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Der Norden Neuenkirchen überzeugt mit Landschaftskunst
Nachrichten Der Norden Neuenkirchen überzeugt mit Landschaftskunst
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02:15 22.04.2016
Von Gabriele Schulte
Bildhauer Hawoli, Bruder von Galeriegründerin Ruth Falazik, war von Anfang an dabei. Sein Ateliergarten auf dem Springhornhof ist frei zugänglich. Quelle: Insa Cathérine Hagemann
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Neuenkirchen

Hawoli kann zu allem eine Geschichte erzählen. Zu den Skulpturen aus Stein, Holz, Stahl und Glas, die in Neuenkirchen und rundum in Wald und Moor stehen und liegen: Zu dem von Stahlseilen gehaltenen „aufgebäumten Stamm“, kopfüber auf einer Wiese. Zum Riesenspiegel im Heideboden, der „Himmel und Erde“ verbindet. Zum „Blauen Haus“ aus Fachwerk auf Stelzen, zwischen Büschen im Nirgendwo. Und der Bildhauer weiß von den verschwundenen Werken, die die wuchernde Natur sich über die Jahrzehnte einverleibt hat. „Vor allem am Anfang war Vieles auf Vergänglichkeit angelegt“, erinnert sich der 80-Jährige, der eigentlich Hans Wolfgang Lingemann heißt. Als Mann der ersten Stunde hat er über 50 Jahre beobachtet, wie sich ein kleines Heidedorf durch den Einzug moderner Kunst auf Dauer veränderte – und Interessierte aus aller Welt anlockt.

Hawolis Schwester Ruth Falazik und ihr Mann Wilm waren Galeristen in Bochum, bevor sie der Luft und Landschaft wegen nach Neuenkirchen bei Soltau zogen. Bekannte hatten ihnen 1965 vom leerstehenden Springhornhof erzählt, dessen Kuhstall sich zur Galerie umbauen ließ. Es gab viel zu tun, doch schon 1966 konnte die erste Ausstellung stattfinden. „Ganz schnell war Neuenkirchen in Kunstkreisen in ganz Deutschland bekannt“, erzählt Hawoli. Erst recht, als im Folgejahr bekannte Bildhauer beim ersten der von den Falaziks organisierten Symposien wochenlang draußen arbeiteten: „Überregionale Zeitungen und Fernsehen kamen, so etwas gab es bis dahin auf dem Lande nicht.“

Die Gemeinde Neuenkirchen im Naturpark in der Lüneburger Heide hat etwas ganz Besonderes zu bieten: Landschaftskunst. 

Auch Jürgen Rymarczyk hat schon die Anfangszeit der Kunst in Neuenkirchen verfolgt, 30 Jahre lang war er dort Gemeindedirektor. Ein bisschen skeptisch geguckt hätten manche Bewohner der CDU-Hochburg schon, als die „komischen Künstler“ kamen. Aber der Bürgermeister, ein Landwirt, habe erkannt, dass die Galerie dem Touristenort Vorteile brachte. Ruth Falazik, die 1973 Witwe wurde, habe zudem ein Talent gehabt, die Bewohner ernstzunehmen und einzubeziehen. Die Feuerwehr durfte etwa an den Hoffesten verdienen; Feuerwehrleute halfen dann, die 18,5 Meter hohe „Stamm“-Skulptur auf einer kostenlos von einem Bauern zur Verfügung gestellten Brache zu vertäuen.

Nach dem Tod der Galeristin 1998 wurde eine Stiftung gegründet. Land, Kreis und Gemeinde hatten die Projekte schon zuvor unterstützt. Um dies zu erleichtern, gibt es seit 1982 den Kunstverein mit zurzeit 250 Mitgliedern. Auch mit Schule und Kita läuft die Zusammenarbeit gut. Gerade haben Siebtklässler mit Künstlern einen durch Biomasse beheizten Sitzplatz am Waldrand gestaltet.

Das „Worpswede der Heide“

Als „Worpswede der Heide“ wurde Neuenkirchen schon früh bezeichnet. „Das wollten wir aber nie sein“, sagt Bildhauer Hawoli, der den ehemaligen Schweinestall des Springhornhofs bewohnt. „Das war immer moderne Kunst, nichts für Touristenbusse.“ Kunstvereinsleiterin Bettina von Dziembowski ergänzt, dass fast alle beteiligten Künstler, darunter Joseph Beuys und Timm Ulrichs, nicht in Neuenkirchen lebten: „Also eher eine Heide-Documenta.“

Mit manchem Kunstwerk mochten sich die Dorfbewohner denn auch nicht gleich anfreunden. „Das Zeug kann doch weg“, sagte anfangs ein Bauer in ein Mikrofon. „Dafür bekam er im Dorf aber richtig Ärger“, erzählt Rymarczyk, der ehemalige Gemeindedirektor. Von einer zunächst umstrittenen Plastikkuh in einem Vorgarten sei ihm dann beim Schützenfest scherzhaft ein Glas Milch angeboten worden. „Da wusste ich, die Kunst war hier angekommen.“ Vandalismus habe es so gut wie nicht gegeben. Das Stahl-„Windspiel“ von Hein Sinken am Rathaus gefiel den Bewohnern sogar so gut, dass sie 1974 mit Spenden den Kauf finanzierten.

Ein Steinpfad als „Skaterbahn“

Ebenfalls von einem Verein betrieben wird der Schäferhof am Ort, von dem aus Hunderte Schnucken auf Heideflächen getrieben werden. Dort hinterließ die Künstlerin Gabriela Albergaria im vergangenen Jahr den Steinpfad „D 28“, der zwischen Kiefern endet. „Er verweist auf die Dünen und die frühere Bodenbearbeitung“, erzählt Hawoli. Schäfer Matthias Schüler sagt über den welligen Weg: „Mit der Skaterbahn kann ich nichts anfangen.“ Die Kunst-Landschaft finde er ansonsten gut: Viele Besucher erfreuten sich nach ihrem Rundgang auch an seiner Herde.    

Kostenlose Tour

Die Landschaftskunst in und um Neuenkirchen bei Soltau kann ganzjährig selbstständig erkundet werden, am besten anhand des Lageplans, der von der Internetseite springhornhof.de herunterzuladen ist. Dort finden sich auch die Termine für die kostenlosen zweistündigen Führungen, mal zu Fuß, mal mit dem Fahrrad, an jedem ersten Sonntag von Mai bis Oktober. Sie beginnen wieder am 1. Mai um 11 Uhr mit einem Kunstspaziergang ums Dorf mit Bildhauer Hawoli. Die Ausstellungen im Gebäude sind dienstags bis sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

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