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Wie 200.000 Hähnchen einen Ort verändern

Protest gegen Schlachthof Wie 200.000 Hähnchen einen Ort verändern

Seit fünf Jahren ist der Rothkötter-Geflügelschlachthof in Wietze im Landkreis Celle in Betrieb. Jeden Montag um 18.00 Uhr wird gegen diesen von Anwohnern protestiert. Was ist aus den Hoffnungen und Ängsten in Wietze geworden?

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Eingezäunt: Der Betreiber meidet die Öffentlichkeit, im „Geflügel-Shop“ können Kunden einkaufen

Quelle: Franson

Wietze. Montag für Montag treffen sie sich an der Bundesstraße 214 zur Mahnwache, seit mehr als fünf Jahren schon. „Schlachthof? Mastställe? Nein danke!“ steht auf dem Transparent, das rund ein Dutzend Unermüdliche der Bürgerinitiative (BI) Wietze um 18 Uhr für eine Stunde am Verkehrskreisel am Rand des 8000-Einwohner-Ortes im Kreis Celle ausrollen.

Den Geflügelschlachthof von Franz-Josef Rothkötter, gegen den die BI sich wendet, konnte sie nicht verhindern – er steht direkt neben dem Kreisel. Seit Anfang September 2011 werden bei „Celler Land Frischgeflügel“ täglich rund 200 000 Hähnchen geschlachtet.

Moderne Festung

Der Schlachthof wirkt wie eine moderne Festung: Hochsicherheitszaun, Videokameras, nachts gleißendes Flutlicht. Der Betreiber scheut die Öffentlichkeit, Besuchsanfragen der Presse werden stets abgelehnt. Im „Geflügel-Shop“ am Rand des Geländes allerdings dürfen Kunden aus nah und fern einkaufen – und sie tun es in großer Zahl. Schenkel, Schnitzel, Nuggets und Hähnchen-Kebab gibt es dort – beliebt nicht zuletzt bei Muslimen, die Schweinefleisch meiden.

Wie produziert wird, zeigt Rothkötter in einem Imagefilm. Firmeneigene Lastwagen transportieren je Tausende in Container gepferchte, gerade dem Kükenalter entwachsene Hähnchen über Hunderte von Kilometern nach Wietze. Dort werden die Tiere mit Gas betäubt, bevor sie vollautomatisch gebrüht und gerupft werden – samt „ernten“ der Innereien ein Vorgang von 20 Minuten. Die allermeisten Tiere werden dann, ebenfalls weitgehend per Maschine, in Einzelteile zerlegt und zum Teil küchenfertig mariniert. Auch ein Fast-Food-Konzern soll unter den Abnehmern sein. Hähnchenreste, berichtet die BI, werden nach Afrika exportiert, was dort die bäuerliche Landwirtschaft gefährde.

Kein Kommentar

„Wir haben kein Interesse, über Wietze zu reden“, sagt Geschäftsführer Wilfried Fleming am Stammsitz der Rothkötter-Unternehmensgruppe im Emsland. Nur so viel: „Das läuft zufriedenstellend.“ Im abgelaufenen Geschäftsjahr ist der Firmenumsatz erstmals über die Marke von einer Milliarde Euro geklettert. Rothkötter beschäftigt insgesamt rund 2500 Mitarbeiter. In Wietze sollen Schlachter aus Rumänien und Bulgarien darunter sein, mit den in der Branche üblichen befristeten Verträgen, dazu Handwerker, Fahrer, Verpacker und Verwaltungsangestellte aus der Region mit festen Stellen.

„Unsere damaligen Erwartungen – seriöses Unternehmen, Einhaltung aller Vorschriften, neue Arbeitsplätze gerade für geringer Qualifizierte, zusätzliche Steuereinnahmen – wurden noch übertroffen“, sagt Landrat Klaus Wiswe in Celle. Von 2010 bis 2016 verzeichnete Wietze demnach einen Anstieg an sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten von 1200 auf 2200. „Der mit Abstand größte Teil entfällt auf die Firma Rothkötter“, meint der Landrat. Der Landkreis und das Land hatten die Ansiedlung erheblich gefördert, was den Landesrechnungshof auf den Plan rief.

