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Der Norden Osterode - wer will hier noch wohnen?
Nachrichten Der Norden Osterode - wer will hier noch wohnen?
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00:20 05.06.2015
Der Landkreis Osterode hat die negativste Einwohnerprognose in ganz Niedersachsen. Quelle: Rainer Surrey
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Osterode

Wie viel das alles gekostet hat? Guido und Carsten Kröger lächeln und schweigen. Eine Millionensumme, soviel bestätigen sie dann doch, haben sie in ihr Modehaus investiert, um fünf alte Häuschen zu einer einzigen Verkaufsfläche zusammenzubauen.

Osterode wird nach statistischen Berechnungen der N-Bank in den kommenden Jahren mehr Einwohner als jeder andere Ort in Niedersachsen verlieren. Trotz dieser Prognose sind nicht alle Einwohner und Geschäftsleute pessimistisch gestimmt - eine Ortsbegehung der HAZ.

3500 Quadratmeter mit hellem Steinboden und Glasdach sind entstanden. Alles ist nagelneu, erst im April war Eröffnung in der Einkaufsstraße von Bad Lauterberg im Harz - einer 11 000-Einwohner-Stadt im Kreis Osterode, dem Landkreis mit der miesesten Bevölkerungsprognose in ganz Niedersachsen. Krögers wissen das und haben trotzdem investiert. Und sie sind nicht die einzigen, die auf eine bessere Zukunft für den Sorgenlandkreis setzen.

Dabei sind die offiziellen Zahlen wenig dazu angetan, Mut zu machen. Eine erst vergangene Woche veröffentlichte Studie der landeseigenen N-Bank hat die Prognose für den Südharz noch einmal bestätigt. Bis 2035 werde der Kreis Osterode am Harz von seinen 75 000 Einwohnern rund 31 Prozent verlieren, heißt es in dem Papier. Ringsherum sieht es nicht viel besser aus: Den Kreisen Goslar, Nordheim und Holzminden werden Bevölkerungsrückgänge um ein Viertel vorhergesagt.

Das schlägt sich nicht zuletzt auch in den Wohnungspreisen nieder. Während ein Einfamilienhaus in Osnabrück laut Grundstücksmarktbericht der Landesregierung im Schnitt 301 000 Euro kostet, musste man 2014 in Osterode nur 83 000 Euro zahlen - 7000 Euro weniger als im Vorjahr.

Schockieren können diese Zahlen im Kreis Osterode kaum noch jemanden. „Es ist nichts Neues, dass wir an Bevölkerungsschwund leiden“, sagt Bad Lauterbergs Bürgermeister Thomas Gans. Das ginge vielen Landkreisen so. Es klingt nicht trotzig oder resigniert, wenn er das sagt, es ist seine Normalität. Und er schiebt noch einen Satz nach: „Wir hoffen, dass sich die Prognosen so nicht bewahrheiten.“ Und er kann seine Hoffnung begründen.

Denn der Landkreis ist wirtschaftlich kein Schlusslicht. Das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner liegt mit 32 000 Euro in etwa auf Höhe des niedersächsischen Schnitts (31 500 Euro). Im Kreis Osterode gibt es exportstarke Firmen wie Kodak, den Schraubenhersteller Amax oder den Gefriertrocknungsanlagenbauer Christ, der 60 Prozent des europäischen Marktes abdeckt.

Auch dessen Schwesterfirma Sigma, die Laborzentrifugen produziert, sitzt in Osterode. Und das soll so bleiben. „Wir planen nicht, die Produktion zu verlegen“, sagt Geschäftsführer Michael Sander. Das Klima und die Bedingungen in Osterode seien bestens. Ein Problem allerdings macht Sander zunehmend zu schaffen: der Fachkräftemangel.

„Unser Kernproblem ist, dass die jungen Leute uns verlassen“, sagt Bürgermeister Gans. Meistens würden sie in die Ballungszentren ziehen, das Leben in der Großstadt locke viele an. Vor Jahren hat der Landkreis deshalb begonnen, um die Schüler zu kämpfen, mit intensiverer Betreuung und Beratung sowie Kooperationen mit Firmen.

„Es ist wichtig, sich für die Jugendlichen, die im Landkreis leben, einzusetzen, gerade weil die Zahl der Jugendlichen rückläufig ist“, sagt Julia Koblitz von der Koordinierungsstelle Bildung-Beruf beim Landkreis. Doch das schlechte Image des Landkreises hat sich in den Köpfen der Jugendlichen schon festgesetzt. Eine Studie des Landkreises im letzten Sommer habe ergeben, dass die Jugendlichen ihre Jobchancen im Kreis schlechter einschätzen, als sie tatsächlich seien. „Es ist nicht so, dass es für sie hier keine Möglichkeiten gibt. Im Gegenteil, es gibt viele“, so Koblitz.

Wenn Osterode nächstes Jahr nicht mehr den letzten Platz in den Statistiken einnehmen wird, hat das einen anderen Grund: Zur Kommunalwahl im September 2016 fusioniert der Kreis mit dem deutlich bevölkerungsreicheren Nachbarkreis Göttingen - und dessen Daten sehen deutlich besser aus.

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