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Land will Gülle besser verteilen

Gefahr für das Trinkwasser Land will Gülle besser verteilen

Die Stickstoffverbindungen sind seit Jahren eine wachsende Gefahr für das Trinkwasser, weswegen die EU-Kommission bereits Klage erhoben hat. Um die Belastung zu senken, haben Bund und Länder nun eine Düngeverordnung beschlossen, die dafür sorgen soll, dass in Deutschland weniger Gülle produziert wird

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Landwirt Heinrich Heimberg auf seinen Feldern.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hannover. Es dauert seine Zeit, bis Regenwasser seinen Weg durch den Boden gefunden hat und zu Grundwasser geworden ist: Zehn Jahre, 20 Jahre, in manchen Gegenden über 100 Jahre - je nach Bodenbeschaffenheit. Aber irgendwann kommt alles, was oben einsickert, unten an. Und das, was die Wasserversorger in den oberen Erdschichten messen, macht ihnen Sorgen: An gut einem Viertel der Messstellen sind die Nitratwerte, die durch eine Überdüngung von Ackerflächen entstehen, dauerhaft im roten Bereich.

Schmidt will mehr Bio

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) will mehr Bauern zur Umstellung auf Ökoanbau bewegen. Künftig sollen für Förderung und Forschung 30 Millionen Euro statt wie bisher 20 Millionen zur Verfügung stehen. Der Minister kündigte an, in Zukunft auch Landwirte finanziell zu fördern, die nur auf einem Teil ihrer Äcker Ökoanbau betreiben wollen. Vor und während der oft schwierigen Umstellungsphase sollen die künftigen Ökobauern intensiv beraten und fortgebildet werden. Zugleich bekräftigte der Bundesminister das Ziel, auf mittlere Sicht ein Fünftel der Agrarflächen in Deutschland ökologisch zu bewirtschaften. „Mit derzeit 6,5 Prozent sind wir noch einen erkennbaren Schritt davon entfernt“, räumte er ein. Niedersachsen hinkt dem Bundesschnitt noch deutlich hinterher – nur rund 3 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche ist ökologisch bewirtschaftet.

Die Stickstoffverbindungen sind seit Jahren eine wachsende Gefahr für das Trinkwasser, weswegen die EU-Kommission bereits Klage gegen Deutschland erhoben hat. Um die Belastung zu senken, haben Bund und Länder nun eine Düngeverordnung beschlossen, die dafür sorgen soll, dass in Deutschland weniger Gülle und Gärreste produziert und diese besser verteilt werden. Für die Landwirte bedeutet dies mehr Kalkulation und Kontrollen - und langfristig wird es wohl weniger Nutztiere in Niedersachsen geben.

„Schlupflöcher stopfen“

„Eine solche Bilanzierung ist überfällig“, sagte Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) Mittwoch bei der Vorstellung des neuen Düngerechts. Vier Jahre lang hatte der Minister auf die Regelung gedrungen. Das Ergebnis ist ein Kompromiss, Meyer ist trotzdem hochzufrieden: „Aus meiner Sicht ist das heute ein historischer Tag.“ Nun habe man die Chance, „Schlupflöcher zu stopfen und denen das Handwerk zu legen, die sich bislang nicht an das geltende Recht gehalten haben“.

Vor allem die großen Massentierhalter ohne Ackerflächen, von denen es im Oldenburger Land viele gibt, will der Minister unter Druck setzen. „Mein Fokus ist: Wir müssen das Mengenproblem lösen“, so Meyer. Mehr Tierwohl und mehr Bio bedeute weniger Tiere in den Ställen und damit auch weniger Gülle, so der Minister.

60 Millionen Tonnen Gülle, Mist oder auch Gärreste aus Biogasanlagen fallen jedes Jahr in Niedersachsen an. Wo diese landen, darüber müssen Bauern bereits seit Längerem Buch führen. Doch bislang ist es leicht, die Bilanz zu schönen, ohne dabei erwischt zu werden, indem man etwa auch mal die doppelte Menge aufs Feld kippt. In Zukunft fliegt der Betrug aber leicht auf, weil die Güllebehörde bei der Landwirtschaftskammer Zugriff auf acht bislang getrennte Behörden-Datenbanken haben soll - und damit auf einen Blick die Angaben abgleichen kann. Ein Schritt, den auch die Opposition im Landtag begrüßt: „Diese Transparenz muss sein, denn wir müssen diejenigen schützen, die sich an Recht und Gesetz halten“, sagte Helmut Dammann-Tamke (CDU).