So wird bezahlt

Rothkötter zahlt leicht über Mindestlohn. Zwei Zeitarbeitsfirmen sind in Wietze entstanden. Leiharbeiter werden in Wohnungen untergebracht, die bisher nie beanstandet wurden. Nicht erfüllt hat sich die Befürchtung vieler Wietzer, Hunderte Lastwagen am Tag würden den Verkehr durch den Ort ins Unerträgliche steigern. Diese Angst hatte bei einer Bürgerversammlung im Vordergrund gestanden, bei der sich die BI Wietze 2009 gründete. Die Kritiker – auf dem Podium damals auch der heutige Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) – befürchteten die „Emslandisierung“: Ein „Hähnchen-Highway“ mit Hunderten Großmastanlagen drohe.
Dazu ist es nicht gekommen, was die Bürgerinitiative für sich als Erfolg verbucht. „Wir haben direkt und indirekt bestimmt 400 Anlagen verhindern können“, meint Vorsitzende Uschi Helmers. Unter anderem zog der Landkreis Celle die Baugenehmigung für einen Maststall bei Wienhausen zurück, nachdem das Verwaltungsgericht Lüneburg Mängel gerügt hatte – geklagt hatte der Naturschutzbund Nabu. Die BI Wietze mit noch rund 600 von einst gut 1000 Mitgliedern hat die öffentliche Meinung erheblich beeinflusst. So entschied sich im November 2013 die Mehrheit der Bewohner von Großenkneten (Kreis Oldenburg) gegen die Ansiedlung eines Hähnchenschlachthofs. Daraufhin verzichtete die Firma auf das Vorhaben. In der Region um Celle und Hannover gaben etliche Landwirte mit Blick auf den Gegenwind Stallbauüberlegungen schnell auf.

Da der Bau einer Mastanlage für 40 000 Hähnchen mit 500 000 Euro veranschlagt wird, hätte sich mancher sonst womöglich riskant verschuldet. Die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (ABL) warnte mehrfach vor einem Überangebot an Geflügelfleisch. „Im Moment deutet sich gerade die nächste Hähnchenblase an“, meint Sprecher Eckhard Niemann.

Konkurrenten wie Rothkötter und Wesjohann (Wiesenhof) stehen sich im Notfall durchaus zur Seite. Wie ein Insider berichtet, wurden nach dem Großbrand bei Wiesenhof in Lohne am Ostermontag dieses Jahres etliche Container mit Hähnchen nach Wietze gebracht und dort aushilfsweise geschlachtet.

Unter anderem der damalige Agrar-Staatssekretär Friedrich-Otto Ripke hatte sich dafür eingesetzt, den Schlachthof im vieharmen Kreis Celle anzusiedeln. „Einen Bauboom von Mastställen hat es in der Region nicht gegeben“, stellt er heute fest. Im Gegenteil: Nur drei Hähnchenmastanlagen entstanden im Landkreis, nach 2011 keine einzige mehr. Die Bürgerinitiative kämpft darum, dass das auch so bleibt. Schließlich galt Rothkötters Genehmigung in Wietze für die doppelte Hähnchenzahl.

Unterdessen wirbt die Gruppe kritischer Wietzer für ein Umdenken der Verbraucher, die beim Wunsch nach Billigfleisch die Qualen der Tiere und die Umweltschäden durch industrielle Landwirtschaft nicht im Blick hätten. Manche in der BI sind Veganer geworden, andere essen nur noch ein wenig Biofleisch oder Käse – wie Birgit Weide. Montag für Montag steht die Kauffrau am Verkehrskreisel. Kalter Wind und Regen hielten sie nicht ab, versichert sie: „Den Hühnchen geht es viel schlechter.“

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