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"Vollgas und durch"

Motorsägekurs für Frauen in der Heide "Vollgas und durch"

Bäume fällen, Kleinholz machen: In der Heide bleiben Frauen bei einem Motorsägekurs lieber unter sich, eine Zollbeamtin ist dabei, eine Tierärztin, mehrere Büroangestellte. Fast alle sind schmal gebaut, alle acht wollen den Kettensägenschein machen.

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Nur nicht zögern: Gerd Hoheisel zeigt Patricia Meyer, wie sie die Säge am Baum ansetzen muss.

Quelle: Hagemann

Ehrhorn. Der Kaltstart klappt fast auf Anhieb. Marlen Dierßen hat die Säge zwischen die Knie geklemmt, ruckt kräftig am Anwerfseil und bringt die Maschine zum Knattern. Es ist das erste Mal, dass die Außenhandelskauffrau eine Kettensäge anwirft. Das fünf Kilo schwere Gerät vibriert im festen Griff beider Hände. „Respekt habe ich schon“, sagt die 23-Jährige, während „die Husqvana“ kilometerweit durch den zuvor stillen Winterwald dröhnt. Doch von Scheu keine Spur – auch nicht bei den anderen Teilnehmerinnen, die an ihrem freien Tag die Kälte im Naturschutzgebiet Lüneburger Heide bei Ehrhorn dem warmen Wohnzimmer vorziehen. Eine Zollbeamtin ist dabei, eine Tierärztin, mehrere Büroangestellte. Fast alle sind schmal gebaut, alle acht wollen den Kettensägenschein machen.

Dafür zeigt ihnen Gerd Hoheisel von den Landesforsten die Grundlagen des Baumfällens und Brennholzmachens. Seit 13 Jahren lehrt der Forstwirtschaftsmeister in zweitägigen Kursen Laien den Umgang mit Kettensägen, macht Männer fit für das „Aufräumen“ im Garten und das Holzmachen im Wald. Viele Waldbesitzer lassen sich den „Motorsägenführerschein“ vorlegen, bevor jemand Holz für seinen Ofen nach Vereinbarung selbst schlagen darf. Mehr als 1000 Teilnehmer waren es bislang insgesamt – doch Frauen waren nur vereinzelt dabei. Dann entstand die Idee, einen Kurs eigens für das vermeintlich schwache Geschlecht anzubieten. Die Resonanz war so groß, dass die Landesforsten gleich vier zusätzliche Lehrgänge ins Programm nahmen. Dies ist der erste Termin. „Ich bin gespannt, was im Frauenkurs anders ist“, hat Forstwirt Hoheisel zu Beginn verraten.

Marlen Dierßen, in roter Schnittschutzlatzhose, mit Visier vor dem Helm und Gehörschutz über den Ohren, hat sich bewusst für dieses Angebot entschieden. „Ich hätte den Schein auch über die Feuerwehr machen können“, erzählt die junge Frau. „Aber bei den Männern kommt man sich ein bisschen dusselig vor, hier im Frauenkurs sind alle gleich stark.“ Schon oft hat sie ihrem Vater beim Brennholzmachen geholfen, aber die Arbeitsteilung behagt ihr nicht. „Meine Mutter und ich haben das Holz immer nur geschleppt und auf den Anhänger geladen“, sagt Dierßen. „Das ist auf Dauer langweilig.“

Jetzt sägt sie mit Getöse eine Kerbe in den 25 Zentimeter starken Stamm einer Eiche – auf der Seite, auf die der 18-Meter-Stamm fallen soll. Der anschließende Stechschnitt aus der Gegenrichtung darf nicht zu zögerlich ausfallen. „Vollgas und durch“, rät Lehrer Hoheisel. Offensichtlich hat Marlen Dierßen alles richtig gemacht, denn die Eiche lehnt sich zur freigeräumten Seite und kracht wie in Zeitlupe zwischen den Kronen der umstehenden Buchen und Kiefern zu Boden. Die Eiche musste ihren Nachbarn zuliebe weichen, die nun mehr Licht bekommen.

Katja Wittfoht tippelt schon ungeduldig auf der Stelle, sie will an die Reihe kommen. Die 49-jährige Sozialpädagogin hat ihre 18 Jahre alte Tochter Tjorven dabei – und ihre eigene Säge. Wenn auf ihrem Grundstück Bäume umfielen, erzählt die Mutter, hätten sie bisher immer Freunde um Hilfe gebeten. „Wir wollen da aber nicht mehr abhängig sein.“ An diesem Morgen haben beide schon gelernt, am Boden liegende Stämme in ofengerechte 30-Zentimeter-Stücke zu zerkleinern. Als es ans Baumfällen geht, zögert Tjorven zunächst. Von ihrer Mutter ermuntert stellt sie sich dann aber doch breitbeinig hinter einem markierten Kiefernstamm auf, die heulende Säge am gestreckten Arm. Nach wenigen Minuten fällt der Stamm in die gewünschte Richtung. „Das war leichter als gedacht“, sagt die Abiturientin.

Am Vorabend waren die Frauen mit einem Bildvortrag am Kamin im Wald­erlebnis-Haus Ehrhorn eingestimmt worden. Von Fällhebern, Durchforstungsäxten und weiterem Werkzeug hatte Hoheisel berichtet, vom Benzin-Öl-Gemisch für die Säge, auch von blutigen Schnitten nach Unfällen. „Ich will aber keinen bange machen“, versichert der Forstwirt.

Das seiner Ansicht nach Besondere an diesem Kurs erkennt er schnell: Die Frauen gehen vorsichtiger und ruhiger an die Bäume heran, sind besonders lernwillig und können sich selbstkritischer einschätzen. „Bei Männern kommt oft Konkurrenz auf. Sie zeigen, was für große Sägen sie im Kofferraum haben, preschen allzu forsch los und machen dumme Sprüche wie ,Was soll man mir hier denn noch beibringen?‘.“ Dabei komme es auf die Größe der Säge im Hobbybereich nicht an, meint Hoheisel.

Zum Abschluss lassen sich die Frauen in der Werkstatt erklären, wie sie an der Säge den Luftfilter freipusten und verschmierte Kühlrippen freikratzen können. Marlen Dierßen sieht genau hin, als das Feilen der Sägezähne gezeigt wird. Das will sie zu Hause nun übernehmen. Die Kursteilnehmerinnen sind froh, die Sache nun selbst in die Hand nehmen zu können. „Sonst warte ich, wenn ein Baum auf meine Pferdewiese fällt, oft tagelang auf die Männer“, sagt Erzieherin Undine Binne. „Und am Ende kommen sie doch nicht.“

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  • Berühmte Niedersachsen : Gerhard Schröder, Diane Kruger, Lena Meyer-Landrut, Sigmar Gabriel, Christian Wulff, Otto Waalkes, Mousse T., Klaus Meine
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