichtet Lagerchef Bramm - viele seien gebildet, nur Bessergestellte könnten die teure Flucht nach Deutschland bezahlen.

Den Herbergsbetreibern ist die Neubelegung leicht gefallen, wie Leiterin Ute Kozianka erzählt. Die Mitarbeiter seien vorbereitet worden und hätten sich offen gezeigt. Man habe Brandschutzbestimmungen und Speiseplan auf Arabisch ins Foyer gehängt und beim Essen ein paar Kleinigkeiten verändert - wie etwa die unterschiedlichen Würstchensorten für die verschiedenen Gruppen.

Zwei Kinder schaffen dann doch noch Berührungspunkte. Die Jungen aus dem Irak haben orangefarbene Markierungsstangen der Vermessungstechnikschüler aus dem Boden gezogen und zu Schwertern umfunktioniert. Als die Jugendlichen sie zur Rede stellen, geben sie das Spielzeug zurück. Das sei in vergangenen Jahren, als die Berufsschule die Herberge mit Grundschülern aus der Umgebung teilte, nicht anders gewesen, erzählt die Lehrerin aus Osnabrück. „Die bunten, leichten Stangen aus Aluminium sind bei Kindern äußerst beliebt.“

Sandhatten und Zeven als Vorbild

Die Zahl der Flüchtlinge wächst, die Erstaufnahmelager des Landes in Friedland, Bramsche, Braunschweig und Osnabrück sind überfüllt. Für Innenminister Boris Pistorius (SPD) ist die Einrichtung einer Zweigstelle in einer Jugendherberge eine Premiere. Doch auch in anderen niedersächsischen Herbergen wurden schon Flüchtlinge untergebracht – allerdings im Auftrag Bremens. Das Jugendherbergswerk habe Sandhatten bei Oldenburg und Zeven (Kreis Rotenburg) mit Asylsuchenden belegt, berichtet ein Sprecher des Landesverbands Unterweser-Ems. Seit Ende 2014 wohnten in der Zevener Herberge ausschließlich Flüchtlinge. Auch mit der gleichzeitigen Belegung durch Schulklassen gebe es gute Erfahrungen, in Sandhatten habe es eine gemeinsame Weihnachtsfeier gegeben. Der Verband bietet den Bundesländern Unterkunft, Vollverpflegung und Wäscheservice für die Flüchtlinge zu einem besonders rabattierten Gruppenpreis an. Eine Umfunktionierung weiterer Jugendherbergen sei nicht geplant. Ab Herbst ist im Übrigen wieder eine bessere Auslastung mit Schülern zu erwarten: Es haben sich bereits Gymnasialklassen angemeldet, die in der Vergangenheit wegen der Auseinandersetzung um die erhöhte Lehrerarbeitszeit auf Klassenfahrten verzichtet hatten.

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