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Sollte man Ärzte zur Praxis auf dem Dorf verdonnern?

Mangel an Landärzten Sollte man Ärzte zur Praxis auf dem Dorf verdonnern?

In den kommenden Jahren werden viele ältere Ärzte ihre Praxen aufgeben. Immer mehr jüngere Mediziner entscheiden sich gegen die Selbstständigkeit - und gegen die Arbeit auf dem Land. Sollte man Mediziner zur Praxis auf dem Dorf verdonnern? Die Landärzte sagen: Nein.

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Quelle: Villegas

Neuenkirchen/Wietzen. Da war irgendwas im Weg, ein Huckel oder eine Wurzel, Pascal Beier weiß es nicht. Er weiß: Im nächsten Moment stand der Fahrradlenker quer - und er selbst lag auf der Straße, das Bein unterm Knie aufgeschlagen, Schürfwunde am Ellenbogen, am Rücken war auch was.

Doreen Kleine Stegemann schaut sich alles an, tupft, klebt Pflaster. Der Ellenbogen macht der Ärztin Sorgen, der 16-Jährige kann den Arm nicht strecken, das Gelenk ist geschwollen. „Muss geröntgt werden“, sagt sie. Vielleicht ist was gebrochen. Pascal und seine Mutter werden also noch zum Krankenhaus nach Soltau fahren.

"Auf die Arbeit hier muss man sich schon einlassen", sagt Doreen Kleine Stegemann.

"Auf die Arbeit hier muss man sich schon einlassen", sagt Doreen Kleine Stegemann.

Quelle: Villegas

Der Anruf der Mutter, dass ihr Sohn gestürzt sei und ob sich Frau Doktor das noch eben anschauen könne, kam pünktlich zum Feierabend. „Natürlich sagt man dann nicht Nein“, sagt Doreen Kleine Stegemann später.

Kein Stechuhrbetrieb

Pascal ist blass, er bekommt ein Glas Wasser. Auf seinem Werder-Bremen-T-Shirt steht: „You’ll never walk alone.“ Das trifft es ganz gut, auch ohne Fußball. Dies ist kein medizinischer Stechuhrbetrieb, dies ist eine Landarztpraxis.

„Auf die Arbeit hier muss man sich schon einlassen“, sagt Doreen Kleine Stegemann. Sie ist im Juli in die Praxis in Neuenkirchen im Heidekreis eingestiegen, ihr Kollege Heino Feldbrügge führt sie schon länger. Irgendwann wird die Ärztin den kleinen Betrieb übernehmen. Sie ist keine Berufsanfängerin, sie ist 40. Sie hat einfach zuvor ein paar andere Varianten ausprobiert: Nach der Steuerfachgehilfin, die nicht so ihr Ding war, kam das Medizinstudium, es folgten Krankenhauschirurgie und sechs Jahre als angestellte Allgemeinmedizinerin. Irgendwann dachte sich die energische blonde Frau mit dem aufmerksamen Blick, sie wolle doch langsam allein über das entscheiden, was sie tut.

Also Selbstständigkeit. Was kostet so eine halbe Praxis? „80.000 bis 100.000 Euro.“ Wie finanziert man das? „Kredit.“ Keine Angst vorm Scheitern? „Nein“, sagt Doreen Kleine Stegemann. „Aber ein großer Schritt ist das schon.“

Freiwillig sollte er sein. Die Idee des Städte- und Gemeindebundes, einen Rechtsanspruch auf einen Arzt pro Gemeinde zu verordnen, weil dem Land die Landärzte ausgehen, hält sie für „komplett falsch“. So was könne man nicht verfügen. Da ist sie sich einig mit Karl-Heinz Aeffner, obwohl die beiden sich gar nicht kennen. Aeffner setzt auch eher auf Überzeugungsarbeit. Man müsse den jungen Kollegen nur mal nahebringen, welche Vorteile eine Land- gegenüber einer Stadtpraxis habe, sagt der 65-jährige Hausarzt aus Wietzen im Kreis Nienburg. Er kam 1986 mit seiner Frau aus Hannover, stieg in die Praxis seines Onkels ein, übernahm sie im Jahr darauf. Seiner Frau versprach er, einmal die Woche mit ihr nach Hannover zu fahren. „Nach einem Jahr fragte sie bei so einem Besuch: Wann fahren wir wieder nach Hause?“

Er zählt auf, warum: saubere Luft. Grüne Umgebung. Schulen ohne allzu große soziale Verwerfungen. „In der Stadt schweigen sich die Leute in den Wartezimmern an. Bei mir reden sie miteinander.“ Und ein günstiges Umfeld existiere auf dem Land: „Ich habe diese Räume hier“ - Aeffner beschreibt einen Kreis, der Babybehandlungsecke und EKG und Labor und alles andere umschließt - „1990 gemietet. Der Preis ist seit 27 Jahren derselbe.“

Nicht zuletzt: Man gilt als Arzt auf dem Dorf mehr als der Bürgermeister. Bei Edeka wird man in der Schlange nach vorn gebeten: „Kommen Sie, Sie haben so viel zu tun.“ Aeffner lacht, verlagert das Gewicht von einem roten Schuh auf den anderen, die beide zu der roten Arzttasche und der roten Brille passen. Aeffner versteckt sich nicht. Auf dem Audi-Kennzeichen steht „DR“, seine Frisur zeigt den Beatles-Fan.

