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Der Norden So heikel wird die "Ovation of the Seas"-Überführung
Nachrichten Der Norden So heikel wird die "Ovation of the Seas"-Überführung
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00:16 07.03.2016
Von Karl Doeleke
Die „Ovation of the Seas“ hat in der Dockschleuse der Meyer-Werft nur 1,20 Meter Spielraum. Quelle: Carmen Jaspersen
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Papenburg

Wird es Donnerstag, Freitag oder doch erst Sonnabend? Wolfgang Thos weiß es noch nicht. Wie immer in der Seefahrt hängt vieles vom Wetter und dem Mond ab. Schon eine Woche im Voraus studiert der Kapitän der Meyer-Werft in Papenburg täglich die meteorologischen Daten. Was macht der Wind? Wann drückt die Springtide ausreichend Wasser in die Ems? Wann ist der beste Zeitpunkt, die "Ovation of the Seas" von Papenburg über den schmalen Fluss in das offene Meer zu bringen?

Zweimal im Jahr, immer dann, wenn die Meyer-Werft das nächste Kreuzfahrtschiff in die Nordsee überführt, gibt es zwischen Papenburg und Emden ein besonderes Spektakel zu beobachten. Im Schneckentempo schiebt sich ein stählerner Riese rückwärts an Deichen, unbekümmerten Schafen und Zehntausenden Zuschauern auf Campingstühlen vorbei. Umweltschützer stört dagegen, dass dafür die Ems aufgestaut werden muss, was das empfindliche Ökosystem des stark verschlickten Flusses jedes mal aufs Neue durcheinanderwirbelt.

Das neue Kreuzfahrtschiff der Meyer "Ovation of the Seas" bietet Platz für 4188 Passagiere, Grund genug vor Fertigstellung mal einen Rundgang durch den Luxusliner zu machen.

Die Überführung ist auch deshalb ein besonderes Schauspiel, weil sie so heikel ist: Kleiner Fluss, großes Schiff - die Fahrrinne der aufgestauten Ems ist 8,50 Meter Tief. Die "Ovation of the Seas" hat einen Überführungstiefgang von bis zu 8,20 Meter.  An den engsten Stellen passt das mehr als 40 Meter breite Schiff gerade so in die Fahrrinne. Die Ems gehöre schließlich nicht zu den größten Strömen Europas, hat die FAZ vor Jahren einmal bemerkt. Und mehrere Nadelöhre muss die "Ovation" überwinden: die Dockschleuse der Werft in Papenburg, zwei Brücken bei Weener und Leer und das Sperrwerk bei Gandersum.

Wolfgang Thos nennt die Stellen "Gebiete mit etwas anderen Herausforderungen". Er soll mit seiner achtköpfigen Mannschaft von der Lotsenbrüderschaft Emden dafür sorgen, dass es auch dieses mal wieder glatt geht. Der freundliche Mann hat während der 40 Kilometer langen Überfahrt das Kommando auf dem 348 Meter langen Kreuzfahrtschiff. Seit mehr als 20 Jahren ist Thos schon dabei, hat an die 50 Schiffe für die Meyer-Werft überführt, davon 30 der riesigen Luxuskreuzer. Seit 2010 ist er als Werftkapitän dafür verantwortlich, "die Gesamtsituation im Auge zu behalten". Die "Disney Dream" war damals das erste Kreuzfahrtschiff, das er als Chef über die Ems bugsiert hat.

Die „Ovation 
of the Seas“

Länge über alles: 347,75 Meter
Breite auf Spanten: 41,4 Meter
Tiefgang: 8,50 Meter
Überführungstiefgang: 8,20 Meter
Passagiere: 4180
Anzahl Passagierkabinen: 2090
Besatzung: 1550
Zahl der Restaurants: 18
Zahl der Bars: 12
Maschinenleistung: 67 000 kW
Antriebsleistung: 41 000 kW
Aufgebrachte Farbe: 300 Tonnen
Verlegte Kabel: 2200 Kilometer
Verlegte Rohrleitungen: 400 Kilometer
Flagge: Bahamas     

Eigentlich lotst Thos, 52 Jahre alt, in Papenburg geboren, seit 30 Jahren Schiffe durch die Häfen von Leer, Papenburg und Emden, auch der nördlichste Abschnitt der Ems gehört zu seinem Revier. Aber drei Monate im Jahr kümmert er sich um die Überführung der immer größer, im breiter, immer höher werdenden Luxuskreuzer. "Oh ja!", sagt Thos auf der mit Monitoren, Steuerknüppeln und Schaltern vollgestopften Kommandobrücke der "Ovation of the Seas", und die Augen blitzen. "Das ist sicherlich ein Schiff, dass man nicht jeden Tag an die Hand bekommt." Thos ist jetzt oft hier. Ein Arbeiter im Blaumann verlegt noch schnell den Teppich und grüßt den Kapitän: "Hallo, wie geht's?", fragt der Mann. "Du, ich bin zufrieden", sagt Thos. Er hat sich auch dieses mal wieder so akribisch vorbereitet, als wäre es seine erste Überführung.

