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Lüneburger Ehepaar lässt 176 Jahre alte Tapete restaurieren

Schnitt für Schnitt in die Vergangenheit Lüneburger Ehepaar lässt 176 Jahre alte Tapete restaurieren

In einem Lüneburger Bürgerhaus versuchen vier Frauen eine fast 200 Jahre alte Tapete wiederherzustellen. Eine der Restauratorinnen ist die Urenkelin des Malers Otto Modersohn.

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Mit Kuh und Holzhütte: Auf der Tapete sind Landschaftsmotive aus der Schweiz zu sehen.

Quelle: Carolin George

Lüneburg. Wer die Treppe zum ersten Stock des Lüneburger Bürgerhauses an der Neuen Sülze 2 hinaufsteigt und die weiße Flügeltür zum großen Saal öffnet, betritt zwei Zeiten. Mit Skalpell und Wattebausch arbeiten sich vier junge Frauen ins 19. Jahrhundert vor. Sie restaurieren eine Tapete, die es in dieser Form nur dreimal in Deutschland gibt.

Tabea Modersohn steht auf dem Trittbrett einer Leiter, über der Nase eine Atemschutzmaske, in der Hand ein Skalpell: Millimeter für Millimeter schabt die Urenkelin des Malers Otto Modersohn aus Fischerhude bei Bremen türkise Farbe vom Himmel. „Relativ zügig“ geht das beim Türkis, sagt die Diplom-Restauratorin. „Relativ zügig“ bedeutet in diesem Fall tatsächlich relativ - allein die Abnahme der Übermalung dauert insgesamt ein halbes Jahr.

Zwischen 1815 und 1827 auf 20 einzelnen Bögen in der Tapetenmanufaktur Zuber im Elsass gedruckt, zeigt die „Grande Helvétie“ Landschaftsmotive aus der Schweiz: unter dem Himmel Eiger, Mönch und Jungfrau, einen Kuh-abtrieb von der Alm und Szenen des nationalen Unspunnenfests in Interlaken. Zwischen Schweizer Berge und Wälder ist nach dem Zweiten Weltkrieg auch der Lüneburger Kalkberg gerutscht.

Tabea Modersohn ist 33 Jahre alt und hat an der Fakultät Erhaltung von Kulturgut der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Hildesheim studiert, für den Auftrag in Lüneburg arbeitet die Projektleiterin mit drei ehemaligen Kommilitoninnen zusammen. Seit Oktober arbeiten die vier Frauen im ersten Stock des mehr als 300 Jahre alten Wohnhauses, wo Anfang des 19. Jahrhunderts französische Offiziere speisten und sich die Generalleutnantin Caroline von Wangenheim - die Fassade ähnelt dem Wangenheimpalais in Hannover - im Jahr 1837 ein Stück Schweiz nach Norddeutschland geholt hat.

Den Eigentümern liegt viel daran, ihr Haus als das zu erhalten, was es einst war und in Teilen immer noch ist: ein Beispiel bürgerlichen Wohnens im 19. Jahrhundert. So heißt auch das Sanierungsprojekt, das Rotraut und Egbert Kahle nach dem Kauf des Ensembles vor zehn Jahren gestartet haben. Außer dem Hauptgebäude gehören Waschhaus, Remise und Kutscherhaus dazu, hinten versteckt sich mitten in Lüneburgs Altstadt ein eindrucksvoller Landschaftsgarten aus der Mitte des 19. Jahrhunderts mit 150 Jahre alter Platane und Pavillon.

Lange hat sich das Ehepaar um Förderungen für die sehr aufwendige Tapetenrestaurierung bemüht, neben erheblichen Eigenmitteln finanzieren die Arbeiten jetzt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die Niedersächsische Bingo-Umweltstiftung, das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege und die Niedersächsische Sparkassenstiftung.

„Alleine kann das niemand leisten“, sagt Rotraut Kahle, die seit Oktober eine Untermieterin im Dachgeschoss hat: Stephanie Keinert aus Münster in Westfalen.

Der Arbeitsschritt der 28-Jährigen liegt zwei vor dem von Tabea Modersohn. Aus Haushaltswatte knüllt sie einen Bausch, tunkt ihn in destilliertes Wasser, wischt graue Farbe von der Tapete und tupft mit trockenem Wattebausch nach.

„Wir sind Forscher und Ingenieure“, sagt Stephanie Keinert. Schließlich müssen sie alle paar Dezimeter das Werkzeug und die Technik wechseln. Gudrun Kühl arbeitet sich gerade per Skalpell durch die Wolken: „Würde ich hier mit Feuchtigkeit arbeiten, würden sich Grau und Weiß vermischen“, erklärt die 27-Jährige. „Abschleifen geht nicht, weil die Tapete Höhen und Tiefen hat.“

Den Pinsel über dem Kopf arbeitet sich Petra Novotny an der Decke vorwärts. Die 45-Jährige retuschiert einen Strahlenkranz, der auf die Saalmitte zuläuft, hat in Marmeladengläsern Leimfarbe in vier Tönen angemischt.

Erst wenn sich die Restauratorinnen nach sechs Monaten bis zur untersten Farbschicht gewischt und geschabt haben, leuchtet der Himmel im Saal wieder so hellblau wie vor 176 Jahren.

Carolin George

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