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Der Norden Das passiert, wenn sich Polizisten und Häftlinge schreiben
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00:15 09.06.2017
Der Austausch mit vertrauten Menschen ist ein Grundbedürfnis: Der Modellversuch mit Häftlingen hat Polizeistudentin Valerie (kl. Bild) die Augen für kleine Selbstverständlichkeiten geöffnet. Fotos: dpa, George Quelle: Arne Dedert
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Wolfenbüttel

Nach einem Urteil erfahren die Beamten nur selten, was mit einem Straftäter passiert, wie es ihm in der Haft ergeht; und viele wollen es vielleicht auch nicht wissen. Zehn Polizeistudenten aus Niedersachsen haben sich jetzt für einen anderen Weg entschieden und in einem Modellversuch mit der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wolfenbüttel den Kontakt zu Straftätern gesucht: Drei Monate lang tauschten sie in ihrer Freizeit E-Mails mit Häftlingen aus.

„Straftäter ist auch ein Mensch“

Die 23 Jahre alte Valerie, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, dachte nicht lange nach, als sie auf der Internetplattform der Oldenburger Polizeiakademie von dem Aufruf zu einer elektronischen Brieffreundschaft mit Häftlingen erfuhr. Ihr war sofort klar: Sie will mitmachen. „Als Polizistin lerne ich Straftäter ja immer in einer Konfliktsituation kennen, die zum Nachteil der Beschuldigten ist“, sagt die junge Frau. „Ich möchte aber manchmal auch wissen, was hinter einer Straftat steckt. Auch ein Straftäter ist ja ein Mensch. Ein Mensch, der einen Fehler gemacht hat und auf die falsche Bahn geraten ist, aber trotzdem Bedürfnisse hat.“

Eines dieser Bedürfnisse, hat Valerie gelernt, ist der Austausch mit anderen. „Für uns in Freiheit ist das ganz selbstverständlich“, sagt sie. „Für Inhaftierte ist es das überhaupt nicht. Sie können sich ja nicht mit vertrauten Menschen austauschen und von ihren Gedanken und Erlebnissen erzählen.“

Die Kommunikation zwischen den Brieffreunden in Freiheit und denen hinter Gittern war nicht einfach. Umgesetzt werden konnte das Projekt nur, weil die JVA Wolfenbüttel mit der Polizeiakademie kooperiert und einen Sicherheitsschlüssel für den E-Mail-Austausch entwickelt hat. Denn Häftlinge in deutschen Gefängnissen dürfen das Internet in der Regel nicht benutzen - ausgenommen sind bestimmte Lernplattformen.

Warum ihr besonderer Brieffreund im Gefängnis sitzt, hat Valerie nie gefragt. Manchmal, meint sie, sei es besser, nicht alles zu wissen. „Ich wollte nicht, dass unsere Kommunikation darauf aufbaut, was er angestellt hat. Und was wäre gewesen, hätte er eine Frau vergewaltigt und umgebracht? Hätte ich ihm dann noch so frei begegnen können?“, fragt sie.

Was ihr Brieffreund allerdings verraten hat: Er sei aus Italien nach Deutschland gekommen, arbeite in der Spülküche der JVA, mache Karate und sei Mechaniker. Dass der Mann jedes Mal, bevor er bei einer neuen E-Mail auf „senden“ klickte, zu einem Wärter ging und ihn bat, sprachliche Fehler zu korrigieren, hat die Polizeistudentin gerührt.

Schreiben verändert den Alltag

Entwickelt haben das Projekt zwei ehemalige Kriminologie-Studenten, Tim Krenzel und Peter Kalmbach, als Teil ihrer Abschlussarbeit. Mittlerweile ist der Austausch wissenschaftlich ausgewertet, und der dreimonatige Testlauf hat ihre Hoffnungen bestätigt. „Die Onlinebegleitung war von einem respektvollen Umgang geprägt“, resümieren sie. Interventionen seien nicht notwendig gewesen, es habe auch keine Verstöße gegen Belange der Sicherheit gegeben.

Die beiden Kriminologen haben auch die Inhaftierten befragt, wie der E-Mail-Verkehr mit der Welt da draußen ihren Alltag verändert habe. „Im Knast fühlt man sich nutzlos. Mir gibt es Sinn, mit jemandem zu schreiben, der sich für mich interessiert“, hat einer der Teilnehmer geantwortet. Ein anderer Häftling sagte: „Ich bin glücklich, wenn ich den PC hochfahre, und da ist eine E-Mail.“

„Die Kommunikation mit einer Person der Außenwelt hat ihm gutgetan, das habe ich gemerkt“, sagt auch Polizeistudentin Valerie über ihren Brieffreund. „Einmal hat er sogar geschrieben, dass er es gut und wichtig findet, dass es die Polizei gibt. Es ist schade, dass dies ein befristetes Projekt war. Ich bin sicher, so ein Austausch würde nicht nur vielen Häftlingen guttun, sondern auch vielen Polizeistudenten. Weil sie die Straftäter mit anderen Augen zu betrachten lernen.“

Internet hinter Gittern ist ein Tabu

Häftlinge in deutschen Gefängnissen dürfen in der Regel kein Internet nutzen. Als zu groß gelten die Gefahren des Missbrauchs. Allerdings heißt es in den sogenannten Angleichungs- und Integrationsgrundsätzen des Strafvollzugsgesetzes auch, dass sich das Leben der Gefangenen so weit wie möglich dem Leben in Freiheit angleichen soll. Niedersachsen betreibt im Verbund mit elf Bundesländern und Österreich über das Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft (IBI) die sogenannte elis-Lernplattform, kurz für eLearning im Strafvollzug. An diese besonders gesicherte Internet-Plattform sind alle niedersächsischen Justizvollzugseinrichtungen mit insgesamt 384 Computern angeschlossen. Dort können Häftlinge Lernprogramme nutzen, zudem kann das Justizministerium in Hannover einzelne Internetseiten darüber freischalten. cg

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