Viel zu tun: Das ist eines der (Image-)Probleme. Aeffner hat bis vor wenigen Jahren mehr als 60 Stunden pro Woche gearbeitet. Nach einer Herz-OP hat er reduziert. 40 Stunden plus x, 30 Hausbesuche in der Woche. 1200 Patienten im Jahr. Das gehe, sagt er.

Eine Herausforderung

Beide, Doreen Kleine Stegemann und Karl-Heinz Aeffner, beschreiben ihre Lage übereinstimmend: Ja, eine Landarztpraxis sei nicht ganz leicht zu führen, aber keine Belastung, sondern eine Herausforderung. Nein, man komme nicht mit 38 Stunden aus, dafür kriege man alles zu sehen, vom Baby bis zum Greis, vom Milchschorf bis zur Demenz. Kleine Stegemann hat an diesem Tag mit einer herauszudrehenden Zecke angefangen, dann kamen Kreislauf und Infekt und Kinderkopfläuse. Und, und, und. Am Schluss noch Pascal, rund 50 Patienten. „Ein eher ruhiger Tag.“

Was würden die beiden ändern? Doreen Kleine Stegemann würde jungen Ärzten, die auf dem Dorf anfangen, mehr Förderung anbieten. Aeffner würde Landärzten schlicht mehr Geld von den Krankenkassen zusprechen. Und diese blöde Bestimmung, dass er nur Medikamente für 80 Euro pro Patient und Quartal verordnen soll, würde er ändern. „In der Stadt rennen die Leute zum Spezialisten, hier kommen sie alle zu mir. Sie haben mehr Krankheiten. Ich habe viele Schmerzpatienten. Also muss ich mehr verordnen.“

Und sonst? Keine Sehnsucht nach Theater und Trubel? „Wir fahren nicht viel länger als jemand aus dem Vorort“, sagt Aeffner. Doreen Kleine Stegemann lächelt. Ja, mal zum Shoppen nach Hamburg, das mache sie schon. Aber sie sei immer wieder froh, wenn es dann zurück nach Hause gehe.

Wo fehlen die Ärzte?

Normalerweise sollte ein Arzt auf 1680 Einwohner kommen. Während viele Orte in
Niedersachsen sogar
als überversorgt gelten, ist es zahlenmäßig eng im Umland von Braunschweig, bei Cuxhaven und Harburg, in Leer, Melle, Stadthagen,
Sulingen und Wolfsburg. Dort liegt die Arztquote bei 80 Prozent. Ab 75 Prozent spricht man von Unterversorgung.
Ein Problem ist: In Niedersachsen wollen viele ältere Ärzte in den kommenden Jahren ihre Praxen aufgeben – und immer mehr junge Ärzte entscheiden sich gegen die Selbstständigkeit und auch oft für Teilzeit. Die Kassenärztlichen Vereinigungen versuchen, junge Ärzte mit Zuschüssen aufs Land zu locken.
Der „Masterplan Medizinstudium 2020“ sieht zudem vor, dass 10 Prozent der Medizin­studienplätze an Studenten vergeben werden, die sich zur Arbeit auf dem Land verpflichten.     

Von Bert Strebe

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Niedersachsen in Zahlen
  • Landeshauptstadt : Hannover
  • Ministerpräsident: Stephan Weil
  • Fläche : 47.634,90 km²
  • Einwohner : 7,791 Mio
  • Bevölkerungsdichte : 135 Einwohner je km²
  • Letzte Landtagswahl : 20. Januar 2013 
  • Nächste Wahl : 15. Oktober 2017
  • Wirtschaft : Firmendatenbank
  • Geographie : Niedersachsen hat im Norden eine natürliche Begrenzung durch die Nordsee, die Unterelbe sowie den unteren Mittellauf der Elbe. Als Enklave vom Landesgebiet umgeben ist das Land Bremen.
  • Berühmte Niedersachsen : Gerhard Schröder, Diane Kruger, Lena Meyer-Landrut, Sigmar Gabriel, Christian Wulff, Otto Waalkes, Mousse T., Klaus Meine
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