Wenn dann die Rahmenbedingungen stimmen, werden an die 40 Leute auf der Brücke sein. Menschen vom Landesamt für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz, Polizeibeamte und Beamte des Wasser- und Schifffahrtsamtes werden an Bord sein und natürlich Thos mit seiner Truppe von der Lotsenbrüderschaft. Gleich zu Beginn müssen sie das engste der Nadelöhre überwinden: In der Dockschleuse zwischen Werft und Ems hat die "Ovation" gerade einmal 1,20 Meter Platz.

Das kann man viel finden, doch Thos sagt: "Die Passage ist relativ eng". Die Kommandobrücke befindet sich fast 30 Meter über dem Wasser. "Schauen Sie da mal runter." Mann muss Thos dann recht geben, dass von so weit oben alles doch sehr eng wirkt. Er wird das Hunderte Meter lange Schiff mit 0,2 bis 0,3 Knoten durch die Schleuse steuern - "das ist eine lange Zeit in einem relativ engen Bauwerk." Das Schiff bewegt sich mit 30 Zentimeter pro Sekunde. "Da haben sie relativ wenig Zeit zu reagieren."

Zumal, wenn der Wind dazu kommt. "Die Ovation hat eine Segelfläche von 15.000 Quadratmetern", rechnet der Kapitän vor, das ist etwa das Dreifache der "Gorch Fock", das Segelschulschiff der Marine. "Der Windeinfluss ist schon sehr gravierend."

Ohne Wind, mit Wind, böiger Wind - das alles haben sie im Simulator im niederländischen Wageningen durchgespielt, die Sog- und Wankeffekte auch, oder wenn es ein technisches Problem gibt. Gerade erst war die Crew für eine ganze Woche dort. Hat neun Stunden am Tag alles simuliert, viele Daten mitgebracht, die im Bordcomputer der "Ovation of the Seas" gespeichert sind. Hat die "Ovation" zweimal virtuell über die Ems gebracht. Dazu hat die Mannschaft die genauesten elektronischen Seekarten zur Verfügung und ein Navigationssystem, dass das Schiff auf 10 Zentimeter genau in der Ems orten kann.

"Trotzdem: Das ist nur Technik", sagt Thos und meint damit: Am Ende kann er sich nur auf das verlassen, was er und seine Leute sehen. Darum stehen zwei Offiziere unten an der Reling und haben die Wasserlinie im Auge. "Die kann ich von hier oben nicht sehen", sagt Thos. Zwei Mann fahren die Motoren des Schiffes und einer "souffliert", wie Thos das nennt: Er hat immer die vielen Monitore und Instrumente im Auge und liest die Daten laut ab. Außerdem hält er den Funkkontakt zu den beiden Schleppern, die die "Ovation" am Haken haben. 

Das findet in der sogenannten Backbordnock statt. Die Nock ist die über die Schiffsbreite verlängerte Kommandobrücke, wo Kapitän und Lotse jeweils die gesamte Flanke des Schiffs im Auge haben. Hier hat Thos eigens für die Überführung seinen Kommandostand aufgebaut. In der Steuerbordnock steht eine Kamera, die das Geschehen auf der anderen Seite überträgt.

Das neue Kreuzfahrtschiff "Ovation of the Seas" der Meyer Werft hat sein Baudock verlassen.

Und warum fährt er rückwärts? Es gibt viele, sehr komplizierte, nautische Gründe. Es schont aber auch den Nacken. So hat der Kapitän fast die gesamte Länge des Schiffes immer vor sich. Würde Bug voraus fahren, müsste sich Thos ständig umdrehen und schauen, was mehrere Hundert Meter hinter ihm am Heck los ist.

Rückwärts geht es dann auch durch die Eisenbahnbrücke bei Weener. Die Friesenbrücke ist im vergangenen Dezember sehr berühmt geworden, weil ein Binnenschiffer sie quasi zerstört hat, als er die Klappbrücke mit voller Wucht gerammt hat. Auf die Überführung hat das keinen Einfluss, aber Thos sagt: "Ich will da jetzt nicht noch einen draufsetzen."

Immerhin zwei Meter Platz hat die "Ovation" hier zwischen den Brückenpfeilern. Die Jann-Berghaus-Brücke bei Leer ist dann schon fast kein Problem mehr: 5 bis 7 Meter Luft hat das Schiff hier. "Das ist schon deutlich mehr Platz", findet Thos. Hinter dem Sperrwerk bei Gandersum ist dann nach 32 Kilometern etwa das Gröbste geschafft. Etwa acht bis neun Stunden war die Ovation dann unterwegs. "Dann wird es richtig komfortabel", findet Thos. Auf einer Breite von immerhin 150 Meter kann das Schiff dann fahren, ohne Gefahr, auf Grund zu laufen. Im Hafen von Emden dreht Kapitän Thos dann sogar das Schiff und fährt das letzte Stück bis ins niederländische Eemshaven sogar im Vorwärtsgang.

Die Aussicht auf die schwierige Überfahrt macht den 52-Jährigen nicht besonders nervös. Alles eine Frage der Konzentration, sagt er, und die über die vielen Stunden aufrecht zu halten sei auch anstrengend. "Wenn man die Konzentration fallen lässt, dann funktioniert das nicht." Aber schlaflose Nächte hat er deshalb nicht: "Wir sind gut aufgestellt, haben ein gutes Team." Sein Tipp: Freitag um 15 Uhr geht's los. 

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