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Die "Lichtburg" kämpft gegen den Disney-Konzern

Kleines Kino Die "Lichtburg" kämpft gegen den Disney-Konzern

Quernheim ist Deutschlands kleinster Ort mit einem Kino. Die "Lichtburg" von Karl-Heinz Meier ist nicht nur Dorfmittelpunkt – sie ist auch das Zentrum des Widerstands der kleinen Häuser gegen den Disney-Konzern.

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„Das ist echt schiete“: Wegen hoher Leihgebühren zeigt Karl-Heinz Meier in seinem Kino Lichtburg keine Disney-Filme mehr.Fotos: Eberstein (4)

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Quernheim. Eine Freiwillige Feuerwehr haben sie im Ort. Aber keinen Bäcker, einen Supermarkt haben sie schon gar nicht und auch keine Schule - Normalität in einem Dorf mit 400 Einwohnern in der niedersächsischen Provinz. Was Quernheim bei Lemförde aber hat: viel Kopfsteinpflaster, wunderschöne alte Höfe - und ein Kino. Die Lichtburg bietet zwei Säle und 267 Sitzplätze für 423 Einwohner der Bauerschaft. Quernheim im Landkreis Diepholz ist Deutschlands kleinste Gemeinde mit einem Kino.

Quernheim ist Deutschlands kleinster Ort mit einem Kino und kämpft gegen den großen Disney-Konzern.

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„Das funktioniert“, versichert Karl-Heinz Meier, Kinobetreiber, Gastwirt und Filmliebhaber. „Weil’s einfach schön ist, verstehen Sie? Alle kennen mich und meine Frau und ich verabschiede die Gäste persönlich.“ Im vergangenen Jahr kamen 40.000 Besucher in sein Lichtspielhaus mit Kneipenanschluss im Dorf. „Es gibt immer einen Parkplatz, keine Ampeln und keine Staus.“

Meier ist überzeugt: „Gäbe es das Kino nicht, wäre der Ort tot.“ Seine Gaststätte wohl auch: „Das Kneipensterben ist dramatisch. Es gibt nicht mehr genug Alkoholiker.“ So gesehen haucht Meier dem Dorfleben mit seinem Kino immer neues Leben ein. „Orte, die ein Kino haben, in denen wird der Bürgersteig nicht hochgeklappt“, sagt der Gastwirt, der selbst ständig in Bewegung ist.

Um kurz vor 16 Uhr etwa - gleich läuft „Kung Fu Panda 3“ digital und in 3-D - pendelt der 65-Jährige zwischen der Kasse und dem Popkornautomaten. Eine Handvoll Kinder wollen den Film dann doch sehen, obwohl Meier sagt: „Der funktioniert nicht.“ Hier werden die Eintrittskarten noch von der Papierrolle abgerissen, weil in die „älteste Kinokasse Niedersachsens“ einfach kein Computer passt. Auf dem Weg zu Popcorn und Cola (2 Euro) passiert er mehrfach den Schankraum der Kneipe, wo seit 104 Jahren ausschließlich Barre-Bräu gezapft wird, worauf Meier großen Wert legt. „Da sind wir stolz drauf.“

1952 hat sein Vater den alten Tanzsaal der Gaststätte in ein Kino umgebaut. Weihnachten 1952 lief der erste Film: „Tanz ins Glück“ mit Johannes Heesters. Seit Meier zwölf war, hat er den Besuchern Süßigkeiten verkauft. „So wächst man da rein.“ 5000 Kinoplakate habe er im Keller, er schaue jede Oscar-Verleihung live im Fernsehen. Die Fotos in seiner Kneipe zeugen davon, dass er viele deutsche Filmstars persönlich kennt. Meier sagt, neben seiner Frau seien Film und Kino seine einzigen großen Lieben. „Obwohl: Meine Frau Irmtraut habe ich noch nicht so lange wie den Film, erst 44 Jahre.“

Stand 31. Dezember 2015 gab es in Niedersachsen noch 105 Kino-Standorte, wie die Filmförderungsanstalt gezählt hat - drei weniger als noch im Jahr zuvor. Und neuerdings gibt es in Gestalt des Disney-Konzerns eine neue Gefahr für die kleinen Kinos. Seit Ostern vor einem Jahr hat Meier mit Ausnahme von „Star Wars“ keinen Disney-Film mehr gezeigt, weil der Konzern plötzlich 53 Prozent der Einnahmen jeder Kinokarte verlangte. Vorher waren es 48 Prozent gewesen. „Für kleine Häuser ist das existenzbedrohend“, erklärt Meier, der Sprecher der IG Nord ist, einem Zusammenschluss norddeutscher Kinobetreiber. Quernheim ist quasi das Zentrum des Widerstands der kleinen Kinos im Norden gegen den amerikanischen Konzern.

Auch der jüngste Disney-Film, „Zoomania“, läuft nicht in der Lichtburg, obwohl Meier bis vor Kurzem noch guter Dinge war, dass sie eine Einigung mit Disney finden würden. Er war extra in München, um zu verhandeln. Dann, so Meier, hat Disney kurz vor dem Filmstart einen Rückzieher gemacht. „Das passt mir auch nicht, den Leuten den Film vorzuenthalten. Das ist echt schiete.“ Aber gefallen lassen will er sich das nicht, zumal er befürchtet, dass die anderen Verleiher nachziehen. Seine Gäste verstünden das.

Meier hat anderes zu bieten. Karfreitag lief wie seit 36 Jahren schon „Blues Brothers“ - volles Haus garantiert. Oder immer zwischen den Jahren: Die „Herr der Ringe“-Nacht von 16 bis 4.30 Uhr. In den Pausen serviert Meier belegte Brötchen, Koteletts, Frikadellen und Kaffee für 70 Cent. „Sie müssen Ereignisse schaffen.“ Die Leute lieben es.

Aufstand gegen
 den Disney-Konzern

Mit der Comic-Verfilmung „Avengers: Age of Ultron“ vor ungefähr einem Jahr ging der Streit los. Im April forderte der Disney-Konzern plötzlich für den Verleih von den Kinobetreibern auch in der Provinz 53 Prozent der Einnahmen jeder Eintrittskarte – das galt bis dahin nur für die großen Leinwände in großen Städten mit entsprechend viel Publikum. Die Kleinen mussten so lange 47,7 Prozent Verleihgebühr entrichten. Die kleinen Kinos organisierten unter Beteiligung von Karl-Heinz Meier, dem Sprecher der norddeutschen Kinobetreiber, einen Boykott des Films. Mehr als 600 Leinwände beteiligten sich.

Für die kleinen Kinos war das nach Angaben von Meier auch deshalb ein harter Schlag, weil viele gerade erst in die neue Digitaltechnik investiert und die Kosten noch nicht wieder eingespielt hatten. Außerdem war auch der neue Mindestlohn eine Belastung. Die kleinen Kinos wollten maximal 50 Prozent Leihgebühr zahlen. Meier verhandelte mit Disney, konnte sich aber nicht durchsetzen.

Der Streit ist bis heute nicht gelöst. Viele boykottieren auch den aktuellen Disney-Film „Zoomania“. Dem siebten „Star Wars“-Film vor Weihnachten hat aber selbst Meier gezeigt.doe

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