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Die Angst der Familie D. nach der Tat

Brandanschlag auf Flüchtlingsunterkunft Die Angst der Familie D. nach der Tat

Es war nachts um 2 Uhr im August 2015, als in das Zimmer ihres Sohnes Alwin ein Molotowcocktail einschlug. Am Mittwoch sagte Margret D. im Prozess um den Brandanschlag von Salzhemmendorf aus - und schilderte die Angst, in der sie und ihre Kinder nun leben.

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Die Angeklagten Dennis L. (v. li.), Sascha D. und Saskia B. im Landgericht in Hannover.

Quelle: Julian Stratenschulte

Hannover. Seit Mittwoch müssen sich vor dem Landgericht Hannover zwei Männer aus dem Kreis Hameln und eine Frau aus Springe für den Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in Salzhemmendorf am 28. August 2015 verantworten. Alle drei Angeklagten räumten am Morgen ihre Beteiligung an der Tat ein, bestritten aber fremdenfeindliche Motive. Zum Teil belasteten Dennis L. (31), Sascha D. (25) und Saskia B. (24) sich gegenseitig. Die Staatsanwaltschaft Hannover wirft ihnen gemeinschaftlich begangenen versuchten Mord sowie schwere Brandstiftung vor. Sie sollen einen Molotowcocktail gebastelt und diesen in das Fenster der Erdgeschosswohnung einer Flüchtlingsunterkunft in Salzhemmendorf geworfen haben. Nur durch Zufall wurde niemand verletzt. Der 11 Jahre alte Alwin, in dessen Zimmer der Brandsatz einschlug, schlief in der Nacht bei seiner Mutter.

Die verheerenden Folgen ihrer Tat bekamen die beiden Männer und die Frau dann durch die Zeugenaussage von Margret D. vor Augen geführt. Auf die Frage des vorsitzenden Richters Wolfgang Rosenbusch, wie es ihr seit der Tat gehe, berichtete die 34-Jährige über eine Dolmetscherin von Schlafstörungen und Panikattacken.

"Seither habe ich große Angst"

"Seither habe ich große Angst", sagte Margret D. "Es ist schwer zu schlafen." Regelmäßig wache sie nachts um 2 Uhr, zur Tatzeit, auf. Dafür reiche, dass draußen ein Auto vorbeifahre. Wenn eines ihrer Kinder sie wecke, weil es aufs Klo muss, dann bekomme sie Atemnot und Herzrasen. So war es auch am 28. August: Alwin wollte nachts aufs Klo gehen und weckte seine Mutter. "Dann ist etwas gegen das Fenster geknallt. Danach hörte ich ein Auto wegfahren." Es war der Molotowcocktail, denn Dennis L. durch die Scheibe in das Zimmer von Alwin geschleudert hat. "Ich war derjenige, der den Molotowcocktail geworfen hat", hatte Dennis L. über seine Verteidiger am Morgen eingeräumt.

Auch ihre drei Kinder haben laut Margret D. seither große Angst, insbesondere die Kleinste, die in Salzhemmendorf in den Kindergarten geht. Sie bete viel, "dass Gott sie vor Feuer und bösen Leuten beschützt". 

Etwa ein halbe Stunde lang beantwortete D. die Fragen des vorsitzenden Richters Rosenbusch zu den Einzelheiten der Tatnacht, nur unterbrochen durch eine kurze Pause, als es der 34-Jährigen zu viel wurde und ihr die Tränen kamen. Auf eine Frage der Verteidigerin von Dennis L. gab es keine Antwort. Tanja Brettschneider fragte Margret D., ob sie L.s Entschuldigung annehme. "Muss ich darauf antworten?" Sie schaut die drei Angeklagten kaum an.

Von dem Landgericht Hannover hat der Prozess um den Brandanschlag von Salzhemmendorf begonnen.

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Am Morgen hatte zunächst Sascha D. von seinem Verteidiger ein Geständnis verlesen lassen, in dem er Dennis L. schwer belastete und sich selbst als Mitläufer der Tat beschrieb. Dem arbeitslosen 25-Jährigen sei es bis heute nicht gelungen, eine Antwort auf die Frage zu bekommen, warum er das getan habe. Er macht unter anderem seinen "übermäßigen Alkoholkonsum" an dem Abend verantwortlich - eine Flasche "Springer Urvater", ein Weinbrand, und sechs bis acht Flaschen Bier habe er zuvor mit Dennis L. getrunken.

