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Raddampfer fährt wie vor 100 Jahren mit Kohle

Ehrenamtliche Crew Raddampfer fährt wie vor 100 Jahren mit Kohle

Der Elbe-Raddampfer „Kaiser Wilhelm“ wird wie vor hundert Jahren mit Kohle befeuert, und die gesamte Crew arbeitet ehrenamtlich. Bald fließen 950.000 Euro für seine Sanierung aus Berlin.

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Dampfschiff ohne Qualm: Das Bestreben eines jeden Heizers ist es, möglichst rauchfrei zu fahren - auch wenn sich viele Gäste etwas anderes wünschen. Die Schaufelräder verbergen sich übrigens hinter dem weißen Aufbau in der Mitte des „Kaiser Wilhelm“. Foto: Westphalen

Bleckede. Wenn der Rauch zu dunkel ist, hat Jürgen Schmidt zu viel Kohle in den Kessel geschippt. Der groß gewachsene Herr im Blaumann wirft daher immer erst einen aufmerksamen Blick hinter die Metalltür, bevor er die nächste Schaufel ansetzt. Jürgen Schmidt ist Psychologe. Und seit zwei Jahren ist er auch Heizer an Bord eines 117 Jahre alten Raddampfers: dem „Kaiser Wilhelm“ auf der Elbe.

„Die körperliche Arbeit macht mir Spaß“, sagt der 69-Jährige aus Winsen/Luhe und stützt sich zufrieden am Griff seiner Schaufel ab. Was er wann zu tun hat, das hat ihm der Hauptheizer Dirk Denckel beigebracht: Der 68-Jährige hat als Kraftwerksmeister gearbeitet, er hatte ein Leben lang mit Dampf zu tun: „Diese alte Maschine fasziniert mich.“

Wie vor 100 Jahren fährt der Raddampfer "Kaiser Wilhelm" auf der Elbe mit Kohle.

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Dirk Denckel und Jürgen Schmidt sind an diesem Sonnabendmorgen zwei von 15 Männern und Frauen, die in ihrer Freizeit dafür sorgen, dass bis zu 270 Menschen einen wunderbaren Tag auf der Elbe verbringen können. Denn die gesamte Crew des Raddampfers arbeitet ehrenamtlich.

Ein Raum weiter im Bauch des Kaisers wischt sich ein junger Mann die ölverschmierten Hände an der Arbeitshose ab. Lukas Neumann, 17 Jahre alt und Gymnasiast aus der Nähe von Hamburg, hat gerade Öl nachgegossen. Der Schüler hilft auf dem Schiff bei allem, was anfällt. Er hat auch schon bei minus zehn Grad im Winter alte Farbe von der Maschine gekratzt, um sie anschließend neu zu lackieren.

So häufig wie möglich fährt Lukas mit auf dem „Kaiser“, und da die meisten Termine am Wochenende stattfinden, kommt er bereits am Freitagnachmittag und wohnt dann bis Sonntag auf dem Schiff: Er schläft in einer der Kojen.

Wenn der junge Mann vom Zischen und Schnaufen der Dampfmaschine erzählt, fangen seine Augen an zu leuchten. „Seit ich sie das erste Mal gesehen habe, hat sie mich nicht mehr losgelassen. Die Maschine ist exakt 100 Jahre älter als ich, und ich stehe hier, schraube an ihr herum und fahre mit ihr. Das ist doch der Wahnsinn. Wenn nichts dazwischenkommt, wird man mich hier irgendwann hinaustragen müssen.“ Sogar zu einem Berufswunsch hat ihn der „Kaiser“ inspiriert: Nach dem Abitur möchte Lukas erst eine Lehre zum Maschinenbauer machen und dann studieren.

Hinter der nächsten Wand, in der Kombüse, steht Jan Freystatzky und schnippelt Porree klein. „Ein bisschen hiervon, abschmecken und fertig“, sagt der 54-Jährige und hebt zur Bestätigung den Topfdeckel an. Seine Erbsensuppe ist der Geheimtipp an Bord des „Kaisers“: Die Gäste bestellen sie auch bei 35 Grad im Schatten. Der gelernte Koch zaubert zusätzlich ein frisch zubereitetes Tagesgericht pro Fahrt - und alles zu sehr moderaten Preisen: Erbsensuppe 3 Euro, Frikadelle mit Gemüse 7,50 Euro, Brötchen mit Ei 1,50 Euro.

Sogar einen Briefkasten gibt es, die Fahrgäste können hier Postkarten und Briefmarken kaufen und ihre Post noch an Bord einwerfen. Nebenan sitzt Holger Böttcher und zählt das Kleingeld für die Tageskasse. Er ist der Geschäftsführer des Vereins und Zahlmeister an Bord, nimmt Anrufe entgegen und beantwortet E-Mails.

Der Industriekaufmann ist stolz, dass es Verein und Team auch noch 117 Jahre nach dem Bau des „Kaisers“ gelingt, den Gästen eine Dampferfahrt wie vor 100 Jahren zu bieten. „Das ist unser großes Ziel. Bei den modernen Maschinen und Autos kann man ja gar nichts mehr sehen. Bei uns darf man während der Fahrt in den Maschinenraum gehen und gucken, und anfassen darf man auch fast alles. Fast.“

Stolz ist Böttcher auch darauf, dass der Verein gerade eine Zusage aus Berlin bekommen hat: Die Bundesregierung unterstützt den notwendigen Kauf eines neuen Kessels sowie die Sanierung des Decks aus ihrem Denkmalschutzprogramm mit 950 000 Euro. „Wir belassen alles so originalgetreu wie möglich. Wir wollen ja kein moderner Luxuskreuzer werden.“

Von Carolin George

Jeder kann mitfahren

Am 20. Mai 1900 hatte der „Kaiser Wilhelm“ seinen Stapellauf, gebaut wurde er in Dresden für die spätere Oberweserdampfschifffahrt F.W. Meyer in Hameln. 1970 hat ihn der Verein zur Förderung des Lauenburger Elbschiffahrtsmuseums e. V. übernommen – der Raddampfer ist einer der letzten weltweit, die noch mit Kohle befeuert werden. Die Dampfmaschine verbraucht 150 Kilogramm oberschlesische Steinkohle pro Stunde.
Öffentliche Fahrten bietet die Crew regelmäßig zwischen Lauenburg und Bleckede sowie Lauenburg und Hitzacker an. Auf seine letzte Tour der Saison geht der „Kaiser“ am Sonntag,
1. Oktober. Auch Privatpersonen oder Firmen können das Schiff chartern.

cg

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Niedersachsen in Zahlen
  • Landeshauptstadt : Hannover
  • Ministerpräsident: Stephan Weil
  • Fläche : 47.634,90 km²
  • Einwohner : 7,791 Mio
  • Bevölkerungsdichte : 135 Einwohner je km²
  • Letzte Landtagswahl : 15. Oktober 2017
  • Wirtschaft : Firmendatenbank
  • Geographie : Niedersachsen hat im Norden eine natürliche Begrenzung durch die Nordsee, die Unterelbe sowie den unteren Mittellauf der Elbe. Als Enklave vom Landesgebiet umgeben ist das Land Bremen.
  • Berühmte Niedersachsen : Gerhard Schröder, Diane Kruger, Lena Meyer-Landrut, Sigmar Gabriel, Christian Wulff, Otto Waalkes, Mousse T., Klaus Meine
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