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„Inklusion ist eine Frage der Haltung“

Handicap im Unterricht „Inklusion ist eine Frage der Haltung“

Inklusion wie geht das? Rein Praktisch. An der Universität Hildesheim lernen auch gestandene Lehrer etwas über den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Handicap.

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Besuch des Religionsunterrichtes bei Uwe Witzschel in der Oberschule Ottbergen die seit Langem Inklusion betreibt.

Quelle: Michael Wallmüller

Hildesheim. Die Barrieren müssen weg. Die baulichen - die Treppen und Türen, die man mit dem Rollstuhl nicht bewältigen kann. Aber auch die Barrieren im Kopf. Ab diesem Schuljahr soll in allen ersten und fünften Klassen der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Handicaps die Regel sein. Wenn Eltern dies wollen, können sie ihr Kind aber auch weiterhin zu einer Förderschule schicken.

Grundvoraussetzung für Inklusion ist auch, dass Lehrer ihren Schülern ohne Vorurteile begegnen, egal ob diese beispielsweise behindert sind, ausländische Wurzeln haben oder aus einkommensschwachen Familien stammen. Die Universität Hildesheim will Lehrern dabei helfen und bietet seit 2012 einen berufsbegleitenden Studiengang zur inklusiven Pädagogik an.

Zwei Jahre lang gibt es für die Teilnehmer einmal im Monat mehrtägige Seminare, dazwischen Unterrichtsbesuche und persönliches Coaching. Entwickelt wurde der Studiengang zusammen mit der Pädagogischen Hochschule in Zürich, ab diesem Herbst sind auch erstmals Lehrkräfte von der Universität Bozen in Südtirol unter den Studenten. „Kurze Fortbildungsangebote sind für eine Haltungsänderung bedingt hilfreich“, sagt Erziehungswissenschaftlerin Margitta Rudolph, die den Weiterbildungsstudiengang mit Britta Ostermann ins Leben gerufen hat. „Die Wahrnehmung des Lehrers bestimmt die Selbstwahrnehmung des Schülers“, sagt Ostermann. „Stellt ein Lehrer einem Kind immer eher einfache Fragen, dann denkt dieses, dass er nicht viel von ihm hält.“ Ziel sei es, mit allen Schülern anspruchsvoll zu arbeiten.

An der Oberschule Ottbergen bei Schellerten (Kreis Hildesheim) nehmen gleich vier der insgesamt 26 Lehrer an dem Studiengang teil, der mit einem Masterabschluss endet. „So können sich die Ergebnisse besser im Kollegium festsetzen als wenn nur einer bei der Fortbildung mitmacht, das versandet dann oft“, sagt Schulleiterin Ulrike Stengert-Schaumburg.

Religionslehrer Uwe Witzschel ist einer der vier Pädagogen, die sich weiterbilden lassen. Frontalunterricht? Das war einmal. In seinem Religionskurs ist der regelmäßige Wechsel zwischen Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit selbstverständlich, auch wenn es um so ein schwieriges Thema wie Nahtoderfahrung geht. Ist das esoterischer Humbug oder ein wissenschaftlich zu erklärendes Phänomen, wenn Menschen berichten, dass sie sich selbst auf einem OP-Tisch liegen sehen oder längst Verstorbene wiedertreffen? Der 42-jährige Witzschel lässt die Achtklässler sich selbst eine Meinung bilden, gibt nur informative Hilfestellung.

5340 Euro kostet der zweijährige Inklusions-studiengang pro Teilnehmer, die Lehrer aus Ottbergen haben Stipendien bekommen. Sie selbst müssen nur die generellen Studiengebühren von 500 Euro pro Semester - und reichlich Zeit neben ihrer regulären Tätigkeit an der Schule investieren. Lohnt sich das? „Unbedingt“, sagt Melanie Spiller. Die 34-Jährige unterrichtet seit fünfeinhalb Jahren in Ottbergen Biologie, Wirtschaft und Französisch. „Ich kann mit Stillstand schlecht umgehen“, sagt sie. Durch das Studium sei sie für Einzelschicksale sensibilisiert worden. „Man guckt genauer hin.“ Susanne Meyer (41) sagt, es sei wichtig, die Schüler so zu nehmen, wie sie sind. Schon seit Langem gibt es Kinder mit Handicaps an den Regelschulen, Kinder mit Legasthenie oder Dyskalkulie, mit Konzentrationsschwäche oder Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). „Ich will die Diagnosen gar nicht unbedingt kennen“, sagt Anja Ahrenbeck (43), „ich gucke einem Schüler lieber in die Augen als in seine Akte, ich möchte ihn in meiner Umgebung wahrnehmen.“

Jeder Schüler könne etwas, man müsse nur herausfinden was, sagen die vier Pädagogen. Der erste Eindruck könne zwar mal negativ sein, aber er lasse sich immer wieder revidieren. „Jeden Tag lerne ich die Schüler besser kennen“, sagt Spiller, „nicht nur im Unterricht, sondern auch auf Klassenfahrt oder beim Grillnachmittag.“

„Inklusion ist eine Frage der Haltung“, sagt Wissenschaftlerin Rudolph. Nicht nur für Lehrer, sondern auch für Eltern, die Angst haben, dass für ihre Kinder zu wenig Zeit bleibt, wenn die Pädagogen sich jetzt um mehr Schüler mit Handicaps kümmern. Rudolph hält nicht viel davon, dass Schulen extra „Inklusionsklassen“ einrichten, weil ihnen das Geld oder Personal fehlt. „Es geht ums Miteinander, nicht ums Aussortieren.“

Im Oktober beginnt der dritte Durchgang des Inklusionsstudiums an der Uni Hildesheim. Bewerbungen sind noch bis zum 30. August möglich. Informationen gibt es bei Dr. Margitta Rudolph, (rudolph@uni-hildesheim.de) oder Britta Ostermann (ostermann@uni-hildesheim.de).

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