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Weshalb stoppte niemand des Todespfleger?

Prozessbericht Weshalb stoppte niemand des Todespfleger?

Todespfleger Niels Högel hat mindestens 84 zusätzliche Taten begangen – soweit es sich nachweisen lässt. Für ihre Untersuchungen mussten die Ermittler 134 Menschen exhumieren, 800 Rettungsdienst Protokolle lesen und 500 Patienakten prüfen.

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Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. versteckt sein Gesicht hinter einem Aktendeckel.

Quelle: dpa

Oldenburg. Ganz am Schluss, nach einer Stunde Pressekonferenz voller Zahlen und Fakten zu der beispiellosen Mordserie des Krankenpflegers Niels Högel, gehorcht Polizeipräsident Johann Kühme die Sprache nicht mehr. Der oberste Beamte der Oldenburger Ermittler wollte sagen, was er wegen der Taten des mordenden Pflegers von Delmenhorst und Oldenburg empfindet. Das Wort „Entsetzen“ bringt er hervor, das Wort „Erschrecken“, das Wort „unfassbar“. Aber es sind keine vollständigen Sätze mehr.

Kühme muss sich ein, zwei Sekunden lang sammeln. Dann sagt er, er scheue sich, von einem Fall, von Fällen zu sprechen angesichts des Leids, das dahinterstehe. Aber er erzählt auch, dass er und seine Beamten trotzdem professionell mit allem umgehen mussten, mit Exhumierungen und Aktenstudium und fassungslosen Angehörigen. Und damit, dass Menschen gestorben sind, weil andere Menschen Niels Högel gewähren ließen.

Es gab frühe Anhaltspunkte

2005 war der heute 40-jährige Högel, Krankenpfleger, aus Wilhelmshaven stammend, erwischt worden, wie er in der Klinik Delmenhorst einen Patienten auf der Intensivstation mit Medikamenten künstlich in eine lebensbedrohliche Situation versetzt hatte, um ihn anschließend reanimieren zu können und unter den Kollegen als heldenhafter Lebensretter zu gelten. Der Verdacht kam auf, das könnte kein Einzelfall gewesen sein. Sechs Taten waren Högel dann zuzuordnen, wegen derer er auch verurteilt wurde, 2008 und noch einmal 2015.

Es gab Anhaltspunkte, dass noch weitaus mehr dahintersteckte. Polizeipräsident Kühme berief die Sonderkommission „Kardio“, die die Zeit von Högel von 2002 bis 2005 in Delmenhorst und zuvor von 1999 bis 2002 am Krankenhaus Oldenburg durchleuchtete. Niels Högel geisterte derweil als „Todespfleger“ durch die Medien.

Auf der Pressekonferenz am Montag in Oldenburg wird Högels Name nicht mehr nur abgekürzt genannt, wie es sonst üblich ist. Was der Mann getan hat, sprengt sowieso alle Dimensionen. Die Details, die Soko-Leiter Arne Schmidt und die ermittelnde Oldenburger Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann ausbreiten, sind monströs.

84 weitere Menschen hat Niels Högel aus seinem krankhaften Geltungsdrang heraus zu Tode befördert, 36 in Oldenburg, 48 in Delmenhorst, den ersten schon im Februar 2000. Und das sind alles Fälle, die eindeutig ermittelt sind und vermutlich in einem neuen Prozess angeklagt werden. Högel hat mit den Herzmedikamenten Gilurytmal, Sotalex und Cordarex gearbeitet, außerdem mit dem Betäubungsmittel Lidocain und mit Kaliumchlorid. Manche Patienten hat er mehrfach an den Rand des Todes gebracht, um sie dann zurückzuholen, sofern ihm das gelungen ist. Er suchte seine Opfer wahllos aus, Frauen, Männer, Alte, Junge, aussichtslose Fälle und solche mit guten Prognosen.

Viel liegt weiter im Dunkeln

Für ihre Untersuchungen haben die Ermittler 500 Patientenakten überprüft, 800 Rettungsdienstprotokolle gelesen, 332 Verfahren wegen Mordverdachts eingeleitet, 289  medizinische Gutachten in Auftrag gegeben und ausgewertet und 134 Exhumierungen auf 67  Friedhöfen vorgenommen. Zudem wurden die sterblichen Überreste von drei potenziellen Högel-Opfern in der Türkei und Polen untersucht, aber ohne Ergebnis. Teilweise mussten die Toxikologen der Medizinischen Hochschule Hannover wissenschaftliches Neuland betreten, um bestimmte Medikamente noch nachweisen zu können.

Wegen der Mordermittlungen gegen den früheren Krankenpfleger aus Niedersachsen hat die Polizei mit den Ausgrabungen der ersten Leichen in Ganderkesee begonnen.

