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Der Norden Rätsel um Spiralen aus der Bronzezeit
Nachrichten Der Norden Rätsel um Spiralen aus der Bronzezeit
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21:29 22.02.2012
Von Simon Benne
Die Kreise aus Draht könnten einst als frühes Zahlungsmittel gedient haben – oder sie waren Symbole eines Sonnenkultes. Quelle: Poblete
Hannover

Auf dem Acker waren schon ein paar uralte Tonscherben entdeckt worden. Daher nahm Jan Stammler das Areal besonders gründlich unter die Lupe. „Plötzlich gab mein Metalldetektor ein so heftiges Signal, dass ich dachte, ich hätte eine Bombe entdeckt“, sagt der Grabungstechniker. Behutsam grub er sich mit Kelle und Pinsel ins Erdreich vor – und stieß in 60 Zentimeter Tiefe auf eine Metallnadel und filigrane Goldfäden: „Da war mir klar, dass wir etwas aus der Bronzezeit gefunden hatten“, sagt der 35-Jährige aus Burgdorf bei Hannover.

Am Mittwoch wurde der Fund, den er an jenem 7. April 2011 in Gessel bei Syke (Kreis Diepholz) gemacht hatte, im Landesamt für Denkmalpflege in Hannover präsentiert. Ein Armreif, eine Gewandspange, acht Ketten aus Metallspiralen – der Schatz umfasst 117 Objekte aus reinem Gold und wiegt 1,8 Kilogramm. Der letzte vergleichbare Fund war vor 120 Jahren im emsländischen Lorup gemacht worden. „Dieser Schatz gibt uns Einblicke in die Bronzezeit, auf die wir nicht zu hoffen gewagt hatten“, sagt Stefan Winghart, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege. Der Hort stamme aus dem 14. Jahrhundert vor Christus: „Damals regierte in Ägypten Tutanchamun“, sagt Winghart.

Ein Zufallsfund ist der Goldschatz nicht: Beim Bau der gigantischen Nordeuropäischen Erdgasleitung (NEL) arbeiten sich Archäologen systematisch vor den Pipelineverlegern her. Der Fund von Gessel wurde noch am selben Tag „im Block geborgen“: Die Forscher stanzten einen großen Erdwürfel aus dem Acker aus und schafften ihn in einer Kiste in die Restaurierungswerkstatt nach Hannover. Spezialisten erstellten dort mit neuen Verfahren ein präzises CT-Bild der Metallobjekte im Erdblock: „Der Anordnung nach müssen sie einst in einem Beutel gesteckt haben“, sagt Landesarchäologe Henning Haßmann. Tatsächlich identifizierten Experten vom Landeskriminalamt Fasern, die sich an einer Bronzenadel erhalten hatten, als Leinen.

Inzwischen haben Metallforscher das Gold untersucht – und sind zu verblüffenden Ergebnissen gekommen. „Bislang dachte man, damals sei Schmuck nur mit Hämmern hergestellt worden“, sagt Robert Lehmann vom Institut für anorganische Chemie der Leibniz-Universität Hannover. Unterm Hochleistungsmikroskop kamen jedoch winzige Rillen auf den Goldspiralen zum Vorschein: „Wir haben hier gezogene Drähte vor uns“, sagt Lehmann. Offenbar war die Handwerkstechnik vor 3500 Jahren viel weiter entwickelt als bislang gedacht. Außerdem liegt der Goldgehalt des Metalls durchweg bei mehr als 90 Prozent – ähnlich wie bei vergleichbaren Stücken aus Museen: Gab es womöglich einen bronzezeitlichen Goldstandard? Waren die Spiralen, von denen jeweils zehn zu einer Kette verbunden waren, womöglich eine Art frühes Zahlungsmittel – oder vor allem ein religiöses Sonnensymbol?

„Die Verzierungen erinnern an Fundstücke aus dem Donauraum, der Armring ähnelt einem Fund aus Frankreich“, sagt Winghart. Doch die Vernetzung der Bronzezeitmenschen ging noch viel weiter: An der Uni Hannover wurden die Funde in einem neuen Verfahren mit Laserstrahlen beschossen. Winzige Partikel verdampften und konnten so auf ihre Bestandteile untersucht werden. Das Ergebnis: „Gold und Bronze stammen nicht aus Europa, sondern womöglich aus Zentralasien“, sagt Lehmann. Doch wurde der Schmuck auch dort angefertigt? Wie kam er in den Westen? Und wer vergrub den Schatz? Die Forscher werden mit dem Gold von Gessel noch viel Arbeit haben. „Der Fund“, sagt Winghart, „wird wohl nie alle Geheimnisse preisgeben.“

Das große Graben für die Gaspipeline

Das Projekt kostet eine Milliarde Euro: Bereits Ende des Jahres soll die Nordeuropäische Erdgasleitung (NEL) Gas aus Sibirien durch die Ostsee nach Deutschland leiten. Alljährlich soll sie mit 20 Milliarden Kubikmetern Gas ein Fünftel des deutschen Bedarfs decken. Für die Archäologen ist der Bau der Pipeline, die Gas in Speicher in Rehden bei Diepholz leitet, ein Glücksfall: Denn diese wird in Mecklenburg-Vorpommern auf 240 Kilometern und in Niedersachsen auf 200 Kilometern unterirdisch verlegt. „Wir stimmen uns eng mit dem Landesamt für Denkmalpflege ab“, sagt Hans-Georg Egelkamp, Projektleiter der Wingas GmbH. Ehe die Bagger anrücken und einen rund 2,50 Meter tiefen Graben für die 1,40 Meter breiten Röhren ausheben, suchen die Forscher den Geländestreifen systematisch ab. Dabei stießen sie auch auf den Goldschatz.

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