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„Als wäre er mein Schutzengel“

Meine gute Nachricht 2015 - Teil 6 „Als wäre er mein Schutzengel“

Was ist die beste Nachricht des Jahres? Da hat sicher jeder seine eigene Meinung. Sechs Leser erzählen ihre persönliche Geschichte: Zum Abschluss bedankt sich Monika Bösmann aus Lüneburg bei einem bemerkenswerten Taxifahrer.

       

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„Trinkgeld wollte er nicht“: Monika Bösmann denkt täglich an den Helfer aus dem Irak.

Quelle: Hans-Jürgen Wege

Lüneburg. Der Satz ist zu meinem Lebensmotto geworden: „Wenn Sie es gar nicht erst versuchen, werden Sie nie erfahren, ob Sie es nicht doch geschafft hätten.“ Das habe ich an einem turbulenten Tag am Flughafen Hannover gelernt. An einem Tag mit vielen kleinen Katastrophen und einem glücklichen Ende. Ich verdanke diesen Satz einem Taxifahrer, von dem ich nicht einmal den Namen weiß – obwohl er ein paar Stunden lang wie ein Schutzengel für mich da war.

Bei unserer Reise hatte es von Anfang an Probleme gegeben. Eigentlich hatten wir im April fliegen wollen. Ich hatte schon immer den Traum gehabt, einmal im Leben Istanbul zu sehen. Doch dann bekam ich eine Endoprothese im Knie; wir mussten den Flug stornieren. Im September haben wir ihn dann nachgeholt. Mein erster Urlaub mit Rollator, im Alter von 72 Jahren.

Ich war überglücklich, als wir in Lüneburg aufbrachen und schließlich am Flughafen in Langenhagen ankamen. Das änderte sich jäh beim Einchecken. Zu meinem Entsetzen hatte ich den Personalausweis nicht eingesteckt. Ich stand ohne Reisedokument da. Die Frau am Schalter riet mir, nach Langenhagen zu fahren, ins Bürgeramt, um ein Ersatzdokument zu beschaffen. Also checkte mein Mann ein, ich nahm ein Taxi. Um 9.20 Uhr ging die Fahrt los. Um 11 Uhr sollte der Flieger starten.

Muss ich erwähnen, dass wir in einen Stau gerieten? Muss ich erwähnen, dass wir eine rote Ampel nach der anderen hatten? Jedenfalls erzählte ich dem Fahrer von meinem Problem. Ich bat ihn, umzukehren. Seine Reaktion: „Wenn Sie jetzt umkehren, werden Sie nie erfahren, ob Sie es nicht doch geschafft hätten.“ Also fuhren wir weiter. Er half mir mit meinem Rollator noch die Stufen zum Rathaus hoch, dann ging er.

Im Bürgeramt stellte sich heraus, dass ich ein Passbild brauchte. Einen Automaten gab es dort nicht, ich musste zum Fotografen. In meiner Verzweiflung konnte ich mir den Weg kaum merken, den die Dame mir beschrieb. Und als ich gehen will, steht plötzlich neben mir – mein Taxifahrer! Er hilft mir die Stufen hinunter, und schon ist er um die nächste Ecke verschwunden, ohne viel zu reden. Ich gehe auf gut Glück hinterher, komme an einen großen Platz – und was sehe ich da? Auf der anderen Seite des Platzes wedelt ein Mann schon wild mit den Armen. Mein Taxifahrer, am Eingang eines Einkaufszentrums. Er hatte den Fotografen gefunden, schob mich in den Laden und war wieder weg.

Im Geschäft dann die nächste Enttäuschung: Die Entwicklung des Fotos würde 15 Minuten dauern. Mir war klar, dass ich den Flieger jetzt endgültig nicht mehr erreichen würde. Da fasste mich jemand am Arm: „Fertig? Sie gehen vor zum Rathaus – ich bringe das Bild nach!“ Mein Taxifahrer war wieder da.

Im Bürgeramt ging es weiter: Ein nötiges Fax aus Lüneburg war noch nicht da. Sollte jetzt alles umsonst gewesen sein? Dann kam es endlich, doch der Computer verweigerte das Einscannen, und erst der dritten Mitarbeiterin gelang es, mir einen Ersatzpass auszustellen. Kaum hatte ich ihn in der Hand, ging die Tür auf. Herein kam – mein Taxifahrer.

Im Affenzahn fuhr er mich zum Flughafen, um 10.50 Uhr kamen wir an. Ich zahlte, am liebsten wäre ich ihm vor Dankbarkeit um den Hals gefallen – doch mein Trinkgeld wollte er nicht: „Das war nicht ich, das war mein Herz.“ Zum Reden blieb jetzt keine Zeit mehr. Ich drückte ihm das Geld in die Hand, und als ich hektisch nach dem richtigen Schalter suchte, war er wieder an meiner Seite und brachte mich zum Gate.

Er war überhaupt immer da. Immer wenn ich ihn brauchte, tauchte er an diesem Tag wie aus dem Nichts auf. Als wäre er mein Schutzengel. Als letzte Passagierin bestieg ich das Flugzeug. Kaum saß ich, hoben wir auch schon ab.
Dass mein Traum von Istanbul doch noch wahr wurde, verdanke ich diesem außergewöhnlichen Menschen. Ich denke jeden Tag an ihn. Ich weiß nur, dass er Kurde aus dem Irak ist.

Aufgezeichnet von Simon Benne     

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