Gegen diesen Schutz hat Heinrich Heimberg nichts, das Düngegesetz sieht er dennoch mit einer gewissen Sorge. Der Landwirt hat auf seinem Betrieb in Luthe bei Wunstorf 115 Kühe, die auf der Weide stehen, dazu baut er Zuckerrüben, Mais, Weizen und Raps an. Er bewirtschaftet 150 Hektar, mehr als genug für die eigene Gülle. Ein Betrieb, wie Minister Meyer ihn mit seinem Gesetz schützen will. Aber Heimberg fürchtet Schwierigkeiten.

Bußgelder verzehnfacht

„Wir werden genau bilanzieren und vor allem kalkulieren müssen“, sagt der Landwirt. Denn wie viel Dünger man einsetzen dürfe, richte sich nach der Pflanzenart und dem erwarteten Ertrag. Erntet der Landwirt aber nach einem trockenen Sommer statt der erwarteten acht Tonnen Getreide nur sechs, hat er in der Bilanz einen Nährstoffüberhang - und muss den vor der Behörde rechtfertigen. „Wenn mir das zweimal passiert, bekomme ich eine Belehrung, dann auch irgendwann ein Bußgeld“, so Heimberg. Und das soll empfindlich erhöht werden, hat Minister Meyer angekündigt: Von maximal 15 000 auf 150 000 Euro. Für die Landwirte, so Heimberg, bedeute das Düngerecht mehr Arbeit und mehr Unsicherheit.

Für viele Tierhalter kommt noch ein weiteres Problem hinzu: Weil sie ab der Ernte im Herbst bis zum Februar des folgenden Jahres die Felder gar nicht mehr düngen dürfen, müssen sie die Gülle über Monate lagern. „Das wird viele überfordern“, meint Volker Hahn, Landvolkvorsitzender in der Region Hannover. Wer jetzt keinen passenden Behälter habe, werde nach zwei schlechten Jahren für Tierhalter nicht in der Lage sein, 100 000 Euro zu investieren. „Das wird den Strukturwandel vorantreiben. Kleine Betriebe können das nicht packen.“

Landwirte müssen künftig Güllebilanz ziehen

Das von Bund und Ländern beschlossene Düngerecht sieht zwei Kernpunkte vor: Landwirte sollen genau protokollieren, wie viele Nährstoffe sie in ihren Betrieben einsetzen und was an Gülle und Ähnlichem übrig bleibt („Hoftorbilanz“). Außerdem sollen die Kontrollmöglichkeiten des Staates deutlich ausgeweitet werden, indem acht bislang getrennte Datenbanken, unter anderem zu Tierbeständen, Baugenehmigungen und Flächennutzung, zusammengefasst werden. „Damit kommen wir den schwarzen Schafen auf die Spur, die rücksichtslos die Felder überdüngen und damit die Gewässer schädigen“, sagte Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer (Grüne). Wer Tiere hält, muss nachweisen, auf welchen Feldern deren Gülle ausgebracht wird. Die Menge der eingesetzten Gülle richtet sich dabei künftig nicht nach den Tieren, sondern den Pflanzen: Auf jedem Feld darf nur so viel ausgekippt werden, wie die Pflanzen aufnehmen können. Tierhalter, die diese Felder nicht selbst haben, müssen Verträge mit anderen Bauern machen. Großbetriebe sollen die Bilanz bereits 2018 lückenlos vorlegen, Kleinbetriebe haben bis 2023 Zeit, sich umzustellen.

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Niedersachsen in Zahlen
  • Landeshauptstadt : Hannover
  • Ministerpräsident: Stephan Weil
  • Fläche : 47.634,90 km²
  • Einwohner : 7,791 Mio
  • Bevölkerungsdichte : 135 Einwohner je km²
  • Letzte Landtagswahl : 20. Januar 2013 
  • Nächste Wahl : 15. Oktober 2017
  • Wirtschaft : Firmendatenbank
  • Geographie : Niedersachsen hat im Norden eine natürliche Begrenzung durch die Nordsee, die Unterelbe sowie den unteren Mittellauf der Elbe. Als Enklave vom Landesgebiet umgeben ist das Land Bremen.
  • Berühmte Niedersachsen : Gerhard Schröder, Diane Kruger, Lena Meyer-Landrut, Sigmar Gabriel, Christian Wulff, Otto Waalkes, Mousse T., Klaus Meine
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