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Kriminaloberrat Schmidt sagt, das sei das „Hellfeld“. Im Dunkel liegen mögliche weitere Taten des Krankenpflegers. In 41 Sterbefällen fehlen noch die toxikologischen Auswertungen. Mehr als 130 Patienten, die zu den möglichen Opfern zählten, sind eingeäschert worden und können nicht mehr untersucht werden. Schmidt will nicht über Zahlen spekulieren, aber einmal rutscht ihm heraus, es könnten noch mal so viele Fälle sein wie bekannt, heißt: weitere etwa 90.
Niels Högel sitzt, rechtskräftig verurteilt, in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg. Seine Verhöre durch die Soko – 30 Stunden Videomaterial, 900 Seiten Abschrift – fielen mal so und mal so aus. Manchmal gestehe er was, dann wieder nicht, sagt Staatsanwältin Schiereck-Bohlmann. Immerhin: Sechs Fälle konnten nur geklärt werden, weil er sie zugegeben hat. Wird er wegen der 84 Morde schuldig gesprochen, verändert sich für ihn nichts. Lebenslänglich mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld gibt es nur einmal.

Sicher ist: Er konnte auch morden, weil man ihn ließ. Die Verantwortlichen in den Krankenhäusern hatten Hinweise in Medikamenten- und Sterbestatistiken, die sie ignorierten. Den Kollegen fiel auf, dass Högel sich beim Reanimieren immer vordrängelte. Aber niemand stellte ihn klar zur Rede oder informierte die Polizei. Und als die dann doch anfing, Fragen zu stellen, zögerte die Staatsanwaltschaft Oldenburg.

Warum schritt niemand ein?

Von dort wird niemand belangt, das Verfahren gegen den damaligen Staatsanwalt wegen verschleppter Ermittlungen wurde niedergeschlagen. Gegen die Högel-Vorgesetzten in Oldenburg wird noch ermittelt. Von den Delmenhorster Chefs haben derzeit drei ein Verfahren wegen Unterlassung zu gewärtigen, bei drei weiteren wurde die Klage nicht zugelassen, die Staatsanwaltschaft hat Beschwerde dagegen eingelegt.

Zwei Tage nachdem Niels Högel auf frischer Tat ertappt worden war, fand im Klinikum Delmenhorst eine Besprechung zu seinem Verhalten statt. Man entschied sich, vorläufig nichts zu unternehmen, weil er ohnehin nach dem Ende seiner Schicht in Urlaub gehen würde. Das war das Todesurteil für sein letztes Opfer: An diesem Abend, am 24. Juli 2005 um 19  Uhr, brachte Niels Högel noch eine Patientin um.     

Immer neue Verbrechen

Obwohl Niels Högel längst verurteilt ist, zeigte sich das Ausmaß seiner Verbrechen erst nach und nach. Eine Chronologie der Ereignisse:

1999-2002 : Högel arbeitet im Klinikum Oldenburg.
2003-2005: Der Pfleger arbeitet auf der Intensivstation im Klinikum Delmenhorst.
Juni 2005: Eine Krankenschwester ertappt den Mann im Klinikum Delmenhorst auf frischer Tat, als er einem Patienten ein Mittel verabreichen will, das dieser gar nicht bekommen soll.
2006: Das Landgericht Oldenburg verurteilt ihn wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Haft. Der Bundesgerichtshof kippt das Urteil.
Juni 2008: Im Revisionsprozess verurteilt das Landgericht Oldenburg den Mann zu siebeneinhalb Jahren Haft wegen Mordversuchs.
Januar 2014: Die Staatsanwaltschaft erhebt erneut Anklage gegen den Mann, der Prozess beginnt im September.
November 2014 : Eine Sonderkommission der Polizei ermittelt. Sie geht inzwischen mehr als 200 Verdachtsfällen nach.
Januar 2015: Högel gesteht vor Gericht etwa 90 Taten. Bis zu 30 Patienten sollen gestorben sein.
Februar 2015: Das Landgericht Oldenburg verurteilt Niels Högel wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung an Patienten in Delmenhorst zu lebenslanger Haft. Das Gericht stellt zudem die besondere Schwere der Schuld fest.
Juni 2016: Die Ermittler geben bekannt, dass Högel für mindestens 33 Todesfälle am Klinikum Delmenhorst verantwortlich ist. Er habe gestanden, auch am Klinikum Oldenburg Patienten getötet zu haben.
August 2017: Niels Högel hat nach neuen Angaben der Ermittler 84 weitere Menschen auf dem Gewissen. Die Zahl der Todesfälle liege vermutlich sogar weit höher; viele Patienten seien jedoch eingeäschert worden und können nicht mehr untersucht werden. Die Sonderkommission soll Ende des Monats aufgelöst werden.     

Von Bert Strebe

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