"Dennis L. betrachte ich als Triebfeder", sagte D. "Ich habe mich von ihm mitreißen lassen." Der sechs Jahre ältere Mann sei "autoritär", wenn betrunken und dulde keine Widerworte, habe ihn auch schon einmal geschlagen. "Ich habe Angst vor ihm, wenn er betrunken ist." Er selbst werde von seinen Freunden oft als Mitläufer bezeichnet, was schmerzhaft aber zutreffend sei, und fühle sich hin und wieder als Versager. Das Gefühl bekämpfe er, seitdem er 16 Jahre alt war, mit Alkohol. "Unter Alkohol ist mir alles egal." Dann lasse er sich treiben, so auch in der Tatnacht.

Dennis L. der Antreiber des Brandanschlags? So sieht es auch Saskia B., die in der Tatnacht die beiden schwer betrunkenen Männer zum Tatort in der Salzhemmendorfer Hauptstraße fuhr - was sie heute bereue, sie sei aber schon immer durchsetzungsschwach gewesen. Sascha hatte sie an dem Abend gebeten, ihn bei Dennis L. in dessen Garage abzuholen, wo die beiden Männer Alkohol tranken und rechtsextreme Musik hörten.

"Nicht das linke Fenster. Da schläft einer." 

Was dann geschah, schilderten alle drei Angeklagten weitgehend übereinstimmend, zum Teil auch in der Vernehmung durch den Haftrichter unmittelbar nach der Tat: Dennis L. ist in seinen Keller gegangen, hat dort Sägespäne geholt und diese mit Öl aus der Heizung getränkt. Mit einem Trichter füllten die Männer die Späne in eine leere Flasche, Dennis L. kippte Benzin nach. Ein Lappen von Sascha D. sollte als Lunte dienen. "Ich habe bis zum Schluss nicht geglaubt, dass Dennis L. den anzünden würde", sagte Saskia B.

Dann seien sie von Lauenstein ins fünf Kilometer entfernte Salzhemmendorf gefahren. Sie am Steuer, Sascha D. auf dem Beifahrersitz, Dennis L. im Fond mit dem Molotowcocktail zwischen den Füßen. "Dennis L. gab mir Anweisungen: Wo ich parken soll, dass ich das Licht ausschalten soll, dass ich den Motor laufen lassen soll."

In entscheidenden Punkten widersprechen sich die Angeklahten jedoch: Etwa, ob Dennis L. gesagt habe, er wolle "Neger brennen sehen". So schildert es Saskia B. Dennis L. bestreitet das. Er bestreitet auch, dass er habe Menschen töten wollen.

Der 31-Jährige behauptet, er habe bewusst das rechte Fenster ausgewählt. "Ich ging davon aus, dass das kein Schlafzimmer ist", hatte L. im August vor dem Haftrichter gesagt. Sascha D. habe ihm noch gesagt: "Nicht das linke Fenster. Da schläft einer." Saskia B. schildert den Dialog unmittelbar vor der Tat anders: D. habe gesagt: "Nicht das linke Fenster, da ist ein Bad."

Am Ende des ersten Verhandlungstages steht L. damit als Haupttäter da. Auch er führt das Geschehen "auf meine erhebliche Alkoholisierung" zurück. "Ohne Alkohol hätte ich die Tat nicht gekonnt und nicht gewollt." Er selbst wisse nicht mehr, wer die Idee dazu hatte. "Das war nicht geplant." Er habe nichts gegen Ausländer. Man habe sich an dem Abend - immer mehr Menschen aus Syrien sucht in dem Sommer Zuflucht in Deutschland - in der Garage aber Gedanken gemacht, ob es gut ist, "dass so viele Menschen in unser Dorf kommen." Vielleicht sei das der Grund für den Molotowcocktail gewesen. "Das Ausmaß der Tat war mir nicht bewusst."

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